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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-02-26 · Heft 9 (26.2.1904) · p. Seite 98

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 9 (26.2.1904)
Date
1904-02-26
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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unbewußt Tür ittiö’ Tor zu öffnen. Scheuen wir ja nicht die Oeffentlichkeit! Jeder rechtlich Denkende nmß unseren Bestrebungen seine Sympathien leihen. Schließlich arbeiten wir doch nicht nur -für uns-alleinsondern überhairpt für den Sieg der Gerechtigkeit, und den wird doch jeder im Ernste wünschen, der auf den Fortschritt der Menschheit hofft. Freilich noch lange werden wir dafür zu kämpfen haben, tagen muß es aber schließlich, doch. In dieser Hoffnung soll uns unser Purim bestärken, diesen Glauben das Buch Esther in'uns festigen. Darum begehen wir es nur mit freudigen Empfindungen und' lernen wir aus der Festgeschichte? Möchte für die deutschen Juden recht bald die Idee der Sammlung und Vereinigung verwirklicht werden, dann hoffen wir, wird mit der Zeit auch der letzte Rest mittelalterlicher Engherzigkeit in unseres Reiches Grenzen schwinden und Deutschland mit seiner Devise „Allen voran" auch allen Kulturstaaten ein Vorbild gerechten Waltens sein. O möchte endlich auch nach so vielen trüben Tagen Israels Kindern wieder in allen Landen nach der Verheißung der Festrolle „Licht, Freude und Ehre" beschieden werden! Die Mache. Berlin, 23. Februar, ^^err Professor Friedrich Delitzsch hat das Bedürfnis tj gefühlt, einen „Rückblick und Ausblick" auf „Babel und Bibel" zu werfen, d. h. sich mit seinen Kritikern auseinanderzusetzen. Hätte er das in streng wissenschaftlicher Weise getan, so würden wir dies Bedürfnis erklärlich gesunden haben. Er hat aberauch nicht einmal den geringsten Versuch gemacht, die jüdischen und christlichen Theologen oder gar die Assyriologen zu widerlegen. Er begnügt sich vielmehr dannt, über . Forscher wie Oppert, König, Gunkel rc. die Schale seines Zornes auszugießen. Was Barth, Bezold, Jensen, Zimmern, Oettli, Budde, Hommel u. v. a. ihm streng wissenschaftlich erwidert haben, das wird in diesem Rückblick auch nicht mit einem Worte erwähnt. Jur übrigen ist Delitzsch heute empört über die Kritiker, die ihn: vorwarfen, er habe den Monvtheisnuls Mosis und der Propheten aus Babylonien hergeleitet, während seine These von Anfang an strikt gelautet habe: in Babylon drei Jahrtausende hindurch, seit der Zeit der ältesten Landesbewohner, krasser Polytheismus, in der Bibel Monotheismus, der eben die weltgeschichtliche Bedeutung der Bibel ausmacht. Denn die babylonischen Tontafelfunde haben ja nicht gezeigt, daß der Monotheismus der Kinder Israel aus Babylonien stamme, sondern erhärtet, daß die alttestamentliche Vorstellung von Jahve durchaus korrekt sei, derzufolge der Kultus des „nachmaligen israelitischen Nationalgottes" sJahve — Jahn) irr eine Zeit lange vor Moses zurückgehe, also Jahve der Starnrnesgott bereits der Urahnen Israels gewesen sei. Diese alttestamentliche Vorstellung, daß die Urgeschichte Israels mit Babylon, speziell mit Südbabylonien eng verknüpft gewesen sei, bewähre sich mehr und mehr. Delitzsch, der für Abrarn --- Abraham und für Harnrnnrabi den sprachlichen Nachweis bereits geführt haben .rvill, gedenkt in einer besonderen Abhandlung auch den Beweis babylonischer Analogien für den Namen Mose und für vieles andere anzutreten. Mit Eifer ruft er seinen Gegnern zu: „Statt sich der neuen,, für die Geschichte des Jahve-Namens und Jahve-Kultus äußerst wertvollen Erkenntnisse zu freuen, imputierte man mir die Wahnvorstellung, als leite ich den Monotheismus Israels ans. Babylonien ab. Diese Behauptung diente so recht als offene Tür,- die 'man einranute; sie ermöglichte einen wütenden Kampf mit lautem Kriegs- und Siegesgeschrei, ohne daß ein Feind da.war: Da meine wirklichen Aufstellungen sehr schwer angreifbar waren,konstruierte man sich eine von niemandem aufgeworfene oder gar 'verteidigte feindliche Position: Eduard König an der Töte, Jules Oppert an der Queue, zogen die Helden alle aus) nm^unter Posaunenstöben eine Schanze zu stürmen, die nur in ihrem unklaren Hirn existierte. Und dieses ganze unaufrichtige Treiben gefiel christlichen und jüdischen Theologen so gut und war ihnen so willkommen, daß, als ich uach meiner Rückkehr aus Babylonien den Sachverhalt klarstellte, man es fertig brachte, dies als einen „Rückzug" meinerseits auszulegen und ■ öffentlich kundzutun." Gut. Wir sind damit einverstanden, daß diese Erklärung kein „Rückzug" sei. Alles war nur „Mißverständnis". Aber warum ereifert sich dann „der gute Professor", so gegen seine jüdischen Gegner, ohne auch sie nur mit einem Worte zu widerlegen? In seinen grundsätzlichen Forderungen sagt er dann weiter: „Fort aus Hern Alten Testament, das ein Religionsbuch ist, mit allen Bestandteilen, die nicht religiös-sittlicher Erziehung zu dienen . geeignet sind! Was religiös-sittlichen Inhaltes und Wertes im althebräischen Schrifttumist, das bleibe geschätzt, ja geliebt für ewige Zeiten! Aber ausgeschieden sei aus dem Kanon unserer christlichen Religionsschriften, aus unserer Christenbibel alles, was selbst für das jüdische Volk niemals anderen als literarischen Wert besessen hat, und was selbst für das Judentum der christlichen Zeit nur noch geschichtlichen und archäologischen Wert besitzt! An echt goldenen Sprüchen voll religiöser Tiefe und sittlichen Ernstes und kostbarer Lebensweisheit verbleibt dem alttestamentlichen Schrifttum immer noch ein großer und wertvoller Schatz."• Und dabei verbittet er es sich energisch, mit den Radikalen -zusammen genannt zu werden, die gegen das Alte Testament anstürmen, um es aus seiner weltgeschichtlichen Position zu verdrängen. Und er verlangt von seinen jüdischen Gegnern, daß sie nur „auf Grund wirklicher Sachkenntnis" ihm in Zukunft entgegentreten. Nun, was das Verständnis der Vibelsprache und des Bibelgeistes anbelangt, so konnten seine j jüdischen Gegner an ihn die gleiche Bitte — und vielleicht mit > größerer Berechtigung — richten. Recht traurig ist es aber, daß Delitzsch in seinein Zorn sich zu Aeußerungen Hinreißen läßt, die kein objektiv Denkender billigen kann. Wenn er gegen die Theologen im allgemeine!: wegen der „Verbalinspiration" ankämpft, wenn er auf, seine rationalistische Erklärung des Offenbarungsbegriffes zurückkommt, ohne zu erwähnen, daß Abraham Geiger schon vor mehr als 40 Jahren diesen Begriff genau in derselben Weise definiert hat, wenn er zu behaupten den Mut hat, die jüdische Theologie halte den göttlichen Charakter der Thora „aus nationalen Gründen" fest, so hat er dannt bewiesen, daß er die gesamte neuere Entwicklung des Judentums absolut nicht kennt, und daß er somit gar kein Recht hat, darüber. > zu urteilen. Und dabei spricht er von „nationaler Vor- I eingenommenheit" bei seinen jüdischen Kritikern. Mit der Er- I klürung, er habe über Bibel und Babel, nicht über Babel und j Talmud gesprochen, wird Herr Delitzsch übrigens wenig Glück j haben. Ueberhaupt finden wir, daß fast alle Vorwürfe, die er gegen seine Kritiker erhebt, gegen ihn selbst mehr als gegen -jene zu erheben sind, am meisten der der Uebertreibung. Herr Delitzsch wehrt sich auch gegen den Vorwurf des Antisemitismus. Wir haben allerdings gerade diesen Vorwurf gegen ihn nirgends gelesen. Indes, zu verwundern wäre es freilich nicht, wenn jemand, der ihn nicht kennt, aus der Lektüre dieses Rückblicks den Verdacht schöpfte, Herr Delitzsch sympathisiere mehr mit Israels Gegnern als mit dessen Freunden.

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