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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-02-26 · Heft 9 (26.2.1904) · p. Seite 100

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 9 (26.2.1904)
Date
1904-02-26
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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WWDW WWWWWWMWWWMW^^^^ 100 Welt unserer Zeit zurückgewiesen wird. . Die Geschichte lehrt uns aber, daß der Krieg auch seiner wohltätigen Wirkungen nicht entbehrt. Wollen wir hoffen, daß auch der gegenwärtige russischjapanische Krieg in seinem Endresultat unserem Vaterlande den tiefen inneren Frieden bringen wird, der sich auf die gegenseitige Achtung gründet und auf die gegenseitige Liebe aller in Rußland angesiedelten Völkerschaften." Zu den Friedensklängen, die jetzt anläßlich des Krieges in Rußland erklingen, gehört sicher auch die Nachricht von den Beschlüssen, die die Konferenz der Gouverneure in Petersburg soeben gefaßt hat. Der Minister des Innern hatte diese Konferenz einberufen zur Abgabe von Gutachten über die Verarmung der Juden in Rußland und zur Beratung über die Mittel zur -möglichen. Milderung des unter den Juden herrschenden.Elends. Es wurde nun beschlossen, das unter Alexander III. erlassene Gesetz, welches den Juden den Aufenthalt in den innerhalb einer Entfernung von 50 Werst von der Grenze liegenden Landstrichen .untersagte, sofort aufzüheben. Die Motive der Aufhebung dieses Gesetzes, welches seinerzeit Tausende von Familienbrotlos gemacht hatte, lauten dahin, daß das Ziel des Gesetzes, den Schmuggel an den Grenzen einzudämmen, seit der Ausweisung der Juden aus den in einer 50 Werst-Entfernung von der Grenze liegenden Ortschaften nicht nur nicht erreicht, sondern einfach illusorisch gemacht wurde, weil die Nichtjuden den Schmuggel noch schwunghafter betreiben. Die Kommission zur Durchsicht der bestehenden Gesetze über die Juden soll auch ihrerseits beschlossen haben, den Juden den Aufenthalt in allen Dörfern im Niederlassungsgebiete ausnahmslos zu gestatten, ohne ihnen jedoch das Recht zum Erwerb von Grund und Boden einzuräumen. öW Lriek aus Oesterreich. ^^!ede „höhere Tochter" kennt Schillers Trauerspiel „Don / Carlos", und jede höhere und niedere Tochter hat sich einmal für den Marquis Posa begeistert, dem Schiller, obwohl er auch Geschichtsschreiber war, die Ideen der französischen Revolution in den Mund legt. Wir begreifen es, daß der finstere Philipp II. diesen Poseur einen „sonderbaren Schwärmer" nennt. Wer im 16. Jahrhundert solche Freiheitsredensarten im Munde führt, wie jener Pofa, ist sicherlich ein Schwärmer zu nennen, und von diesem sagt irgendwo der etwas realistische Goethe: „Hänget mir jeden Schwärmer auf, ehe er 30 Jahre alt wird, sonst wird aus ihm ein Betrüger!" Auch wir Juden haben in unserer Mitte solche sonderbaren Schwärmer; ich meine nicht die Zionistenführer, ich meine auch nicht jene sonderbare Gesellschaft, die heute noch sich darüber Skrupel macht, wenn es gilt, in irgend einer Synagoge die Orgel einzuführen, die übrigens Meyerbeer, in einem Gespräche mit Sulzer ein christliches Instrument nannte; ich meine vielmehr einen Rabbiner aus Hohenems in Vorarlberg, der, angeregt durch den schinkenessenden Rabbiner Markuse in der neuesten Komödie Sudermanns — borribile dictu et auditu — in einem Briefe an eine Wiener jüdische Wochenschrift, genanntem Rabbiner nicht ganz unrecht gab, und die Rabbiner selbst, als die Totenwächter der alten jüdischen Gebräuche bezeichnete. Darob entstand natürlich großer Lärm mit den obligaten Erwiderungen. Aber mein Vorarlberger Rabbiner geht weiter. Tänzer ist sein Name, und so fordert er denn das ganze Judentum — Gegner und Freunde — zu einem Tanze heraus. Am 21. des verflossenen Monats hielt er nämlich in einem Wiener jüdischen Restaurant in einer Versammlung der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" i einen Vortrag ab unter dem vielversprechenden, aber etwas j geheimnisvollen Titel: „Selbsthilfe — ein Naturgesetz." Der! Titel war hier wirklich nur ein Hülle, aus der sich nichts mehr! und weniger als die Forderung des Herrn Rabbiners ent-! pirppte, man möge an eine Revision des jüdischen Zeremonial-! gesetzes schreiten. — „Alles folge dem Gesetze der Entwicklung, 1 alles in der Natur, folglich müsse auch das Judentum den Ge-! setzen der Entwicklung Folge leisten", dies etwa war der Jn- : halt des Vortrages, also Darwinismus und Nietzscheanismus j im Judentum. „Der Widerspruch zwischen Lehre und Leben,! zwischen der Lehre von einst und dem Leben von jetzt, trage! allein Schuld an den: jetzt so oft beobachteten Abfalle vorn, j Judentum." Wir sind, namentlich mit der letzteren These,! nicht ganz einverstanden, obwohl wir ihr teilweise beistimmen j müssen, wie wir ja vor Tänzers Vortrage, schon oft in diesen Briefen, diesem Gedanken Ausdruck verliehen. Soviel steht aber fest: Tänzer hat den aktuellsten Gedanken, der heute das j Judentum bewegt, mutig ausgesprochen. Aber er hat auch in! ein Wespennest gestochen. Abraham Geiger war mehr als du,! ehrwürdiger Landesrabbiner für Tirol und Vorarlberg, und ' wie ward er verketzert. „Revision des Zeremonialgesetzes", wie! viel wird in diesen wenigen Worten-gefordert! Wo soll man! anfangen und wo aufhören? Er stellt die Forderung auf, eine! „internationale Synode aller jüdischen Gelehrten und Rabbiner" j möge sich mit der Ausführung des Gedankens beschäftigen, ' und schon stößt man sich an dem Worte „international". Wie, ruft einer der Weisen des Judentums — und wir haben ungezählte solche Weisen — aus: International, bilden wir Inder: nicht eine Nation, ist dann das Wort „international" wohl am Platze? Dann kommen die üblichen Ausfälle auf die glattrasierten Reformrabbiner, und Tänzer kann schon aus diesen Bemerkungen ersehen, welchen Hexentanz er mit seinem Vortrage in Szene zu setzen im Begriffe ist. Unsere Meinung ist, es wäre gar nicht denkbar, in einer Versammlung „jüdischer Gelehrter und Rabbiner" zu dem geringsten Beschlüsse, zu irgend einen: Resultate zu gelangen. Nehmen lvir an, irgend jemand in dieser Versanunlung würde den Antrag stellen: Das Fahren auf der elektrischen Bahn ist an: Sabbat gestattet. Ich will von dem Sturm nicht sprechen, den dieser Antrag bei Leuten erwecken würde, die am Sabbate keinen Regenschirm tragen wollen. Ein anderer würde beantragen: Es ist insbesondere auf Reisen in Gegenden, wo keine Juden wohnen, etwa in unseren Alpenländern, gestattet, besonders denen, die es aus Gesundheitsrücksichten tun nrüssen, auch Fleisch zu gegenießen, das von nicht rituell geschlachteten Tieren entstan:mt, ein Orkan würde sich bei jenen erheben, die da um 4 Uhr Nachmittag noch keinen Milchkaffee trinken, weil sie um 12 Uhr Fleisch aßen. Irgend jemand würde die Behauptung aufstellen: es lasse sich in einem stundenlang dauernden Gottesdienste, z. B. am Verföhnungstage, die Andacht nicht aufrecht erhalten, man kürze deshalb die vielen, sich oft wiederholenden Gebete und erhöhe dadurch die Andacht, ein übrigens schon in der talmudischen Zeit ausgesprochener Gedanke — ein Donnerwetter entstünde auf der Seite derjenigen, denen man noch immer nicht genug Selichoth sagen kann. — Tänzers Gedanke ist nach unserer Anschauung kein origineller und doch der fruchtbringendste, der bedeutendste im nwdernen Judentum. Er will das Judentum vor Verknöcherung bewahren, er will es behüten, daß es eine Küchenreligion werde, wenn ich nicht irre, stammt dieses Wort von dem seligen Wiener in Oppeln; er will verhindern, daß wir heuchlerisch uns zu einen:

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