Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1904)
- Date
- 1904-02-19
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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als Advokat legte Dr.' Münzer, der im 73. Lebensjahre stand, im vorigen Jahre sein Amt nieder, um sich ganz dem praktischen Wirken im Fürsorgeverein zu widmen, dessen wichtiges ausübendes Organ er war. Durch 35 Jahre mühte er sich — und seine stete Sorge und seine reichen Erfolge auf diesem schweren Gebiete der Humanität wurden durch Verleihung des Franz Josefs-Ordens und später der Eisernen Krone ausgezeichnet — die Bedingungen für eine menschenwürdige Existenz besserungsfähiger Häftlinge zu schaffen. Als junger Angehöriger, später als Vorstandsmitglied und Vizepräsident des Vereins war er irr unablässiger Geschäftigkeit am Werke, entlassenen Sträflingen Arbeit mrd Stellung zrr suchen, sie aufzurichterr und der Gesellschaft wiederzugeben. — Heller Jubel herrscht im Lager unserer braven Arrtisemiten. Zwei Führer sind vom Papst ansgezeichnet worden. Berg an i, der Herausgeber des christlich-sozialen „Deutschen Volksblattes" irr Wierr, erhielt „in Arrerkenrrung seines unermüdlichen Wirkens für die christliche Sache" vom Papst Pius X. das Kornmandenrkreuz des St. Gregorordens mit dein Stern, während der christlich-soziale Stadtrat Wenzel Oppenberger das päpstliche Ehrerikreuz pro eeelesia et ponlitiee erhielt. — Irr Nzeszow (Galizien) wurde der israelitische Kultusrat ansgelöst, und der Advokat Gemeinderat Dr. Fechtdegen als Regierungskomrnissär eingesetzt. — Suszlsnd. . ----- Warschau, 10. Februar. Zur Charakteristik der hiesigen Verhältnisse wird Ihnen folgendes von Interesse sein. Es besteht hier eine medizinische Gesellschaft für polnische Aerzte, die schon seit vielen Dezennien existiert und ca. 300 Mitglieder hat. Ausgenommen werden nur solche Aerzte, die mindestens eine Arbeit aus dem Gebiete der medizinischen Wissenschaften vorlegen können. Die Sitzungen werden meistens vor leeren Sälen abgehalten, nur in der Januar- Sitzung, wo das Ballotement der neuen Kandidaten stattfindet, stellest sich beinahe alle Mitglieder ein, und es wird eine wütende Agitation betrieben, da schon seit Jahren ein Kreuzzug gegen die jüdischen Kollegen geführt wird, um sie nicht in die Gesellschaft hinein zu lassest. In diesem Jahre wurde keiner der sieben Kandidaten ausgenommen, obwohl sie allen Anforderungen entsprechen. Einige Kandidaten wurden von christlichen Mitgliedern der Gesellschaft vorgeschlagen, die alle Bedingungen erfüllten. Es konnte ihnen kein persönlicher oder moralischer Vorwurf gemacht werden. Sie sielen aber doch alle durch, nur weil sie Inden sind, während von den neu aufgenornrnenen katholischen Aerzten einige nicht einmal eine wissenschaftliche Arbeit aüsrveisen konnten; ja sogar ein Kandidat, der vom Präsidenten der Gesellschaft empfohlen wurde, siel durch, was der Herr Präsident sich aber durchaus nicht zu Herzen genommen hat. Und doch sind die 50 jüdischen Aerzte, die der Gesellschaft an gehören, gerade die tüchtigsten und eifrigsten Mitglieder derselben. Die jungen Aerzte werden nnn durch solche Vorgänge förmlich gezwungen, eine eigene medizinische Gesellschaft zu gründen. Die Warschauer medizinische Gesellschaft wird sich aber binnen kurzem eine katholische nennen dürfen, da jetzt auch schon gegen die Protestanten von einigen Mitgliedern gehetzt wird, die, obgleich deutscher Abstammung, sich doch ganz polemisiert haben. Ein trauriges Bild von den Verwüstungen, die der Antisemitismus in unserem Lande angerichtet hat! Von Sah und Fern. ----- Der Magistrat hat beschlossen, behufs Erbauung eines Krankenhauses der jüdischer! Gerneinde ein Terrain von 25000 Quadratmetern in Anbetracht des guten Zweckes zu dem verhältnismäßig billigen Preise von 35 Mark für den Quadratmeter zu überlassen. Das Grundstück liegt an der Exerzier- und Schulstraße. — Die Akademie der Wissenschaften hat 1000 Mark für lveitere Ausdehnung der dritten kleinasiatischen Reise des Professors Dr. Alfred Philippson bewilligt. Die Ansführung dieser Reise, die die Forschungen des Bonner Geographen im westlichen Kleinasien abschließen soll, wurde auf 1904 festgesetzt. — Der Kaufmann Ferdinand Hecht hier hat den Kommerzienratstitel erhalten. — Herr H u g o Heil mann hat den Noten Adlerorden IV.'Klasse erhalten. — Am 7; d. M. ist hier Frau Panline Zaller geb. Li'chtcnstädt gestorben. Dieselbe war 17Jahre lang Ehreudame der Altersversvrgnngsanstnlt und auch des Hospitals der jüdischen Gemeinde.' Ehre ihrem Andenken! — Am 11. d. M. ist in Nervi der hiesige Rechtsanwalt Max Flatow im 45. Lebensjahre gestorben. — Der bekannte antisemitische- Buchhändler Gustav Ad. Dew.ald ist im 40. Lebensjahre gestorben. „Seine Buchhandlung in der Markgrafenstraße, die er später nach der Krausenstraße und dann nach der Friedrichstraße verlegte, stand lange Zeit im Mittelpunkt der antisemitischen Bewegung," so berichtet ein Blatt der Partei. — Die Posener Bürgerschaft hat dem bisherigen Stadtverordnetenvorsteher Justizrat Dr. Lewinski eine Adresse überreicht, in der der Dank der Bürgerschaft für seine kommunale Tätigkeit ausgesprochen und dem Wunsche Aus druck gegeben wird, daß er auch fernerhin seine Kraft in den Dienst der Stadt Posen stellen möge. Die Adresse trug über 1200 Unterschriften von Anhängern alter Parteien. — Stadtrat Milch irr Breslau hat den Roten Adlerorden IV. Klasse erhalten. — In Hannover ist Rechtsanwalt Dr. jur. Sie gm und Meyer mit großer Majorität zrrm Bürgervorsteher gewählt worden. — Die Nachricht katholischer Blätter, daß die israelitische Knltusgemeinde Nürnberg die Aufstellung eines israelitischen Arztes für die Leichenhalle des israelitischen Friedhofes verlangt habe, ist unwahr und vonr Vorstand in einem Nürnberger Blatte dementiert worden. — Von Markelsheiru hat sich ein jüdischer Seesvldat des II. Seebataillons in Wilhelrnshafen, Bernh ard Stranß, freiwillig der militärischen Expedition gegen die Hereros augeschlossen.—In Bern hat sich ein israelitischer Kultusverein gebildet und den Bau einer Synagoge beschlossen. — Der Russe Luban, welcher vor kurzem einen Mordanfall auf den Schriftsteller Dr. Max Nordau verübt hat, ist als für seine Handlungen nicht verantroortlich befurrden rvorden und wird einein Jrrenhause überwiesen tverden. — Am 4. d. M. ist in Paris Lev Gvldschmidt im Alter von 74 Jahren gestorben. Er zählte zu einer gewissen Epoche unter die hervorragendsterr Finanziers von Paris. Als Schwager der Baronin Hirsch, mit deren Schwester erst erheiratet war, nahm Goldschmidt entscheidenden Einfluß auf die Abwicklung der Vertassenschaft Hirsch und auf die Durchführung der zahlreichen Hirschstiftrrngen. — Die Kommission, welche im Ministerium des Innern in Petersburg unter dem Vorsitz des früheren Charkower Gouverneurs Fürst Qbolenski über die Judenfrage, speziell über das Wohnrecht außerhalb des Territoriums beraten hat, hat ihre Sitzungen geschlossen. Es wurden einige kleine Verbesserungen vorgeschlagen. — Rechtsanwalt Perewersew, der als Verteidiger im Kischinewer Prozeß fungierte und dann in einer Schriftstellerversammlung einen Vortrag gehalten hat, rnuß dafür mit drei Jahren Verbannung im Gouvernement Archangelsk büßen! —, Der - bisherige Kronrabbiner in Jekaterinoslaw Dr. S. Lewin ist zum Prediger der Chorsynagoge in Wilna gewählt worden. — Wie die „Rufst" berichtet, ist der jüdische Untersuchungsrichter des Bezirksgerichts in Ssarnara I.- L. Teitel, der schon 25 Jahre als Untersuchungsrichter gedient hatte, zum Mitglied des Ssarntower Bezirksgerichts ernannt worden. Es ist nach den Versicherungen der „Russj" der erste Fall in Rußland, daß ein Jude einen solchen Posten erhält. — Am 17. v. M. wurde in Dwin sk das von der Frau Sachs geb. Kamerase dem Andenken ihres verstorbenen Gatten, des erblichen Ehrenbürgers von St. Petersburg, Herrn S. I. Sachs, gestiftete Altersasyl, im, Beisein des Oberbürgermeisters, der Stadtbehörden und Gemeindevertretung eingeweiht. - Die Anstalt, eirr irnposantes Gebäude, im Walde gelegen, ist von der Stifterin und deren Sohn, Herrn Albert Sachs, mit allem Notwendigen ansgestattet: Möbel, Betten, Wäsche und-Wirtschaftsgeräte. Am Tage der Eröffnung wurden 50 Personen ausgenommen, die zu Ehren des Tages vollständig neu eingekleidet wurden. — Dem Fräulein Mina Semaitis in St. Petersburg ist der Stanislaus-Orden II. Klasse verliehen worden. — In Kiew hat vor kurzem ein Schiffahrtskongreß getagt, auf welchem der Bürgermeister von Kiew darauf hingewiefen hat, daß die Juden, welche irr der Entwicklung der Schiffahrt eine große Rolle spielen, in Kiew leider nicht wohnen dürfen, so daß sie wahrend der Navigation andere Ankerplätze suchen, wodurch die Interessen der Stadt arg geschädigt werden. Der Kongreß ermächtigte den Bürgermeister, derr Minister des Innern zn ersuchen, den Juden, welche Schiffe besitzen oder mit der Schiffahrt in Verbindung steherr, zu erlauben, während der Navigation in Kiew wohnen zu dürfen. . -sm* .