Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-02-26 · Heft 9 (26.2.1904) · p. Seite 103

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 9 (26.2.1904)
Date
1904-02-26
Page
Seite 103 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228581-3228591--60612-3274389
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

schätzen, sollten sie soviel Selbstachtung besitzen-. in Kreise. nicht > eindringen. zu wollen, wo sie nicht gern gesehen werden. Nicht durch äußern Glanz kann man sich Achtung verschaffen, sondern vielmehr Neid und Mißgunst erwecken.- Bescheidenheit, Vornehmheit und Einfachheit gewinnen dagegen auch denen Achtung ab, die uns abhold gegenüberstehen. Die Prahl- und Putzsucht der jüdischen Frau haben ihr. die Herabsetzung seitens der Christin eingetragen. Die Jüdin von heute dürfte einen Blick auf die Vergangenheit des jüdischen Volkes werfen und sich die jüdische „Znuje" zum Vorbild nehmen. Diese fand ihr Glück nicht in Brillanten und Perlen, sondern in der Keuschheit, in der Gottesfurcht und Wohltätigkeit, im Leben voller Liebe zu ihrem Gatten und in voller Aufopferung für ihre Kinder. So waren unsere Großmütter und so sollen ihre Enkelinnen und Urenkelinnen sein, dann wird der Haß gegen die Juden geschwächt und verringert werden können. Vor allem fehlt uns die Vertiefung in die Geschichte und Literatur unseres Volkes, um fruchtbare und erhebende Bei- . spiele für die Gegenwart und Zukunft zu gewinnen. Dir Juden in Mammlens römischer Geschichte. enn die Könige bauen, haben die Kärrner zu tun." Ein winziger Bruchteil der gewaltigen wissenschaftlichen Arbeiten des vor wenigen Monaten verstorbenen greifen Gelehrten ist es, der sich mit den Juden befaßt. Aber dies wenige hat für uns ein ganz besonderes Interesse, einmal um seiner glänzenden Darstellung willen, die mit genialer Meisterschaft in großen Zügen ein Bild zeichnet, in dem alle Einzelheiten in ihren großen Zusammenhängen erfaßt sind, und sodann weil ein Wort aus dieser Darstellung - zu Beginn der antisemitischen Bewegung von den Gegnern der Juden in ihrem Sinne ausgebeütet worden ist. Es ist in diesem Blatte bereits darauf hingewiesen worden, daß Mommsen die antisemitische Bewegung scharf verurteilt und entschieden bekämpft hat. Gegen die Ausnutzung seines Ausspruchs in der Römischen Geschichte hat er sich in seiner 1881 erschienenen Streitschrift gegen Treitschke entschieden gewendet.') Er fügt dort hinzu: „Wer mein Buch kennt, wird es bestätigen, daß dasselbe den Anspruch erhebt, den Judenschmeichlern ebenso zu mißfallen wie den Judenhassern." Das ist in der Tat der Fall. Und wenn im folgenden an die auf Juden und Judentum bezüglichen Abschnitte seines Werkes einige Bemerkungen angeknüpft werden sollen, so ist die Absicht keineswegs kleinliche Krittelei vom jüdischen Standpunkt aus. Denn es wäre völlig unberechtigt und nur ein Beweis unwissenschaftlichen Denkens, wollten wir ein in seinen Vorzügen wie in seinen Mängeln so großes Werk, wie Mommsens Römische Geschichte, lediglich unter so engem Gesichtswinkel betrachten. Der Hinweis auf einzelne Jrrtümer auf diesem Gebiete, das Mommsen ja nicht als selbständiger Forscher behandelt hat, ist darum aber doch nicht überflüssig. Die Juden kommen für Mommsen in seiner Römischen Geschichte naturgemäß nur als Angehörige des römischen Weltreichs in Betracht. Ihre Stellung im römischen Reiche zur Zeit der Monarchie in politischer wie in rechtlicher Hinsicht, die Bedeutung, die ihnen in dem Völkergewirr des Kaiserreichs zukommt, die Entwicklung dieser eigenartigen Verhältnisse und ') Mommsen, Auch ein Wort über unser Judentum, S. 9. ihre nützlichen wie ihre schädlichen Folgen stellt er uüt bewündernswürdiger Klarheit dar. In der Schilderung * des' hellenisch-italischen Staates, wie er als das Werk Cäsars uns entgegentritt, kommt er zum erstenmal eingehender auf die Juden zu sprechen, und hier findet sich jener vielbesprochene Satz:') „Auch in der alten Welt war das Judentum ein wirksames Ferment des Kosmopolitismus und der nationalen Dekomposition und insofern ein vorzugsweise berechtigtes Mitglied in dem räsarischen Staate, dessen Politik doch eigentlich nichts als Weltbürgertum, dessen Volkstümlichkeit im Grunde nichts als Humanität war." Es ist begreiflich, daß die antisemitische Bewegung als die Erbpächterin echter deutschnationaler Gesinnung ein solches Wort weidlich ausnutzte, um die „zersetzende Macht des Judentums" zu bekämpfen. Aber der Historiker operiert nicht wie mancher Politiker mit Schlagwörtern. Für den Kenner der Geschichte des ausgehenden Altertums und besonders für den Kenner der jüdischen Geschichte enthalten jene Worte nur das durchaus zutreffende zusammenfassende Urteil über die Zustände zur Zeit Cäsars und können nicht einmal als ein Tadel aufgefaßt werden. Denn die Signatur des ausgehenden Altertums war die Zer-, setzung der Nationalitäten, die Nivellierung der Gegensätze. Das Alterturn hatte sich überlebt, und nur durch diesen Prozeß konnte der Boden für eine neue Zeit, für eine neue, aus der alten emporwachsende Kultur bereitet werden. - „Die alte Welt kennt das nicht, was wir heute den nationalen Staat nennen. Ihre Staatenbildung bleibt entweder hinter demselben weit zurück, wie die Stadtrepubliken Roms und Griechenlands, oder greift weit darüber hinaus, wie die Monarchien Alexanders und Cäsars; auch in den letzteren rrnd überhaupt im Altertum dachte man gar nicht an dasjenige homogene und ungefähr mit dem Sprachgebiet zusammensallende Staatsbürgerturn, ^welches heute den Grund jeder politischen Gestaltung bildet."2) Zweimal hat die alte Welt eine völlige Umwälzung erfahren, deren Folgen bis auf den heutigen Tag nachwirken. Als der große Alexander in raschem Siegesläufe ganz. Vorderasien bis an den Jaxartes rrnd den Indus eroberte, da war das große Ziel seines Lebens nicht Unterjochung der Orientalen unter griechische Herrschaft, sondern die Verschmelzung von Siegern und Besiegten, die Verwischung des Unterschiedes zwischen Griechen und Barbaren, die Schaffung einer neuen, alle Bewohner seines Reiches umfassenden hellenistischen Nationalität und hellenistischen Kultur. Was sich damals im Osten abgespielt hatte, das - mußte sich Jahrhunderte später, als Rom die einzige Großmacht geworden war, die von Britannien bis an den Euphrat ihr Gebiet ausdehnte, in diesem Weltreich vollziehen, als durch Cäsar die römische Republik endgültig in eine Monarchie umgewandelt war. Der Monarch dieses Weltreichs hat nicht das Werk der längst über sich selbst hinausgewachsenen stadtrömischen Republik fortgesetzt, sondern in seinen hellenisch - italischen Staat allmählich alle Staatsangehörigen gleichmäßig hineinzuzlehen gesucht. Dies Streben mußte die ohnehin bereits im Werden begriffene Zerbröckelung und Umformung der alten Nationalitäten befördern, mußte dahin .führen, diesem, großen Dölkergewirr den Stempel hellenisch-italischer Kultur aufzuprägen und wiederum diese hellenisch-italische Kultur durch Aneignung aus dem Gute jener umzugestalten. So konnte aus dem zusammenbrechenden alten Rom das Welt-' reich sich verjüngen, aber nicht auf der Grundlage des nationalen, sondern nur des Weltbürgertums. „Wohl ist viel Verwesung ') Mommsen, Römische .Geschichte III., S. 550. 2) Mommsen, Auch ein Wort über unser Judentum, S. .6.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.