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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-03-04 · Heft 10 (4.3.1904) · p. Seite 110

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 10 (4.3.1904)
Date
1904-03-04
Page
Seite 110 (sequence 2)
Language
German
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110 ein zige Gott bleibt in alle Ewigkeit bestehen, uyd 'die Verbindlichkeit der religiösen Vorschriften wird nicht-im geringsten in Frage gestellt, ob ihre Offenbarung nach alter Auffassung an einem bestimmten Orte und zu einer bestimmten Zeit direkt von Gott ausgegangen, oder ob sie, wie wir glauben, aus dem Volke selbst, in welchem der Gottesgeist wirksam ist, im Verlause der geschichtlichen Entwicklung sich herausgestaltet haben. Uns ist das letzte Glied in der Kette der religiösen . Entwicklung ebenso wie das erste und älteste eine Manifestation des Gottesgeistes. Das ist sreilich nicht die Auffassung des Christentmns, welches das alte Testament nur darum beibehielt, weil es darin den Urgrund seines Wahrheitsbeweises erblickte. Schon die Preisgebung der. christologischen Ausdeutung des alten Testaments im vorigen Jahrhundert hat seine Grundlage erschüttert. Denn den Menschen Jesu reklamieren wir sür das Judentum, nur der Gottmensch Jesu konnte zum Stifter des Christentums werden. Ohne das Dogma gibt es kein Christentum, weder in seiner Lehre noch in seiner religiösen Uebung. Man denke nur an die Feier der christlichen Feste. Daher die Not und Oual der modernen christlichen Theologen, welche das Dogma innerlich überwunden haben, und denen das Christentum nichts weiter als reine Sittenlehre ist, hierin einen Unterschied zwischen Judentum und Christentum aufzuzeigen, und daher das Gerede von dem Partikularismus der Propheten in Gottesvorstellung und Sittlichkeit. Was Freiherr vonGrotthuß (bei Delitzsch S. 73) aufrichtig gesteht: *'■ „Ich könnte mich nicht zum Christentum bekennen, wenn ich mir jenes Gegensatzes nicht bewußt wäre, wenn ich nicht tief innerlich fühlte und wüßte, daß die Gottesanfchauung und Lehre Jesu so unendlich hoch und erhaben über dem Durchschnitt des alten Testamentes steht, daß man sich versucht fühlen könnte, sie in einer Reihe der wichtigsten Seelenfragen als von diesem Durchschnitt wesensverschieden, nicht nur stufenweise verschieden zu bezeichnen. Das kennzeichnet die Gefahr, der die moderne Theologie durch das Bestreben zu begegnen sucht, das Judentunr auf jede Weise herabzudrücken, bald von dem „Joche des Gesetzes", bald von dem „Gotte der Rache", bald von der „Enge der jüdischen Ethik" zu reden, damit sich das Christentum von dein dunklen Hintergründe des Judentums um so leuchtender abhebe. Delitzsch hat diese Schlagworte nur noch um ein neues vermehrt: er hat dem Judentum, was er jetzt freilich zum Teil in Abrede stellt, die Erfindung des Monotheismus abgesprochen und sie einem unbekannten semitischen Nomadenstamme zugeschrieben. Seinen eigentlichen Zweck, die „geschichtlichorganische Verbindung" des Christentums mit dem alten Testamente zu lösen (S. 37)*), wird er dennoch nicht erreichen. Denn diese Verbindung ist eine welthistorische Tatsache, die keine babylonische Ausgrabung je wird erschüttern können. Doch das alles gehört, . wie gesagt, zu den häuslichen Sorgen der evangelischen Theologie, und auch was er zum Schluß (S. 57—66) gegen seine jüdischen Kritiker anführt, kann mich nicht dazu bringen, hundertmal Gesagtes noch einmal und dennoch vergebens zu wiederholen. Was mich heute dazu veranlaßt, aus di ese m o n u m e n t a l e n Tatsachen", w ie Delitzsch stolz sagt, zurückzukommen, ist eine persönliche Insinuation, die für seine ganze Kampfesweise in der neuen Schrift charakteristisch ist. Auf Seite 64 in der Anmerkung sagt Delitzsch: y Was er damit meint, daß er sagt, „das Verhalten des Judentums zum Christentum spricht für Verneinung dieser Frage" (nämlich der Frage, ob und inwieweit das Christentum mit dem Alten Testament in geschichtlich-organischer Verbindung stehe), ist mir verborgen geblieben. „Herr Rabbiner Dr. S.. Mahbaum schrieb: in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 23. Januar 1903: „Was soll man dazu sagen, wenn Delitzsch behauptet, daß Jahwe in der Bibel körperlich gedacht sei, weil er' in der biblischen Sage vom Sündenfall „zur Abendzeit spazieren geht", und Weiler „bei Abraham Kalbsbraten speist". Die Antwort auf diese Frage liegt nahe genüg und kann nicht anders lauten, als daß es .vor Gott und Menschen unverantwortlich ist, dem Gegner selbstausgeklügelte frivole Witzeleien unterzuschieben." Wer mich kennt, der wird es nicht glauben, daß ich einer vor Gott und Menschen unverantwortlichen Handlung fähig wäre. Indes der Schein spricht gegen mich, denn in dem gedruckten zweiten Vortrage Delitzschs stehen diese Frivolitäten nicht, die ich in meiner Kritik gerügt habe. Aber ich habe sie aus seinem Munde gehört, ich war Ohrenzeuge seines Vortrages, und den am 23. Januar 1903 erschienenen Artikel habe ich gleich daraus unter den: Eindrücke. des Gehörten niedergeschrieben. Ist es nun loyal von Delitzsch, erst die tatsächlich gebrauchten Ausdrücke bei der Veröffentlichung zu streichen und dann mir vorzuwerfen, daß ich ihm etwas Selbstausgeklügeltes untergeschoben habe? Glücklicherweise bin ich im Besitze eines Briefes, den mir Delitzsch ganz spontan am 24. Januar, also gleich nachdem er meinen Artikel gelesen, geschrieben hat. Nur notgedrungen veröffentliche ich ihn hier im Wortlaut: „Euer Hochwürden wage ich — trotz alledem. — dieses Exemplar der Neuausgabe meines vorjährigen Vortrages ganz ergebenst zu überreichen. Zwar habe ich Ihre Besprechung meines diesjährigen Vortrages nur erst durchfliegen können, aber ich habe den Eindruck gewonnen, daß wir nach Drucklegung desselben mit Anmerkungen, sehr wohl in eine wissenschaftliche Diskussion dieser ernsten Fragen eintreteit können. Das Judentum „beleidigen" zu wollen, diese Absicht traut mir gewiß niemand zu, der mich kennt. Euer Hochwürden hochachtungsvollst ergebenster Delitzsch." Enthielte mein Artikel „selbstausgeklügelte frivole Witzeleien", wegen deren Unterschiebung Delitzsch mich jetzt vor Gott und der Welt anklagt, so konnte er mir unmöglich den obigen Brief schreiben. Die Mochr. Berlin, 2. März. ie Beobachtungen, die wir in unseren Parlamenten gegenwärtig zu machen haben, sind keineswegs sehr erbaulicher Natur. Weder beim Militärnoch beim Justizetat, ist im Reichstag ein Wort über die Zurücksetzungen gefallen, die die Juden auf beiden Gebieten alltäglich erfahren müssen. Unsere Hoffnungen waren in dieser Beziehung allerdings nur geringe; aber sie sind noch herabgestimmt worden durch die Behandlung, welche wir im Abgeordnetenhause erfahren. Auf keine Herausforderung von antisemitischer Seite ist bis jetzt die gebührende Antwort gegeben worden. Als der Abgeordnete Böckler jüngst anläßlich der Ostmarken-Zulage die Juden der Provinz Posen in schärfster Weise angriff, da schwiegen die jüdischen Abgeordneten der Provinz so mäuschenstill, als handelte es sich nicht um ihre Glaubensgenossen und Landsleute, sondern etwa um die Chinesen in der Mandschurei. Wer diese Politik des Schweigens billigt, der hat . aus den Erfahrungen der letzten fünfundzwanzig Jahre nur wenig gelernt. Leider huldigt auch die Regierung dieser Politik des Schweigens in sehr beredter Weise. Auf keine Anfrage hinsichtlich der Behandlung deutscher Staatsbürger in Rußland ist bis jetzt eine Antwort gegeben worden. Auch die Präsidenten der

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