Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1904)
- Date
- 1904-02-19
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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ist ihm vom Minister des Inneren ein Gnadengeschenk von 200 Mark zugegangen. Von nah und fern waren Verwandte und Freunde herbeigeeilt, Um dem Jubilar ihre Glückwünsche zu überbringen. Ungefähr 300 Telegramme und Briese mit Glückwünschen, unter anderem aus Kairo, Newhork, London, gingen dem Geburtstagskinde zu. Die hiesige Gemeinde überreichte eine Adresse. s. Hamburg, 12. Februar. Bei der heutigen Bürgerschaftswahl haben die Antisemiten ihre sämtlichen bisherigen Sitze 'verloren. Der Antisemitismus ist hier nur noch eine Mode von vorgestern. Und dabei haben die Herren vorsichtig ihren Antisemitismus bei der ganzen Wahlagitation versteckt! In ihren Versammlungen und Flugblättern war von allem die Rede, nur nicht vom Antisemitismus; denn mit dem locken sie hier keinen Hund hinter dein Ofen weg. Dabei traf es sich noch glücklich für sie, das; die Neueröffnnng mehrerer Warenhäuser ihnen Gelegenheit gab, den Mittelstand wieder einmal zu „retten". Einer ihrer Kandidaten, von gegnerischer Seite interpelliert, erklärte, die Judenfrage sei vorläufig zurückgestellt, aber nicht aufgegebeu. Das läßt tief blicken! Herr Naab, unzweifelhaft eine, agitatorische Kraft ersten Nanges, ließ, unbekümmert um die ihm für Hamburg unbequeme Tatsache, einer der wildesten Agrarier zn sein, in seinem Flugblatt erklären: „Nie hat er übrigens im Reichstag ein Wort für die bäuerliche Schntzpolitik gesagt." Wie's trifft, bald so, bald so! Was. sagt dazu die „Deutsche Tageszeitung, die neulich ihrem Schützling attestierte, er sei einer der eifrigsten Förderer der vorn Brrnd vertretenen wirtschaftlichen Bestrebungen? Ein Witzbold macht in den Zeitungen den gar nicht übler: Vorschlag, die Leitrrng der hiesigen Dentschsozialerr möge die vierte, leere Seite der antisernitischen Flugblätter, die pomphaft eir: aus aller Welt zrrfammengesetztes „Progranrnr" verkündeir, mit demjenigen des Bundes der Landwirte bedrucken zu lasserr, darin hätte sie, einen: tiefgefühlter: Bedürfnis nachkonrnrend, gleichzeitig für Hamburg rurd Ostelbier: etwas auf Lager. Damit dürfte es wohl mit der antisernitfichen Herrlichkeit irr Harnburg endgültig zrr Ende sein. Es war ja auch eir: zr: unnatürlicher Zustand, daß die erste Harrdelsstadt Deutschlands eine gewisse antisemitische Vertretung anfwies. l. Dortmund, 11. Februar. An: letzter: Sorrntag abend, derr 7. d., feierte der hiesige Shnagogenchor, der sich vor kurzem mit den: seit Jahren hier bestehenden jüdischer: Gesarrgvereirr „Liederkranz" vereinigt hat, sein diesjähriges Stiftungsfest im Kölnischen Hof. Herr Musikdirektor Holtschneider hatte ans diesem Anlasse ein größeres Tonwerk „Das Märchen von der schonen Melusine", eine Kornpositior: vor: Heir:rich Hofrnanrr, cingeübt. Die Solopartier: wrrrder: vor: den Chorrnitgliedern, Frl. Sophie Melchior, Herrn Siegnnrnd Eppinghausen urrd Albert Heinernarrr:, sowie vor: zwei Mitgliedern des hiesigen Konservatorinrrrchors, die sich in uneigennützigster Weise zur Berfügrurg gestellt hatte::, ausgezeichnet durchgesührt. Die Firrrra Ibach L Sohn irr Barrnerr hatte eigerrs für die Aufführung einer: kostbarer: Flügel hierher gesandt, auf. welchem Frau Albert Sterr: ganz meisterhaft begleitete. Ir: begeisterrrder Rede sprach Herr Sally Melchior allen Mitlvirkenden, besonders den: verdienstvollen Dirigenten, Herrn Direktor Holtschneider und den: Vorsitzender: des Synagogenchors, Herrn Nathan Heinranr:, den Dank für die gehabte Mühe arrs. Das Fest, das erst am andern Morgen sein Ende erreichte, verlief — lvie das bei einem Gesangverein eigentlich nicht anders zu erwarten ist — in schönster Harmonie. — Am 9. d. M. hielt der hiesige Vereirr für jüdische Geschichte ur:d Literatur eine stirnnrnngsvolle Gedeirkfeier für Karl Emil Franzos in seinem Vereinslokale ab. Sie wrrrde eingeleitet durch eine feierliche Hymne, vorgetragen vorn Synagogenchor. Hierauf hielt Herr Siegfried Freund die formvollendete Gedächtrrisrede urrd gab ein erschöpfendes Bild von den: Leben rrnd Wirken des dahingeschiedenen Dichters, zugleich mitteilend, daß durch eine namhafte Zuwendung des Hermann Kaufmann fast die sämtlichen Werke von Karl Ernil Franzos für die Vereinsbibliothek angeschafft Werder: körrrrten. Herr Hermann Kaufmann hat sich übrigens vor Jahren schon bei der Gründung der Bibliothek als Mäcen gezeigt, ir:de,rr er damals einen größerer: Betrag stiftete. Möchte doch sein edles Beispiel recht vielfache Nachahmung finden! Nach Herrn Freunds Rede las Frl. Sophie Nelchior eine Novelle von Franzos „Das Kind der Sühne" in künstlerisch vollendeter Weise vor. Ein vorn Synägogenchor vorgetragener Choral schloß die erhebende Feier. Die große Zahl der Erschienenen verließ den Saal sichtlich befriedigt und irr weihevoller Stirnnrnng. — Am 30. v. M. fand die zweite Lehrerkvnserenz unseres Bezirks statt. Vierzehr: Kollegen hatten sich zu derselben eirrgesrrnden, n:ehrere hatten sich entschuldigt. Herr Rabbiner Dr. David-Bochum, der für die gestrige Versammlring ein Referat übernommen hatte, war krankheitshalber am Erscheirren verhindert. Um 3 Uhr er öffnete Herr Kaufrnann-Gelsenkirchen in: Hotel Lindenhof Hierselbst die Versamrnlung. In die Tagesordurmg eirrtretend, rekapituliert Kaufmann die Ergebnisse unserer Beratrrnger: vom 25. November v. I. (siehe Bericht irr Nnrnrner 51 dieser Zeitung vorn vorigen Jahre); dann stellt die Versammlung irr dreistündiger intensiver Arbeit au der Hand der seinerzeit von: westfälischen Gemeindeverbande heransgegebencn Normallehrpläne das Pensum im Gebetübersetzer: für die einklassige Volksschule fest. Das Resultat wird auch der Schulkommission des Verbandes zur Unterlage dienen für die vorzunehrr:ende Revision der Lehrpläne. Obwohl sich die Versammlung bemühte, den Stoff für das Gebetübersetzen auf das notwendigste Maß zu beschranken, so erscheint die eine Stunde „Hebräisch", die auf dern Stnndenplau rrnserer Schulen genehmigt ist, derart bepackt, daß ihr weiterer Stoff nicht mehr anfgebürdet werden kann. Es rrrnß deshalb der llr:terricht im Pentateuch, so wünschenswert er auch erscheirren mag, aus dem Stoffplan unserer Schule gestrichen werden; er ist den besonderen Privaten Religionsschnlen, die neben der Volksschule ir: der: Geureinderr hiesiger Gegerrd fast allenthalben eirrgerichtet sind, zuzrttveiseil. Am. Schlüsse wies Herr Kaufmann noch darauf hin, wie die Barnrizwahfeier feierlicher urrd eindrucksvoller als seither zu gestalten sei, so daß sie rricht nur auf die Barrnizwahknaben selbst, sondern auch'aus die ganze Geureinde eine wohltuende viel nachhaltigere Wirknrrg übe. Gegen 7 Uhr abends wurde die Versammlung geschlossen. 0. Frankfurt a. M., 14. Februar. Der Vorstand der Rabbinerko rnmissi ou der „Freien Vereirrigrrrrg für die Interessen des orthodoxen Judentums" hat gemäß den Beschlüssen der jüngster: Generalversammlung folgende Sätze bezüglich der Leich euv erbreuuung festgestellt: 1. Es gibt rrach unserem heiligen Religionsgesetz keine andere Bestattungsart als Beerdigurrg. 2. Jede Verletzung der Leiche ist streng verböte::, also ist auch aus diesem Grunde das Verbrennen der Leiche rrnterfagt. 3. Es besteht teilte religiöse Verbindlichkeit, auf eine letztwillige Bestimruung hin, die Leichenverbrennung vornehmen zu lassen. 4. Die Beerdignngsbrüderschafter: dürfen ihre Dierrste bei keiner Leiche artsüben, sobald es feststeht, daß dieselbe verbrannt wird. 5. Der Rabbiner darf eine Leicbe, die verbrannt tverder: soll, rricht begleiten und auch keine Trauerrede ir: solcher:: Falle Halter:. 6. Die Asche einer verbrarrnter: Leiche darf auf dem jüdischen Friedhof nicht beigesetzt werden. — Das klingt ja sehr bestimmt. Es fragt sich aber doch, ob sich derartige Bestimmungen, wie die ad 3, 4 und 6 auch wirklich urit dem Religionsgesetz vereinbaren lasser: und dann — was die Herren mit ihrem Protest erreichen rverderr! Oesterreich-Ungarn. n Wien, 15. Februar. Irr der Gesellschaft zur Konservierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Jndeutuuls hielt au: 11. d. M. der englische Botschaftspfarrer Reverend William H. Hechler einen Vortrag . über die „Palästinareise Kaiser Wilhelms II. irr: Jahre 1893". An der Hand vor: Generalstabskarten, geographischen Darstellungen urrd Pläner: besprach der Vortragende in ausführlicher Weise die einzelnen Momente der bekannten Reise des deutschen Monarchen, die urit derr: Besuche Jerusalems ihrer: Höhepunkt erreichte. Hier weilte Reverend Hechler während der zu Ehren Kaiser Wilhelms veranstalteter: Festlichkeiten. Der Vortragende schilderte nun den tiefer: nachhaltigen Eindruck, der: Palästina auf ihn ansgeübt hat, und richtete zum Schluffe seiner höchst interessanten Ausführungen einen warmen Appell an die Gesellschaft, sie möge ihre, so schörre ethische Ziele anstrebende Tätigkeit auch der: Forschnngen und Ausgrabungen in Palästina widmen. — Hier ist der emeritierte Hof-und Gerichtsadvokat Dr. Moritz Münzer gestorben. Das große und bleibende Verdienst dieses rnenschenfreundlichen Mannes war seine durch Jahrzehnte bewahrte unermüdliche Tätigkeit im Fürsorgevcrein für entlassene Sträflinge. Nach 36jahriger Arbeit