Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 10 (4.3.1904)
- Date
- 1904-03-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 68.Jahrgang. Ko. 10. Berlin, 4. März 1904. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav «arpeles. Begründet von Rabbiner 9* Ludwig PhillxPson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf LNosse, Berlin. Koch rmmsl „lösbrl und Bibel". Von Professor Dr. S. Maybaum. on Friedrich Delitzsch ist eine neue Schrift: „Babel und Bibel, ein Rückblick und Ausblick" erschienen, worin er sich mit den zahlreichen Gegnern, die ihm infolge seiner Borträge über „Babel und Bibel" erwachsen sind, auseinandersetzt. Seine Ausführungen sind zum überwiegend größten Teile gegen seine christlichen Gegner gerichtet, und die Folgerungen, die er aus ihnen zieht, betreffen innere Angelegenheiten der christlichen Theologie und der evangelischen Kirche, in die wir nicht dreinzureden haben. Ob die Erzählungen von der Schöpfung der Welt in sechs Tagen, der Erschaffung des Menschen aus Ton und der Einhauchung des Lebensodems in die Nase rc. aus dem christlichen Religionsunterrichte ausscheiden sollen; ob ferner der größere Teil des zweiten Buches und das dritte und vierte Buch Mose, worin die Erbauung der Stiftshütte geschildert und die Opfer- und Festgesetze behandelt werden; ob endlich die Bücher der Könige samt den Wundertaten Elias' und Elisas aus den christlichen Lehrbüchern des alten Testamentes gestrichen werden sollen, kümmert uns nicht. Ja, selbst die Forderung, daß das alte Testament aus seiner bisherigen Stellung als Grundlage des neuen Testamentes entfernt werden solle, ist eine Sache, die uns nicht angeht. Auch für den unwahrscheinlichen Fall, daß Delitzsch mit dieser Forderung dnrchdringt, bleibt die welthistorische Tatsache bestehen, daß das Christentum ein Kind des Judentums ist. Freilich, die Gründe, mit denen Delitzsch seine Forderungen unterstützt, und durch die er die Minderwertigkeit des alten Testaments in Bezug auf seine Gottesvorstellung und Sittlichkeit beweisen will, treffen auch uns an der Herzwurzel. Hier aber wurden alle seine Angriffe nicht bloß von jüdischer Seite, sondern, was wirksamer ist, von christlichen Theologen allerersten Ranges so vollständig abgeschlagen, daß wir die jetzige Wiederholung seiner früheren Behauptungen auf sich beruhen lassen können. Trotz seiner Beteuerung, „seit seinem 22. Lebensjahre, die unter Anleitung der damals gefeiertsten Alttestamentler begonnenen alttestamentlichen Studien unablässig fortgesetzt und dann seine religionsgeschichtlichen Forschungen auf den Koran und die babylonisch-assyrische Keilschriftliteratur ausgedehnt zu haben", zeigt es sich doch immer mehr, daß er diese Studien.nicht mehr vollkommen beherrscht. Ihm sind die unter Jerobeam I. in Dan und Bethel aufgerichteten goldenen Kälber aus Aegypten eingeführt (Seite 39); ihm steht der Baal- und Astartenkultus höher als der sogenannte -Kälberdienst (ibid.), der doch nur eine bildliche Darstellung Jahwes war; ihm ist der großartige Kampf, den Elia und Elisa gegen den Baal führen, nichts als ein blutiges Gemetzel, für das er noch dazu den Propheten verantwortlich macht'/; und daß ohne diesen Kampf und Sieg Jahwes in Israel wie in Juda (wo um dieselbe Zeit durch die Entthronung Athaljas die Seuche des Baalsdienstes ausgerottet wurde), das Prophetentum eines Amos und Hosea nicht möglich war, das scheint er wirklich vergessen zu haben. Aber auch was er gegen den Offenbarungsbegriff in der evangelischen Kirche und gegen die Annahme einer Berbalinspiration der heiligen Schrift vorträgt, berührt uns nicht. Wenn die evangelischen Theologen, wie die Bekenntnisse von Gunkel und Böhmer (Seite 9 und 10) beweisen, hierin eine Wandlung herbeisehnen, so mag Delitzsch mit Recht das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, diese bedeutsame Frage durch feine Vortrüge in Fluß gebracht zu haben. Wir Juden bedurften hierzu nicht erst seiner Anregung. Ich habe schon in meiner „Jüdischen Homiletik", Berlin 1890, Seite 180 von der „ewigen Offenbarung Gottes" gesprochen, wie sie in der mehrhundertjührigen Entwicklung des Prophetentums zu Tage tritt und durch die Geschichte des Judentums bis auf die Gegenwart bezeugt wird. Und was die Gott und den Propheten zügeschriebenen Wunder betrifft, so habeich in meiner „Methodik des jüdischen Religionsunterrichts" Breslau 1896, Seite 66 und 70 gezeigt, daß wir in der heiligen Schrift die Tatsachen von ihrer Einkleidung unterscheiden und letztere für die Zutat des Schriftstellers oder Dichters anseheu, der die Vorkommnisse poetisch ausmalt; und daß wir es, wo die berichteten Tatsachen dem Naturgesetz und der Welterfahrung widersprechen, mit Sagen der altisraelitischen Volks - Poesie zu tun haben, die sich hierin von derjenigen anderer Völker nicht unterscheidet. Uns hat der Bericht (Josua 10,12 ff.) von dem Stillestehen der Sonne auf Befehl Josuas nicht gehindert, das Kopernikanische Weltsystem zu aeceptieren, und wir fühlen uns, was schon Maimonides -) ausgesprochen hat, an die Weltschöpfungstheorie der heiligen Schrift durchaus nicht gebunden. Nach unserer Meinung war das Interesse des biblischen Erzählers hauptsächlich ein religiöses; naturwissenschaftliche Erkenntnis zu begründen und zu verbreiten, lag seiner Tendenz vollkommen fern. So haben wir zu allen Zeiten unsere Auffassung von der heiligen Schrift mit dem jeweiligen Stande der Kultur zur Ausgleichung gebracht. Wir konnten das tun, ohne unsere Religion in irgend einem Betrachte zu gefährden. Der einigy Und doch nennt Elisa 2. B. Könige 6,32 Joachaz den-Sohn Jehus nüHön ‘p, Sohn eines Mörders, was einer Mißbilligung der Grausamkeiten Jehns gleichkommt. 2) MorS II, 25.