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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-02-26 · Heft 9 (26.2.1904) · p. Seite 99

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 9 (26.2.1904)
Date
1904-02-26
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
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: Was soll man z. B. zu der folgenden geradezu unerhörten Behauptung sagen? Nachdem Delitzsch den Juden den Vorwurf der Uebertreibung macht, sagt er : „Der: Gipfel solcher Hyperbel würde es fein, wenn sich bestätigen sollte, was die amerikanischen Blätter übereinstimmend berichteten, daß der Großrabbi der Vereinigten Staaten sich an Seine Majestät unfern Kaiser gewendet habe, mit der Anklage, daß „Babel und Bibel die Schuld trage an dem Blutbade von Kischinew." Wirkönnen nur annehmen, daß hier jemand Herrn Delitzsch zum besten gehabt hat. Denn wie ein ernsthafter Forscher derartiges ernsthaft niederschreiben kann, ist uns geradezu unerfindlich. Abgesehen davon, daß wir die Behauptung „wie die amerikanischen Blätter übereinstimmend berichten" mit aller Entschiedenheit in Abrede stellen. Wir haben diesen schlechten Witz in keinem einzigen amerikanischen, Blatte gelesen. Aber vielleicht stand er im Arizona-Kicker — und dann hat Delitzsch recht! Herr Professor Delitzsch sagt schließlich, daß ihn Chamberlain als „Semitomanen" angreife und die „jüdischen Organe" ihn „des Antisemitismus zeihen" — auch das stellen wir ganz entschieden in Abrede — daß die Wahrheit aber in der Mitte liege. Wir fürchten, daß Herr Delitzsch, wenn er sich in der bisherigen Weise weiter entwickelt, diese Mitte rasch verlassen und auf seinem Wege nach rechts gar bald mit Herrn Chamberlain Zusammentreffen wird. Ja, es ist nicht unmöglich, daß Herr Harnack sich aus diesem Wege mit den Beiden vereinigt. Denn ihr Ziel ist im Grunde das gleiche: Die Lostrennung des Christentums von seinem biblisch-jüdischen Untergründe. Ob sie es erreichen werden, ist allerdings eine andere Frage. & Die Freisinnige Volkspartei wird nun bald wieder Gelegenheit haben, sich darüber zu entscheiden, was sie für das kleinere Uebel hält: die Sozialdemokratie oder den Antisemitismus. — Der Wahlkreis Eschwege-Schmalkalden ist ihr nämlich verloren gegangen. Das Ergebnis der Ersatzwahl zum Reichstage ist eine Stichwahl zwischen dem Sozialisten Hugo, der 5812 Stimmen, und dem Antisemiten Raab, der 4555 Stimmen erhalten hat. Den Ausschlag gibt die freisinnige Volkspartei mit 4074 Stimmen. Die Antisemiten sind diesmal von 3309 auf 4555 Stimmen gestiegen. Hessen ist. das klassische Land der konfessionellen Verhetzung, und der Hamburger Porzellanmaler Raab versteht es wie kann: ein anderer, die Leidenschaften wachzurusen und zu schüren. In Hamburg' hat ihm dies bei den Wahlen zur Bürgerschaft freilich nichts genützt, aber in Hessen fehlte es ihm nicht an wirksamer Unterstützung, da die Reichstagsabgeordneten Gras Reventlow, Liebermann v. Sonnenberg und Lattmann herbeigeeilt waren, den Wahlkreis von einem Ende bis zum anderen aufzuwühlen. Auch evangelische Pastoren beteiligten sich an dem edlen Werke. Und je nach den Verhältnissen wußten sie die Agitation zu betreiben: in Eschwege waren sie agrarisch bis aus die Knochen, und der Schmalkaldener Kleineisenindustrie gegenüber verleugneten sie das Bündlertum. Die Schuld an dem Ausfall der Wähl tragen allerdings in erster Reihe die Nätionalliberalen, die nun zum Lohn für ihre parteipolitische Zuverlässigkeit zwischen der Sozialdemokratie und dem Antisemitismus zu wählen haben werden. Bis zur Stichwahl hat es Herr' Raab glücklich gebracht, ob er aber den Reichstag nochmals wiedersieht oder nicht, hängt, wie gesagt, in erster Linie von der freisinnigen Volkspartei in der Stichwahl ab. * Wir haben schon in der vorigen Nummer berichtet, daß die russischen Juden gegenwärtig angesichts der politischen Lage alle ihre Klagen und Sorgen in den Hintergrund gedrängt haben und ihren so oft bewährten Patriotismus durch Taten bezeugen. Es hat dies etwas Rührendes an sich: Die Gedrückten, Getretenen, Gehetzten und Gejagten lieben ihr Vaterland noch immer, mit jener verschmähten Liebe, der der geliebte Gegenstand um so teurer wird, je schmerzlicher es ist, ihn zu erringen, je weniger dies Bemühen von Erfolg gekrönt ist. Spotte darüber, wer es vermag — wir sehen in diesem Patriotismus der russischen Juden eine Höhe der ethischen Weltanschauung, um die sie viele höher gebildete Völkerstämme beneiden könnten. Einen vornehmen Ausdruck hat diese Gesinnung in dem Leitartikel des russisch-jüdischen Blattes „Woschod" gefunden, den wir nach der Uebersetzung eines deutschen Blattes hier im Wortlaut' anführen, da jene-Zeitschrift bekanntlich die Anschauungen der jüdischen Intelligenz Rußlands wiedergibt: „Ein schweres, sehr ernstes.Geschick ist über Rußland heraufgezogen. Schon die erste Kunde vom Kriegsschauplatz trägt einen finster drohenden Charakter. Groß werden die Opfer sein, die der Krieg von allen Untertanen des russischen Reiches, ohne Unterschied des Glaubens und der Abstannnung, fordern wird. Auch wir, feine Stiefkinder, werden beherzt unsere Opfer auf den Altar des Vaterlandes legen. Rußland — ist unser Vaterland, und alle jüdischen Soldaten, Aerzte, Feldschere — wir alle bis zürn letzten, werden treu und ergeben unsere Pflicht für das Vaterland erfüllen, mit dem wir durch ein historisches Schicksal verbunden sind. Seit vielen Jahren füllen sich die Spalter: unserer Zeitungen mit der traurigen Chronik von Judenhetzen, von Beschränkungen und systematischen Versolgurrgen, von Bedrückung und Verdrängung aus allen Sphären des gesellschaftlichen Lebens und aus allen materiellen und geistigen Interessen der russischen Volkskreise. Jetzt ist aber nicht die Zeit, um alte Wunden aufzureißen! Wir wollen vielmehr, soweit es möglich ist, versuchen, die Judenvertreibung jüngst aus Port Arthur zu vergessen, sowie die Ueberfülle in Kischinew, in Homel und viele, viele andere mehr. . . Die jüdischen Eltern dürfen in diesem Augenblicke nicht an das bittere Los ihrer Kinder denken, die über Bord geworfen werden. Als einfache Soldaten gehen die Juden in den Krieg, ohne Hoffnung auf den Offiziersstand, auf Auszeichnung, aus Ehrung oder Gehaltszulagen — aber das Blut der jüdischen Söhne wird ebenso reichlich fließen wie das der russischen! Unsere ganze Verachtung haben die Angriffe der antisemitischen Blätter, die in ihrer steten Wühlarbeit Haß und Streit zu säen, auch jetzt die Leidenschaft des Volkes gegen uns richten wollen und uns mit unsinniger Verleumdung als.die eigentlichen Urheber des Krieges bezeichnen. Mit der Vorsicht eines Wahrsagers bemerkt Herr Suworin (der Herausgeber der „Now. Wremja") folgendes: „Es hat mitunter den Anschein, als sollte Japan das Opfer der gesamten Judenheit der Welt,-werden, die sich nach den Ereignissen in Kischinew so sehr aufregte". Schande über diese Herren! Gerade jetzt fährt sich die Erinnerung an die Schlacht bei Sebastopol, in der vor einem halben Jahrhundert 500 Juden heldenmütig gesochten und ihren Tod gefunden haben bei der Stadt, wo den Juden die Ausübung ihres Glaubensbekenntnisses verboten war. Mögen andere Juden ihrem Beispiele folgen! Aber nicht nur das Pflichtgefühl lehrt uns jetzt, was wir zu tun haben, sondern auch die Liebe zu Rußland. Die uns feindlich gesinnte Presse wirft uns den Haß gegen Rußland vor! Das ist aber eine Lüge! Wir hassen und verachten nur die Skwoznikow-Dmuchanowy, die Anhänger der „Nowoje Wremja" und „Snamja", wir verabscheuen die Niedertracht, die das russische Leben unterwühlt und befleckt. Für alles das aber, was das Gute und Lichtvolle im Leben Rußlands bedeutet, empfinden wir die wärmste Verehrung und die aufrichtigste Liebe. Wir zweifeln nicht, daß die Zeit kommen wird, und vielleicht ist sie gärnicht mehr fern, da die russische Gesellschaft einsehen wird, welche Schädigungen für das Land die Verfolgung der Juden und die Beschränkung ihrer Menschen- und Bürgerrechte nach sich ziehen. Der Krieg — ist eine grausame Erscheinung, die von der ganzen zivilisierten

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