Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1904)
- Date
- 1904-02-26
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Stellen der Bibel zeugen gegen dieses Vorurteil. Die Propheten künden die Lehre von den: allmächtigen Gotte, deridas Weltall gebildet und das Menschenvolk auf Erden geschaffen hat, vor dem Völker sind wie der Tropfen am Eimer, der die Geschicke aller Menschen lenkt, in dessen Hand -Könige und Völker nur die Werkzeuge seines Willens sind. Jeremia betet:, „Zu Dir werden Völker von der- Erde - Enden kommen und sprechen: Nur Trug haben unsere Väter zu eigen gehabt, Nichtiges, das nicht nützen kann." .Den Gottestempel der Zukunft nennt der babylonische Jesaja ein „Bethaus für alle Völker", ausdrücklich tritt er der. Anschauung entgegen,, als habe der Fremdling einen geringeren Wert vor Gott als der Abkömmling Israels. Jesaja und Micha zitieren den Ausspruch eines ungenannten älteren Propheten, daß dereinst alle Völker zusammenströmen werden, um von dem Gotte Jakobs Belehrung zu empfangen,. Sacharja und ebenso Zephanja kennzeichnen die messianische Zeit als die Zeit, da Gott als Weltenherr allgemein anerkannt wird, und so fort. Fast noch charakteristischer ist die Tatsache, daß die Propheten ihre Sendung als über Israel hinausgehend betrachteten. Amos wendet sich an andere Völker,, ehe er Israel seine Sünde vorhält, das Buch Jona erzählt von einer prophetischen Sendung an die Assyrer durchaus nicht in der Art,. wie von einem außerordentlichen Ereignis berichtet wird, Jeremia erklärt ausdrücklich, zum Propheten „für die Völker" berufen zu sein. Wie wenig der Gott des Judentums etwa nur ein Gott der Seinen ist, das beweisen in den Reden der späteren Propheten ganz besonders die Stellen, in denen die Lehre von der Erwählung Israels lediglich gedeutet wird als die. Anerkennung besonderer Verpflichtung und Verantwortlichkeit (vgl. Amos 3, 2), oder gar Stellen wie Amos 9, 7:. „Seid ihr mir nicht wie die Kuschiter, ihr Kinder Israel? Habe ich nicht Israel aus Aegypten und die Philister aus Kastor und Aram aus Kir heraufgeführt?" Und diese Universalität des jüdischen Gottesbegriffs ist von der talmudischen Tradition niemals eingeschränkt und eingeengt worden. Statt aller Einzelheiten sei hier nur auf. das Mußafgebet des Neujahrsfestes und das . von hier in unfern täglichen Gottesdienst übergegangene Alenugebet hingewiesen. Gerade darin unterscheidet sich eben der. jüdische Gottesbegriff von dem heidnischen, daß er wohl auf volkstümlicher Grundlage emporgewachsen, daß aber die Idee eines Nationalgottes ihm fremd, seinem innersten Wesen widerstrebend ist. Fehler und Jrrtümer im Einzelnen können den Wert der Mommsenffchen Darstellung und den großen Genuß, den ihre Lektüre gewährt, nicht beeinträchtigen. Das Kapitel Judaea und..die Juden ist das Werk eines Historikers, der über die Fähigkeit verfügt, die Einzelheiten zu einem abgerundeten Ganzen zusammenfassen, die großen Zusammenhänge auszuzeigen. Es verschlägt wenig, ob dabei ein paar Jrrtümer mit unterlaufen. Wer sich mit der jüdischen Geschichte jener Zeit beschäftigt, für den wird Mommsens Darstellung ganz besonders daß er der Welt etwas zu sagen habe und etwas bringen müsse, was die ganze Menschheit angehe — den einen geistigen Gott, Schöpfer Himmels und der Erde, und sein heiliges Sittengesetz", daß in der jüdischen Propaganda alles übrige völlig zurücktrat gegenüber der Anerkennung Gottes und seiner sittlichen Forderungen", daß infolge dessen die verschiedensten Formen und Stufen des Proselhtentums zu erkennen sind. Also nicht Zugehörigkeit zum Judentum,, sondern Anerkennung des einen Gottes, auch ohne daß man förmlich Jude werde. Denn darin hat Harnack recht: War Gott „ein Nationalgott, so war er nicht der einzige", so konnte, ja mußte jedes andere Volk einen andern Gott haben, so war das Dasein anderer. Gottheiten zugegeben. ' instruktiv sein, weil uicht wie gemeinhin sonstdie jüdische' Geschichte für sich betrachtet wird, sondern ihre Stelle -zugewiesen erhält in der . Darstellung der Geschichte des großen Weltreichs, weil nicht die. jüdische- Geschichte, der Ausgangspunkt ist, sondern die Betrachtung der damals bekannten Welt. Wenn Eduard Meyer mit Recht Grundlage und Ziel aller Geschichtsforschung selbst im begrenztesten Detail immer nur in der Universalgeschichte erblicktso trifft das in ganz besonderem Maße für. die jüdische Geschichte zu. Ihre Bedeutung kann. keineswegs nur die Darstellung des Geschicks unserer Vorfahren sein, ihr Wert besteht vielmehr in der Erkenntnis des religiösen und geistigen Einflusses, den das Judentum ausgeübt hat, und der Wechselwirkung der vom . Judentum ausgehenden und wiederum auf das. Judentum influierenden; Kulturelemente. - i> Königsberg i. Pr. Hermann Vogelstein.. Kinder unterer Leit. . Roman'von Jacob Levy. jp Kapitel 20. ^!^ugo gehörte zu den jungen Regierungsbeamten, denen fj eine große Karriere prophezeit wurde. Er galt als streng konservativ, war auf die - Kreuzzeitung abonniert und verkehrte selbstredend nur mit Leuten seiner Richtung. In seinen Salpns sah man die. Herren mit den fest anliegenden Brillen, dein beständig milden Lächeln auf den glatten Zügen, und die Männer mit dem umssiven Unterkiefer, der Sportvorstecknadel und dem lauten Lachen, die immer „vom Juden" beim Getreidebau betrogen wurden und deshalb sehr häufig in Berlin waren, um sich ein bischen zu zerstreuen. Und die jüngere Beamtenkategorie, die Herren mit den Schmissen im Gesicht und dem aufwärts gedrehten Schnurrbart. Manche davon hielten Vorträge in konservativen und sonstigen christlichen Vereinen, donnerten über das Gift, das dem Volke in Theatern, in Büchern, in Zeitungen gereicht wird — „das Volk verliert seine Ideale, , wird verjudet, wir konservativen Männer nrüffen zusammenstehen!" — sie selbst aber fröhnen den modernen Genüssen in schlimmstem Maße. Der hat einen Landrat in der Sippe, und jener, einen Regierungspräsidenten zum Schwager, und alles das bildet eine unzerbrechliche konservative Leiter, die einzelnen Sprossen mit Antisemitismus fest geschraubt, und auf dieser Leiter will Hugo in den Ministersessel klettern. Es giebt ja in dieser Partei auch hochachtbare, angesehene Männer, aber die minderwerten Schreier verstehen hier, wie so vielfach im Leben, sich vorzudrängen und den Ton anzugeben. Die älteren Damen in diesen Kreisen sind jetzt sehr fromm geworden. Mit salbungsvoller Miene und frommem Augenaufschlag Wundern sie sich über die Langmut des Himmels dem Zeitgeist gegenüber. Bei den jüngeren Frauen, befinden sich ebenfalls viele streng kirchlich gesinnte. Sehr werktätig erweisen sie ihre Wohltaten vorzugsweise den Frommen, am liebsten verschenken sie Bibeln. Die jungen Mädchen find vorläufig weder konservativ, noch bigott. Ein Ball mit flotten Leutnants ist ihnen lieber als die ganze Mission mit ihrem Anhang; unter diesen Mädchen fühlt sich Erna am wohlsten. '