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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-02-26 · Heft 9 (26.2.1904) · p. Seite 104

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 9 (26.2.1904)
Date
1904-02-26
Page
Seite 104 (sequence 8)
Language
German
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101 in btcfcr Verjüngung; . . . . aber es ist eine Verwesung, der frische, zum teil noch heute grünende Saaten entkeimten."*) Gewiß ist es für den Beschauer ein erfreulicheres Bild, eine aufstrebende Nation mit urwüchsiger Kultur zu betrachten, als ein Zeitalter, dessen Inhalt die Zersetzung der nationalen Eigenarten ist. Aber die Erwägung söhnt mit solchen Zeiten aus, daß die bisher eng begrenzte nationale Kultur, über sich selbst hinauswachsend, Völkermengen in ihren Kreis zieht und höherer Zivilisation Zuführt. Man hat lange, bis in die neueste Zeit hinein, für das alte Griechentum ungeteilte Bewunderung gehegt, den Hellenismus lediglich als eine Zeit des Niedergangs angesehen und in seiner kulturellen Bedeutung nicht ausreichend gewürdigt. Der römischen Kaiserzeit ist es ähnlich ergangen. Zweifellos stellt -sie nach vielen Richtungen hin eine Epoche des Niedergangs dar. Und doch hat sie gerade durch die Verallgemeinerung der hellenisch-italischen Kultur, durch den lebendigen Austausch der Kultnrelemente, durch die Nivellierung der Gegensätze, durch die Hineinziehung der Barbaren in das Kulturleben das Werden einer neuen Zeit angebahnt. An diesem Werke, an dieser Verbindung und Ausgleichung von Orient und Occident mußten naturgemäß die Juden einen lebhaften Anteil haben. Das ganze Gebiet hellenischer Kultur war damals von den Juden durchzogen und wiederum das Judentum von den Wellen des griechischen Geisteslebens erfaßt. Die Literatur jener Zeit ist „getränkt von jüdischen Elementen, und es sind mit die hellsten Köpfe und die geistreichsten Denker, welche entweder als Hellenen in das jüdische oder als Juden in das hellenische Wesen Eingang suchten."?) Ans dem Boden des heiligen Landes bestand ein nationales jüdisches- Staatswesen, hier stand der Tempel, hier war der Mittelpunkt, die Heimat für die über das ganze Weltreich und darüber hinaus Verstreuten. Aber wie winzig war dies Reich, wie verschwindend die Zahl seiner Bewohner gegenüber den Juden in den anderen Ländern! Für die jüdische Geschichte ist eben charakteristisch die immer zunehmende Ausdehnung, die immer wachsende Zahl und innner größer werdende Bedeutung der Diaspora im Vergleich zum Mutterlande, dessen Politik von der Diaspora durchaus nicht immer gebilligt und unterstützt wurde. Zum Teil schon seit Jahrhunderten in ihren Wohnsitzen außerhalb Palästinas vielfach in den großen Verkehrs¬ und Kulturzentren lebend, waren sie dort heimisch geworden, hatten sich in Sprache und Sitten ihrer Umgebung angepaßt und dennoch ihre heimischen Sitten sich bewahrt. In geistigem und in religiösen! Sinne waren sie eine Einheit, nicht aber in politischen: Sinne. Wohin sie kamen, fanden sie ihren Gott und trugen die Verehrung des einen über alle Menschen gebietenden Weltenherrn in die fernsten Zonen. Sv mußte ihre zunehmende Verbreitung die Idee des Weltbürgertums fördern. Die späteren Ereignisse nach dem Fall des Tempels haben dieser Entwicklung Einhalt getan und das Judentum nach außen und nach innen strenger abgeschlossen. Im römischen Reiche wurde der Erbe des Judentums in jener auf das Weltbürgertum,. auf die Nivellierung der nationalen Gegensätze gerichteten Tendenz das Christentum, dessen Ausbreitung durch die /kosmopolitischen Anschauungen der Kaiserzeit wesentlich gefördert worden ist?) Wie diese Entwicklung im Judentum vor sich gegangen ist, wie sie als eine notwendige uns erscheinen muß, schildert Mommsen in großen Zügen in dem Kapitel Judaea und die *) Mommsen, Röm. Gesch. III, 567.?) Daselbst, V, 494. 3) Siehe Harnack, Mission und Ausbreitung des Christentums Seite 12 ff. Juden im V, Bande seiner römischen Geschichte. Daß hier neben viel Richtigem, ja Meisterhaftem, sich vielfach Jrrtümer finden, kann ganz und gar nicht wunder nehmen. Mit Recht bezeichnet Mommsen die theokratische Gemeinschaft der aus dem babylonischen Exil heimgekehrten Juden als einen „Kirchenunstaat",'der nur dauern konnte, so lange eine weltliche Großmacht ihm als Schirmherr oder als Büttel diente; mit Recht nennt er das hasmonäische Königtun: zugleich das Erzeugnis und den Gegensatz der religiösen Theokratie?) Aber zu einer! gerechten Würdigung dieser Theokratie ist er nicht gelangt.! Der Verwirklichung der Theokratie, die die Thora zum Mittel-! Punkt und zur Grundlage des gefaulten Lebens der Gemeinj schuft gemacht hat, der strengen Absonderung, die Esra und j Nehemia durchgeführt haben, lagen nicht politische, sondern i lediglich religiöse Erwägungen zu Grunde.' Esras Maßnahmen,! die Verstoßung der ausländischen Frauen mit ihren Kindern,! die Zerreißung der innigsten Familienbande, waren hart, ja j grausam, sie waren, lediglich vom politischen Standpunkt aus! betrachtet, verfehlt, weil sie mit Notwendigkeit die Feindseligkeit! der Nachbaren herausbeschwören mußten. Aber die Häupter | und Reorganisatoren der nachexilischen Gemeinde haben keinen! Staat schaffen wollen, ihr Ziel war lediglich ein religiöses. : Sie gingen von der Ueberzeugung aus, daß die nachexilische; Gemeinde erst in sich religiös gefestigt werden müsse und daß - sie zu dieser Konsolidierung allerdings eines gewissen Maßes! von politischer Selbständigkeit' und der strengen Abschließung!. gegen die Heidenwelt vorerst bedurfte. Freilich setzten diese j Maßnahmen die Fremdherrschaft voraus; aber mit der Fremd-! Herrschaft hatten sich seit Jeremia die führenden Geister des! Judentums abgesunden. Schon in dem Zukunftsbilde Ezechiels! erscheint der Fürst weniger als das politische denn als das j weltliche religiöse Oberhaupt. Die Durchführung der Theokratie j hat aber in der Tat den Erfolg gehabt, daß in dem großen! Amalgamierungsprozeß, den der Hellenismus herbeiführte, j einzig und allein das Judentum als selbständige geistige und! religiöse Macht sich erhalten/ja daß es nach harten Kämpfen! von dem Hellenismus wertvolles Gut in sich aufnehmen konnte, ohne in seinen: innersten Kern Einbuße oder Veränderung zu erleiden. Die Ereignisse haben die Entwicklung in andere. Bahnen gedrängt. Die Religionsnot unter Antiochos Epiphanes hatte die glorreiche Erhebung der Hasmonäer zur Folge?) Mit den Waffen wurde dem syrischen Königtum die Freiheit der jüdischen Religion und unter den: Zwange der Verhältnisse auch die Unabhängigkeit des jüdischen Staatswesens abgerungen; die Hellenistenpartei unter den Juden selbst war völlig überwunden. Ueber die Wege, die nunmehr einzuschlagen waren, gingen die Meinungen weit auseinander. Die siegreichen kriegerischen Hohenpriesterfürsten, der Priester-, Beainten- und Militäradel drängten kraftvoller staatlicher Entwicklung zu; und bei der Schwäche des zerfallenden syrischen Reichs begannen Großmachtsgelüste sich in den regierenden Kreisen in Jerusalem zu regen. Mit den Waffen hatte inan die Religion gerettet, auf Stärkung der militärischen Gewalt und der Macht des Staates nnrßte man nach Ansicht dieser Adelspartei, der Sadducäer, aus nationalen wie aus religiösen Gründen in erster Reihe bedacht sein. Die Volkspartei und die geistigen und religiösen Führer des Volkes, die y Röm. Gesch. UI, S. 486.. 2) Unrichtig ist es, wenn Mommsen daselbst sagt: „Der Erzpriester von Sälen: wurde vom Tempel auf das Schlachtfeld gerufen." Mathathias entstanunte nicht der hohenpriesterlichen Familie und ist selbst nienrals Hoherpriestcr gewesen. Erft 153 v. Ehr., also 14 Jahre nach der Erhebung erhielt sein Sohn Jonathan die hohepriesterliche Würde.

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