Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1904)
- Date
- 1904-02-19
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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68. Jahrgang. No. 8. Der Berlin, 19. Februar 1904. Veilklge zur „Allgemeinen Leitung deß Judentums" Lorrrlponden?m und Kschrichten. Deutschland. 8. Berlin, 14. Februar. In uur einsti'mdiger Sitzung wurde he»:te die Tagesordnung der Repräsentanten-Versammlung erledigt. Debattelose Annahme erfuhren zwei Stiftungen der Frau Berend geb. Reichenheim an das Reichenheirn'sche Waisenhaus in Höhe von je 60 000 Mark; die eine Stiftung soll dem Fonds zur Unterstützung. entlassener Zöglinge, die zweite unter Abzug von 150 Mark zur Pflege des Erbbegräbnisses der Familie Berend — dem allgemeinen Fonds des Waisenhauses zufließen. Ebenfalls widerspruchslos wird eine Zuwendung des Herrn Emil Masse in Höhe von 15 000 Mark angenommen zur Errichtung einer Turnhalle im zweiten Waisenhaus in Pankow. Die Louis Friedberg'schen Erben haben der Alterbersorgungsanstalt 24 000 Mark zugewendet; ans Anregung des Herrn Manheim er sollen, wenn statutarisch zulässig, die ans diesem Legat erwachsenden Vorteile in erster Reihe Verwandte der Stifter genießen. — Der Rechnungsabschluß der Schulverwaltung pro 1902/03 wurde von der Tagesordnung abgesetzt. —, Dem jüdischen Krankenhause werden zum Bau einer Baracke 8500 Mark bewilligt. Vom Polizeipräsidium war den: stets überfüllten Krankenhause aufgegeben worden, entweder, eine Anzahl von Betten einzuziehen, oder aber irgendwie für die Unterbringung von Kranken Raum zu schaffen. Da eine Belegung des Vorderhauses des Krankenhauses nicht genehmigt wurde, so blieb nur, wenn man nicht die Krankenzahl verringern wollte, der Ausweg, eine Baracke zu errichten. Die Baracke wird in einfachster Ausführung nach dem Vrümmer'fchen System errichtet. — Die Beiträge zürn Penfions- und Unterstützungsfonds der Koscherfleischhändler werden, wie seit einigen Jahren, wiederum erlassen. — Nach baupolizeilichen Vorschriften muß vor der»» Grundstück der Synagoge Rykestraße ein Streifen vor: 5,5 Metern unbebaut gelassen und dauernd als Gartenland erhalten werden. Das Polizeipräsidium hat auf die letztgenannte Bestimmung unter der Bedingung verzichtet, daß das Terrain der Stadtgemeinde Berlin eigerrtümlich überlassen bleibe und von der jüdischen Gemeindeverwaltung bürgersteigartig befestigt werde. Die Annahme dieses Ausgleichs ist vom Ausschuß empfohlen worden, die Versammlung stimmt diesem Beschlüsse zu, — In das Kuratorium der Dr. Ephraim- Stiftung wird an Stelle des Herrn Sieskind Prof. Vlaschke abgeordnet. Eine längere Debatte zeitigt die Vorlage betreffend Anstellung eines Schularztes. Für denselben ist ein jährliches Gehalt von 800 Mark vorgesehen. Der Schulvorstand hält die Mitwirkung eines Schularztes bei der Aufnahme neu angemeldeter Kinder für dringend empfehlenswert, der Ausschuß hat die Annahme der Vorlage befürwortet. Geheimrat Blümenthal bemängelt die Bestimmung, daß der Schularzt die Kinder vor der Aufnahme untersuchen soll, und hält Konflikte mit denr Hausarzte für unvermeidlich. Er bittet, sich streng air die Instruktion zu halten, welche die Stadt für die Schulärzte gegeben hat, nämlich die Kinder erst innerhalb der ersten sechs Wochen nach der Aufnahme zu untersuchen. Professor Baginskh erachtet es für weit zweckmäßiger, die Kinder vor der Einstellung ärztlich zu untersuchen; Konflikte mit dem Hausarzte würden nach seiner Ansicht eventuell auch dann nicht ausbleiben, wenn die Prüfung des Gesundheitszustandes der Kinder erst innerhalb der ersten sechs Wochen nach der Aufnahme stattsände. Der Haus- und Schularzt müßte sich ja doch dem Gesetze fügen, welches den Schulbesuch vorschreibe, und als unreif befundene Kinder müßten eben auf ein halbes Jahr zurückgestellt werden. Professor Landau hält die Untersuchung vor der Aufnahme für prinzipiell bedeutungsvoll, beispielsweise für Fälle von Tuberkulose, Skrofulöse, Scharlach, Masern. Er weist übrigens auf die städtische Instruktion hin, nach welcher ebenfalls neu eingestellte Kinder vor der Einführung untersucht werden sollen. Herr Louis Sachs befürwortet kurz den von ihm gestellten Antrag, die Vorlage zu genehmigen mit dem Ersuchen, daß die Instruktion des Schularztes vor der Anstellung desselben der Repräsentauten-Ver-, sammlung zur Genehmigung vorgelegt werden soll. Geheimrat Bl umenthal kann es nicht als gar so gleichgültig ansehen, daß die Kinder auf das Gutachten des Schularztes hin den Eltern wieder auf ein halbes Jahr zurückgeschickt werden. Professor Blaschke schließt sich zwar dieser Ansicht au, will aber die Sorge für das Gesamtwohl der Klasse in erster Linie gewahrt wissen, da es für die Kinder, welche noch nicht eingestellt werden sollen, genügend Zufluchtsorte gebe. In einer gemischten Deputation werde sich zur Zeit ohne Zweifel ein Ausgleich zwischen Schule und Haus .finden lasse»:. Bei der Abstimmung ivurde alsdann der Airtrag. Sachs sowie die Vorlage angenommen. Damit schließt die öffentliche Sitzung. ‘ ' s. Berlin, 12. Februar. Jnr Verein für jüdische Geschick) te und Literatur hielt gestern Herr Professor Dr. Martin Philippson eirren höchst interessanten und lehrreichen Vortrag über /, Die Juden in der Frühzeit Deutschlands," Von den Zeiten der Rönrer an, so führte der Redner aus, und im Gefolge ihrer Legionen haben die Juden Einzug in das gegenwärtige Deutschland gehalten. Die ältesten Gernemden waren Köln, Metz, Worms, Mainz u. a. Die Lage der Juden war eine durchaus günstige und angesehene. An einer Fülle von Beispiele»: tvurde dies in überzeugender Weise nachgewiesen. Sie waren die Vermittler des Welthandels zur See und auf den: Landwege. Sie hatten richterliche und administrative Gewalt. Sie wurde»: von Bischöfe»: und Kö»»igei: geschützt. Auch unter den Merowingern n»:d unter de»: Karolingern war ihre Lage »:och eine günstige. Sie änderte sich erst, als nach den Kreuzzügen die Städte zur Blüte gelangten, de»: große»» Handel an sich rissen und die Jude»» gegen deren Wille»: durch Beschränkungen aller Art zu den Parias - erniedrigte»^ die sie die ganze zweite Hälfte des Mittelalters über bliebe»:. Dies ist das kurze Gerippe des Vortrags, das durch eine Fülle vor: interessa»:ten und lehrreicher: Details, wie sie nur einem so gelehrten Historikerin gleich reicher Zahl zu Gebote stehen, belebt »rnd zu einem anschaulichen, großer: Gesamtbilde vereinigt wurde, das durch verschiede»:e A»:sblicke aus die Gegenwart feilte besondere Perspektive erhielt. Mit dein größte»: Interesse folgte das zahlreich versammelte Auditoriun: de»: höchst interessairtei» Ausführungen des Vortragenden und gab an: Schluffe seiner: Dank für de»: geistigen Ge»:»:ß durch lebhaften Beifall herzlichen Ausdruck. — Aus der: auswärtigen Literaturvereinei:: In Sch wetz sprach Dr. Eppenstein-Briesen über „Gabirol, ei»: spanischer Dichter ur:d Denker" und Kaufmann Adolf B ukoszer-Danzig über „Die Kimst zu leben und jetzt als Jude zu leben"; in Elbing Dr. Silberstein über „Herder in seiner: Beziehungen zur Bibel und zun: Judentum". in Znin Herr Jakob Zenker-Berlin über „Jesajas »:»:d seine Bedeutung"; in Brornberg Dr. Silberstein-Elbing über „Shylock »rnd sein Urbild"; in Breslau Dr. »ned. Alfred Goldschmidt über „Was nur:? Eine sozial-jüdische Betrachtung"; ir: Katto »vitz lind Pleß Dr. C. Pinn über „Die Bedeutung des Judenturns für die Wissenschaften", in Beuthen O.-S. über „Der Jude als Romansigur"; in Forst i. L. Prediger Pulvermann über „Der Talmud", Dr.-»ned. Arthur Kahn-Berlin über „Die geistiger:und körperlichen Defekte der Juden"; in Küstrin Prediger Haase über „lieber den. Moralischen Wert der jüdischen Geschichte und Literatur"; in Land s - berg a. W. Dr. Elsaß über „Karl Emil Franzos und seine Juden von Barnow"; in Magdeburg Dr. Ludwig Pick-Berlin über ,-Haeckels Welträtsel", Dr. B. Seligko witz-Cöthen über „Die Sage vom ewigen Juden", Landesrabbiner Dr. Lewit-Birkenfeld über jjKohelet und Schopenhauer"; in Pirmasens Lehrer A. Michel über „Jüdische Sprichwörter und Redensarten"; in Leipzig Dr. Nobel über den „Airfstand desBar-Kochba", Dr. Porges über ,;Die Geschichte der Inder: in Leipzig"; in Hörde Herr S. Freund - Dortmund über „Jüdische Statistik", Dr. Rosenthal-Stargard über pHamrimrabi, Thora :md Talr»:ud", HerrF. Heirnar:.»: über „Bibel »:r:d Babel", Herr F. Zür»:dorfer über. „Mohanuneds Leben u»:d