Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-02-26 · Heft 9 (26.2.1904) · p. Seite 102

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 9 (26.2.1904)
Date
1904-02-26
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228581-3228591--60611-3274388
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

von Obstbüumen in Feindesland, die Gewährung eines freien Auszugs denjenigen im Feindesland, die sich am Kriege nicht beteiligen, das Verbot, einen fliehenden Sklaven auszuliefern rc. Die besten Menschen der vorgeschrittenen antiken Völker/ so auch z. B. Cato sahen in dem Sklaven nur das Arbeitstier/ und ob er von den Griechen oder Italikern stammte, es wurde, ihm nur soviel Speise und Ruhe gegönnt, als absolut zim Lebenserhaltung notwendig ist. Mißhandlung und selbst Totschlag am Sklaven zu verüben, war gestattet. Ganz anders, sah die Mosaische Gesetzgebung auf den Sklaven. Sie schreibt seine menschliche und milde Behandlung vor, selbst wenn er anderen Stammes ist. Jede Woche soll ihm ein Ruhetag gewährt werden, und wenn der Herr ihm ein Auge oder einen Zahn ausschlug, sollte der Sklave in Freiheit gesetzt werden. Für das llmbriugen eines Sklaven war die Todesstrafe vorgesehen. Und worin bestanden die Wünsche und Hoffnungen dieses Volkes? Es wünschte und hoffte, daß einst die Zeit kommen werde, da alle Völker der Erde die Wahrheit suchen und finden, da alle Völker ihr Schwert in die Scheide, tun und nicht mehr kämpfen lernen. Als der edelgesinnte russische Kaiser, dessen Andenken ferne Generationen segnen werden, seinen Appell an die zivili-' sierte Welt erließ zur Abrüstung und zur Einführung des. Schiedsgerichts, da war er ein Auserwählter. der göttlichen Vorsehung zur Erfüllung der hohen prophetischen Verheißung. Und welche Vorstellung verbreiteten die Lehrer in Israel von dem idealen Helden und der idealen Zeit? Sollte es etwa ein landverwüstender, eroberungssüchtiger Krieger sein? Wünschte dieses Volk etwa Ruhm durch Unterdrückung anderer Stämme, zu erlangen? Durchaus nicht! Der nationale Held wurde als ein Mann geschildert, der mit Weisheit und Verstand, mit Gotteserkenntnis und Gottesfurcht begabt war, „Wahrheit und Gerechtigkeit um gurten seine Lenden, er richtet den Armen mit Gerechtigkeit und vernichtet den Missetäter mit dem Hauch seines Mundes. : In seiner Zeit wird der Friede herrschen und, alle Welt wird nach Erkenntnis streben." Friede und Wissens stellten also vor mehr als zweiundeinhalbtausend Jahren das Ideal dieses Volkes dar. Und welche Nation des Altertums teilte wohl mit ihm solche Bestrebungen? Wie wenige Völker sehen selbst heute ihre Ziele in solchen Idealen! Wersen wir einen Blick auf die jüdische Literatur, so finden wir, daß es kaum ein Gebiet des Wissens gibt, in das die Juden nicht eingedrungen sind.. Zwei Jahrhunderte vor Christus und ein Jahrhundert nach Christus sprachen die Juden griechisch und schufen eine vortreffliche historische, poetische und philosophische griechisch-jüdische Literatur, deren historischer Wert für die Welt noch heute keine genügende Würdigung gefunden hat. In ihren Werken bemühten sie sich einerseits die griechische Philosophie, besonders diejenige Platos/ auf dem Boden des Judaismus zu verbreiten und sie mit den Ideen Mosis in Verbindung zu bringen, andererseits versuchten sie in oft herrlichem Stile und in echt griechischem Geiste bei den Anhängern der Ethik den moralischen Lehren Mosis, der Psalmisten und Propheten Eingang zu verschaffen. Dadurch schufen sie den Boden für die Verbreitung des Christentums in der damaligen zivilisierten Welt. Man darf wohl behaupten, daß die hohe christliche Moral sich nicht so leicht Verständnis erworben hätte, ohne den Einfluß der griechisch-jüdischen Literatur aus die griechisch-römische Gesellschaft. Jeder christliche Gelehrte weiß, welch einen Eindruck die Werke des jüdischen Philosophen Philon von Alexandrien auf. die Kirchenväter von Justus, Clemens an bis.auf Origines, Eusebius, Ambrosius, Hieronymus ü. a. geübt hat. Philon hat zuerst den Weg gebahnt zur allegorischen Erläuterung, der/ Heiligen Schrift... Die Kirchenväter ahmten seine Methode nach' und oft sogar buchstäblich'. Diese .allegorische. Erklärung der Bibel galt als Muster für die meisten Christen des Mittelalters. Die Literatur der Halacha bedarf keine Beleuchtung mehr, sie ist den Juden genugsam bekannt und hat nur eine Bedeutung für das jüdische Volk, das ohne sie längst nicht mehr existiert hätte. Die Literatur des Midrasch dagegen, die - sich einer geringeren Beachtung unter den Juden erfreut, ist von einer welthistorischen Bedeutung. Die Hagadäh enthält die Elemente, die die sittliche Erhebung und die Humanität förderten. In ihr lebt die Seele der Poesie und des sittenreligiösen Bewußtseins. Ihre Grundmotive sind: Redlichkeit, Ergebenheit in den Willen. Gottes, Gottvertrauen und Gottesliebe, Erkenntnis, Wohltätigkeit, Freigebigkeit, Milde, Wahrheitsliebe, Ehrlichkeit nn Handel, Leutseligkeit gegen andere, Strenge gegen sich, Mäßigkeit und Genügsamkeit. Die alten Kirchenväter kannten die Hagadah und bedienten sich häufig ihrer Erklärungen. Auch die mittelalterliche Literatur der Juden war reich und mannigfach und ihre Blüte fällt wunderbarerweise in die Epoche der ärgsten Judenverfolgungen vom 10. bis zum 15. Jahrhundert, ganz abgesehen von den Werken der Philologie, Poesie, Medizin und Astronomie, die in dieser Zeit entstanden. : Die vergleichende Sprachwissenschaft und Phonetik auf Grund der semitischen Sprachen beschäftigten die Juden schon im 10. Jahrhundert zur Erörterung der jüdischen Sprache. Ihre Studien auf diesem Gebiete sind in Werken niedergelegt, von denen auch heute noch mit Nutzen Kenntnis genommen wird. Auch die philosophischen Werke der Juden und die poetischen, wie die von Jbn-Gabirol, bekannt unter dem Namen Abizebron (im 11. Jahrhundert) und ferner die Werke von Moses Maimonides (12. Jahrhundert) wurden bald ins Lateinische übersetzt und häufig von den Philosophen, wie Albert d. Gr., Thomas v. Aquino und anderen zitiert. Der Bischof Guillaume d^Auvergne äußerte sich über Jbn- Gabirol so günstig, wie über keinen anderen Philosophen, und sein Einfluß setzte sich auch bis auf Giordano Bruno fort. „Es ist erstaunlich," sagt Prof. Seyerlen in einer seiner Abhandlungen, die sich mit Jbn-Gabirol beschäftigt, „daß sowohl die Philosophie der Neuzeit, als die große wissenschaftliche Bewegung des Christentums im Mittelalter ihre Quellen bei den. Juden haben." Er faßt dabei Jbn-Gabirol und Spinoza ins Auge.. Durch Uebersetzungen aus dem Arabischen und Lateinischen förderten die Juden das Verständnis für die Werke Platos, Aristoteles und anderer griechischer 'Geistesheroen, deren Werke zuerst aus dem Griechischen ins Arabische übertragen wurden. In Bezug auf die sittlichreligiöse und ethische Literatur haben die Juden im Midrasch , und in sonstigen Schöpfungen Perlen, auf die. sie stolz sein dürfen. Aus dem Vorhergesagten ergibt sich, daß die Juden hinsichtlich der Intelligenz ihrer Vergangenheit sich nicht zu schämen brauchen. Sie bewiesen stets eine//bemerkenswerte Aufnahmefähigkeit für alles Gute anderer Völker und über-, trugen auf diese ein gut Teil ihrer Verstandes- und Herzenseigenschaften. Weder ihrer Vergangenheit, noch ihrer Ahnen dürfen sie sich schämen. . Es bleibt dagegen zu wünschen, daß ihre Vorfahren sich ihrer nicht zu schämen brauchten. Ohne anmaßend anderen Kulturvölkern gegenüber zu sein, ohne sich als besser zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.