Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1904)
- Date
- 1904-02-26
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
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(6e)e|je 6eüeunen, bitS die Reiften nicht üben. Der Dank aller, die das Judentum aufrichtig lieben, seinen wunderbaren Gehalt, seine ewige Lehre erkennen, ist ihm gesichert. Was Jener mutig Predigt, das fühlen wir alle als wahr und erstrebenswert. Aber jetzt muß der jüdische Luther kommen, der mit eisernen: Besen den alten Schutt und Moder vergangener Jahrhunderte ausräumt. Und — Tänzer verzeihe es nur — er glaubt es wohl selbst nicht, daß er dieser Luther sei. Wir haben wirklich einen Augiasstall zu reinigen, 0, käme doch der Herakles oder Simson, der dies vollbringt. Der Simson, der gegen das ganze geeinigte Philisterium ungarischpolnischer Finsterlinge ankämpft, an den Säulen der alten sogenannten Heiligtümer rüttelt und sie zum Sturze bringt, er wäre uns willkommen — aber wo ist er? Wie sagt aber Goethe in seiner berühmten dichterischen Fabel vom „Adler und der Taube"? „Zuletzt heilt ihn allgegenwärtiger Balsam allheilender Natur." Aus diesen Balsam hoffen auch wir. Was die Menschen nicht vermögen, vermag die Zeit. Sie schreitet fort, und wird das Judentum sich nicht selbst aufgeben wollen, so wird es das Wort beherzigen müssen: „Steh nicht still, während alles um dich sortschreitet!" Iwri. Helbltbrwuhlem. Söou Prof. Dr. D. Chwolson in Petersburgs) ^4 S as Selbstbewusstsein ist gleich notwendig jedem einzelnen Individuum, wie jeder Nation. Man darf sich nicht überschätzen, aber auch nicht unterschätzen. Eins ist so schädlich als das andere. Das Leben ist eine Art arithmetischer Airsgabe: eine falsche Zahl kann ein verkehrtes Resultat ergeben. Die Juden besitzen selten ein richtiges Selbstbewußtsein. Die Einen haben eine zu hohe Meinung von sich, die Andern haben eine zu geringe. Die Wertschätzung einer einzelnen Person erfordert die Kenntnis ihres Lebens und Wesens, die Wertschätzung eines Volkes erfordert die Kenntnis seiner Geschichte und Literatur. Man darf wohl behaupten, daß unter hundert Juden neunundneunzig die jüdische Geschichte nicht kennen. Wären die Juden mit ihrer Geschichte vertraut, so hätten sie sich weit mehr bemüht, die guten Eigenschaften zu entwickeln und die bösen auszurotten. Die jüdische Geschichte gewährt uns das charakteristische Bild des Juden als — einer „hervorragenden Persönlichkeit, die Energie, Ausdauer und einen selbständigen Charakter" besitzt. Diese'an sich so guten Eigenschaften bewirken die Tatsache, daß die Juden sich andern Völkern nicht freiwillig anschließen. In der ganzen jüdischen Geschichte, in allen kleinen und großen jüdischen Gemeinden kann man immer wieder jenem jüdischen Lehmkneter begegnen, der in Aegypten Moses die Frage stellte: „Wer hat dich zum Herrn und Richter über uns gesetzt?" Infolge dessen zieht sich auch der Streit wie ein roter Faden durch die Geschichte Israels. Schon in der Wüste beginnen die Juden mit Moses zu streiten. Zur Zeit der Richter lebte jeder Stamm allein, und nrehrere schlossen sich nur dann zeitweilig zusammen, wenn ein äußerer Druck Gefahr brachte. Der Ueberfall der Philister vereinigte sie zu Davids Zeiten, doch rief diese Vereinigung den Widerspruch des Volkes hervor. Selbst Salomo hatte ') Deutsch von M. Beßmertny. — Wer die einschlägigen Verhältnisse kennt, wird den obigen Aussatz des berühmten russischen Gelehrten sicher nicht ohne Teilnahme und Interesse lesen. Die Red. trotz des Glanzes seiner Regierung Feinde, und kaum schloß er die Augen, als durch den Eigensinn und den Unverstand seines Sohnes der größere Teil des Volkes abfiel und einen eigenen Staat bildete. Dann begannen blutige Schlachten zwischen den Stämmen, die nicht eher zur Ruhe kanren, bis sie von den Assyrern und Babyloniern unterdrückt wurden. Hätten die jüdischen Stämme Vertrauen und Wohlwollen zu einander, so hätten sie sich gegen ihre Feinde behaupten können. Der Parteizwist der Juden setzte auch unter den Römern sich fort und dauert bis auf den heutigen Tag. Es wäre gut, wenn die Juden aus die Stimme der Geschichte hören und den kleinlichen Streit vermeiden wollten! Die Geschichte zeigt aber auch die hellen Seiten des jüdischen Volkscharakters! Bei aller Hartnäckigkeit und Selbständigkeit besitzt der Jude eine Anpassungsfähigkeit, wie sie selten bei andern Nationen zu finden ist. Fast überall haben die Juden sich Sprache, Sitten und Gewohnheiten der Völker angeeignet, unter denen sie lebten. Sie nahmen überall an der Literatur teil, und schufen in griechischer, arabischer, und spanischer Sprache hervorragende Werke. Das erste bedeutende Buch in der kastilischen Sprache hatte einen Juden zum Autor. Einen eben solch regen Anteil nehmen die Juden an der modernen Literatur alter Länder. Bei alledem hat ihre nationale Beharrlichkeit und Lebensfähigkeit sie davor bewährt, gänzlich in eine andere Nation auszugehen. Harmonisch vereinigen sich im Judentum die schärfsten Gegensätze: eine große Selbständigkeit mit einer eben solch großen Assimilierungssähigkeit, ein bedeutender Scharfsinn mit einem reichen Seelenleben, das in einer humanen Gesetzgebung, in Wohltätigkeit itrtb in dem schönen Familienleben zum Ausdruck kommt. Der nüchterne, praktische Verstand begegnet in dem Juden einer leicht entzündbaren Begeisterung und einer Hingabe an Ideen, welche die israelitische Weltanschauung zum Inhalt haben. Kopf und Herz befanden sich stets im guten Einvernehmen bei den besseren Elementen dieses Stammes, dafür legt die Geschichte des Judentums und seine reiche Literatur- Zeugnis ab. Als Volk haben die Juden nie eine hervorragende politische Rolle gespielt; selbst in der Blütezeit unter David und Salomon beherrschten sie nur ein verhältnismäßig kleines Territorium und konnten sich politisch nur solch unbedeutenden Stämmen gegenüber behaupten, wie die Jdomäer, Amoniten und Moabiten. Mit Ausnahme der Griechen hat dagegen kein Volk auf geistigem Gebiete solch eine Rolle gespielt, wie die Israeliten. Siebenhundert Millionen bekennen sich zu einer Religion, deren Grundlehren sich innerhalb des jüdischen Stammes verbreiten und entfalten. Es ist schon kennzeichnend für das israelitische Volk, daß es nie Riesen und Menschen von überraschend physischer Kraft hervorgebracht hat. Eines großen Einflußes erfreuten sich jedoch stets geistig hochstehende Persönlichkeiten bei dieser Nation, wenn sie durch Verstand oder Humanitätsideen sich auszeichneten. Zu allen Zeiten und bis auf den heutigen Tag, stellen Ritter des Geistes die alleinige Aristokratie der jüdischen Nation dar. Das läßt auf einen gesunden Kern dieses Volkes schließen. Kein Stamm auf den: Erdball hat in den frühesten Epochen solch eine humane Gesetzgebung besessen, wie die Juden; eine Gesetzgebung, wie sie sich bei den zivilisiertesten Völkern findet. Gleichberechtigung vor dem Gesetze aller unter den Juden lebenden Fremden, eine umfassende Armenpflege, ein Verbots Pfänder im Hause des Gläubigers zu nehmen und besonders Gegenstände für den täglichen Bedarf, die vorschriftsmäßige Hilfeleistung auch selbst dem Feinde, der Tierschutz, der Schutz