Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1904)
- Date
- 1904-02-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 26. Februar 1904. 68. Jahrgang. No. 9. Allgemeine Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 Ml. Redakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner £>*• Ludwig Philipps-«. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, ja richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Kurim. Berlin, 25. Februar, ur der feiert seine Feste recht, der von ihnen lernt, der in ihrer Geschichte einen Spiegel der Gegenwart sieht. Kanin ist ein zweites Fest hierzu so geeignet als unser Purim. Nicht ohne Grund steht die Borlesung der Estherrolle im Mittelpunkte seiner Feier. Als sollte unsere Aufmerksamkeit von der Festerzählung nicht abgelenkt werden, unterbleiben da im Gottesdienste die Hallelpsalmen, die selbst am Ehanukahfeste erklingen. Es muß doch etwas Besonderes sein um die Bedeutung dieser Schrift, wenn ein feinsinniger Lehrer des Altertums die Behauptung ausstellte: „Wenn auch alle Reden der Propheten ihre Geltung verlieren sollten, die Bedeutung des Buches Esther wird ewig dauern." Diese Bemerkung muß eigentlich um so mehr auffallen, als unser Büchlein das einzige. der gesamten heiligen Schrift ist, in dem der Gottesname nicht vorkommt, in welchem also aus das Eingreifen der göttlichen Vorsehung kein besonderer Nachdruck gelegt wird. Diese letztere Wahrnehmung ist aber grade der Schlüssel zum Verständnis jenes Ausspruches. Die Erlösung des Volkes spielt sich in ganz natürlicher Weise ab; nicht besondere Wunder geschehen, um jene vorzubereiten oder zu fördern. Vorüber ist die Zeit, da der .Herr nur durch Wunder sein Walten bekundet; seine Vorsehung soll vielmehr in dem natürlichen Verlaufe der von Ursache und Wirkung bedingten Ereignisse erkannt und verehrt werden. Kannes uns nicht Trost und Ermutigung gewähren, das Bewußtsein, wie es uns durch das Buch Esther eingeschärst wird, daß „nicht schläft und nicht schlummert der Hüter Israels," auch wenn er nicht mit offenbaren Wundern eingreift, sondern die Begebenheiten ihren natürlichen Verlauf nehmen läßt? . Auf fremdem Boden spielt sich die Festgeschichte des Buches Esther ab, und in den vielen Jahrhunderten des Exils haben sich ihre einzelnen Phasen ziemlich gleichmäßig wiederholt. Es . hat sich Mordechais Wort an Esther immer noch an uns bewährt: Rettung und Heil erstand den Juden von einer Stelle her, von der man es am wenigsten erwartete. Hier waren es verlorene oder^ gewonnene Schlachten, dort wieder zerrüttete Finanzverhältnisse, welche Rettung brachten; hier ging die Erlösung von einzelnen aus, die in des Fürsten Gunst standen, dort wieder war sie der Sieg der erwachten Humanität oder der geschichtlichen Notwendigkeit. Liest man heute die Anklagen Hamans, so meint man einen Bericht von Pobjedonoszew zu lesen. Dieselben falschen Beschuldigungen, dieselben ungerechtfertigten Schlüffe. Das Buch Esther ist das modernste Buch der Bibel. Es war leider immer zeitgemäß. Bei der Erinnerung an den Haman des Esther-Buches dachten die Juden allezeit weniger an den alten persischen Antisemiten, als an die vielen entsetzlichen und geschichtlich mit Blut bezeugten Rettungen von so vielen mittelalterlichen und modernen Hamans. Und daran knüpften sie die Hoffnung, daß auch ihnen, wie ihren Ahnen, dermaleinst wieder Ruhe und Glück erblühen werde. Diese Hoffnung ist der Grundgedanke des Festes auch heute noch. Nimmer dürfen wir aber deshalb die Hände in den Schoß legen. Jeden sehen wir an seiner Stelle in unserer Festschrift rührig das Seine leisten, Mordechai und Esther ebenso wie die Bedrohten in ihrer Gesamtheit. Eines ist aber für unsere Zeit besonders charakteristisch. Esther ruft ihrem Pflegevater zu: „Ehe ich beim Könige Fürbitte leiste, gehe du hin und sammle die Juden." Dieses Wort, will uns dünken, hat besonders in unseren Tagen neues Leben gewonnen. Den Ruf nach Sammlung haben auch wir von allen Seiten vernommen, und er ist gottlob nicht vergebens verhallt. Wer etwa noch abseits vom Wege stützt, der wird sich schon zum Ganzen finden, wenn erst die Gesamtorganisation geschaffen ist. Sie mußte ins Leben treten, weil sie das einzige Mittel ist, um uns die bereits erlangten Rechte zu sichern und die noch zu erstrebenden zu gewinnen. Hierbei ist aber unerläßlich, daß, wie vorhergesehen, im Lichte der Oeffentlichkeit beraten und verhandelt werde. Von Mordechai sinden unsere Weisen es auffallend, daß er nur bei der Menge seiner Brüder beliebt gewesen. Gewiß, es ist noch keinem Sterblichen gelungen, in jedem und allem aller Beifall zu erringen. Wenn .die Schrift aber jene sonst selbstverständliche Tatsache besonders hervorhebt, meinen die Alten, so müsse in diesen Worten ein leiser Vorwurf nachhallen. Gerade die Mitglieder des Synhedriums sollen nicht alle samt und sonders sein Gebähren ganz gebilligt haben. Was mögen diese nur an ihm, der doch mit so vielen Vorzügen ausgestättet war, zu tadeln gehabt haben? Vielleicht darf gerügt werden, daß er jeden seiner Schritte im Geheimen tut, daß er sogar nicht einmal den Mut der Oeffentlichkeit besitzt. Nicht darf Esther, so will es ihr Oheim, ihre Angehörigkeit zu dem Volke der Juden verraten, und als er die gegen den König angezettelte Verschwörung entdeckt und vereitelt, darf dieserhiervon erst auf Umwegen etwas erfahren. Klug und berechnet war ja wohl diese Geheimtuerei, wer weiß aber, ob die Juden nicht eher an ihr Ziel gelangt wären, ob überhaupt . Haman den Racheplan gewagt hätte, wenn ihm bekannt geworden wäre, daß die Königin selbst dem Stamme angehöre, dessen Untergang er wünschte. Was unsere Gegner an Verdächtigungen gegen uns leisten, das wissen wir pur zu gut. Hüten wir uns also, ihn ein