Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1904)
- Date
- 1904-02-26
- Page
- Seite 105 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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1Ö5 Schriftgelehrten, dachten anders. Religiöse, nicht nationale! Motive hatten die Erhebung herbeigesührt, nicht aus dem Haß! gegen die Fremdherrschaft, sondern , aus der religiösen Begeisterung hatte man die Kraft zur Abwehr und zum Siege geschöpft. Dem Staatsgebilde stand diese Partei, die Pharisäer, wesentlich gleichgültig gegenüber, die Großmachtsgelüste verwarfen sie; auf die Festigung der Theokratie, auf die Kräftigung der Religion und der religiösen Institutionen, auf die Wetterführung des Werkes Esras war ihr Hauptaugenmerk gerichtet. Vor Pompejus erschien eine jüdische Gesandtschaft, die die Abschaffung des Königtums und Wiederherstellung der alten Verfassung verlangte, - und 60 Jahre später forderte abermals eine Gesandtschaft von Augustus die Absetzung der Herodianer und.Einverleibung Judäas in das römische Reich. Erst später, unter dein zunehmenden Drucke der Römerherrschaft änderte sich die Haltung der Pharisäer insofern, als wiederum wie in der Syrerzeit auch das nationale Moment .mehr in den Vordergrund trat. In dem Wesen dieses in sich zwiespältigen religiös-politischen Staatswesens lag der Keim zu den Kmnpfen der Parteien. Aus religiösen: Gebiete waren die Pharisäer die Vertreter einer gesunden geschichtlichen Entwicklung. Eben weil ihnen die Thora als ewig und unverbrüchlich galt, war sie ihnen kein toter Buchstabe; vielmehr erheischte ihre Befolgung und Anwendung in jeder Zeit ihre Weiterbildung und Auslegung durch die Schristsorschung und die mündliche Ueberlieserung. a) Die Sadducäer verwarfen die ganze spätere Entwicklung als nicht verbindlich und klammerten sich sklavisch an den Buchstaben. Sie waren in religiöser Beziehung ein Element des Stillstands, der Stagnation^) Es beruht auf völliger Verkennung der Tatsachen, wenn Mommsen von dem „freieren Denken und Handeln" der Sadducäer spricht, das sich mit dem hellenischen Wesen berührte, oder wenn er meint, daß die Sadducäer „in der Intelligenz" überwogen. Aus gleicher Quelle wie diese Jrrtümer entspringt ein weiterer Fehler. Mommsen setzt nämlich Königtum und Priesterregiment in: hasmonäischen Staate in einen gewissen Gegensatz und identifiziert die pharisäische Partei mit diesen: Priesterregiment. Abraham Geiger hat die Hypothese aufgestellt, die Sadducäer seien die Nachkommen der zadokitischen Priesterfamilie gewesen. Die Hypothese selbst ist unrichtig. So. viel aber steht unbedingt fest, daß die Priesterschaft bis in die letzten Zeiten des Tempels hinein überwiegend sadducäisch gesinnt gewesen ist3) und daß die Führer der Pharisäer, nicht die Priester, sondern die Schriftgelehrten waren. Es ist eben eine eigenartige Erscheinung in der jüdischen Geschichte, daß die religiöse Führung nur ausnahmsweise in den Händen der Priesterschaft lag, daß die Priesterschaft nur verhältnismäßig selten die religiösen Interessen warmherzig vertrat und förderte. Die religiösen Führer, die Propheten und später die Schriftgelehrten, haben vielfach einen schweren Kamps gegen die Priesterschaft führen müssen. Wohl stammten Jeremia, Ezechiel und Esra aus priesterlichen Familien, aber was sie geleistet, haben sie nicht als Priester, sondern als Propheten bezw. Schristgelehrte *) S. Geiger, Das Judentum und seine Geschichte I (2. Ausl.), 74 und mein Die Anfänge des Talnmds rc. S. 5. 2) Auch Schürer, Geschichte des jüd. Volkes (3. Ausl.) II, der auf S. 391 Geiger wegen der in seinem Aussatze Pharisäer und Sadducäer ausgesprochenen Ansicht, daß der Pharisäismus das Prinzip der fortschreitenden Entwicklung sei, verspottet, bezeichnet auf S. 415 den religiösen Standpunkt der Sadducäer als den älteren, „man kann sagen archaistischen Standpunkt". 8) Chwolson, Das letzte Passahmahl Christi S. 86 ff., Schürer, Geschichte des jüd. Volkes (3. Aufl.) II, 380—419. geleistet. Jeremia ist gerade von seinen Stanunesgenossen, den Priestern, aus das Heftigste angeseindet worden; das große Reformwerk Esras und Nehemias ist gänzlich ohne die Priester durchgeführt worden. Außerhalb des Tempels, also des Amtsbezirks der Priester, versammelte sich das Volk zu Gottesdienst und Thoravorlesung um Esra, der in den Berichten hierüber geflissentlich niemals als Priester, sondern stets als der Schriftgelehrte bezeichnet wird?) Und wie die spätere Zeit urteilte, erhellt aus dem Satze, der den Schristgelehrten höher stellt als den ungelehrten Hohenpriester.2) Der Priester galt eben nur beim Opserdienst im Tempel; außerhalb dieser Sphäre verlieh nicht priesterliche Abkunst, sondern lediglich das Wissen Autorität. Es ist darum völlig verfehlt, wenn Mommsen meint,* * 8) daß später der Patriarch, d. h. das Harrpt des Lehrhauses und des Synhedriums aus dem Hause Hillel, für die Juden „ohne Frage" der alte Hohepriester gewesen sei, der kraft erblichen Priesterrechts über seine Glaubensgenossen fast wie ein Herrscher schaltete. Die Priester hatten mit der Zerstörung des Tempels ihre Rolle endgültig äusgespielt. Alle diese Jrrtümer erklären sich durch die Darstellung des Neuen Testaments, das Pharisäer, Schriftgelehrte und Priester wiederholt in einem Atem als die Gegner Jesu nennt und die Pharisäer als heuchlerisch, borniert, in rein äußerlicher Werkgerechtigkeit sich erschöpfend schildert. Dazu kommt nun noch das, was Schreiner") treffend als die „paulinische Religionspsychologie" gekennzeichnet hat, die seit Paulus hervortretende Gegnerschaft gegen das jüdische „Gesetz" und das Judentum als Gesetzesreligion. Das sind Momente, welche naturgemäß das Urteil über die Pharisäer, also eben die Träger derUeberlieferung, ungünstig beeinflussen mußten. In neuester Zeit erkennen selbst christliche Gelehrte an, daß die neutestamentlichen Schriften keine gerechte Beurteilung der Pharisäer enthalten, sondern daß sie „Streitschriften" finb,5) die die Verhältnisse von einem einseitigen Parteistandpunkt ins Auge fassen. Aber wenn man sieht, wie schwer es den christlichen Fachgelehrten wird, sich von den eingeimpften Vorurteilen frei zu machen und die Konsequenzen ihrer Beurteilung der neutestamentlichen Schriften als Streitschriften zu ziehen/) so darf man sich nicht wundern, wenn Mommsen, der dies Gebiet nicht selbständig durchforscht hat, sich von jenen irrigen Anschauungen leiten läßt. Noch ein weiterer Punkt sei hervorgehoben: „kein anderer Gott ist so von Haus aus der Gott nur der Seinen gewesen wie Jahve, und keiner es so ohne Unterschied von Zeit und Ort geblieben."^ Es ist die oft genug behauptete Enge und Engherzigkeit des jüdischen Gottesbegriffs — auch dies wiederum eine Anschauung, von der selbst die christlichen Fachgelehrten sich nur teilweise haben frei machen können?) Zahllose h Nehemia Kap. 8. 9: 2) Tosesta Horajoth 2, 10. 8) Röm. Gesch. V, 548. ") S. das Vorwart in Schreiners Die jüngsten Urteile über das Judentum. ö) O. Holtzmann, Die jüdische Schristgclehrsamkeit zur Zeit Jesu; Bousset, Religion des Judentums S. 41. 0) Sehr lehrreich ist die Nebeneinanderstellung dieser Widersprüche bei Perles, Bvussets Religion des Judentums S. 24. ') Röw. Gesch. V, 487. H) Ueberaus charakteristisch ist in dieser Beziehung Harnack in seinem neuen Buche Mission und Ausbreitung des Christentums. Er nennt (S. 16) das Judentmn eine nationale Religion und fügt den seltsamen Zusatz bei: „Die Bedingung, mau müsse Jude werden, um Monotheist zu sein, war ja auch unverständig; sie setzte den Schöpfer Himmels und der Erde zu einem Nationalgott herab." Die Aeußerung Haruacks muß um so mehr befremden, als er wenige Seiten vorher (S. 7f.) ausdrücklich anerkennt, daß „der Jude fühlte.