Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1904)
- Date
- 1904-02-19
- Page
- Seite 95 (sequence 11)
- Language
- German
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„Worrn besteht denn Eure Religion? Seitdem ich Euch kenne, wart Ihr in keinem Tempel,. Ihr feiert Euren Sabbat nicht, Ihr betet nicht, Ihr befolgt Eure Speisegesetze nicht, in religiöser Beziehung seid Ihr meinem Jagdhund gleich, und da willst Du Dich gegen die Taufe sträuben?" Sie senkte ihr Haupt. „Du hast recht, Hugo. Es ist eben die Folge des Anfangs. Du würdigst den Religionswechsel zur leeren Form herab, ich werde mich also nicht weigern. Aber meine Eltern." „Mit Deinen Eltern werde ich reden und werde sie überzeugen." Erna lag lange schlaflos im Bette und der Gedanke wollte in ihr aufdämmern, daß ihre Liebe ihr zu großen: Unglück gereichen würde. Die nebelgraue Ferne enthüllte sich ihr mit unirdischein Lichte, die Trostlosigkeit, die Rene nahten langsam ans schwarzen Fittichen, rrnd sie mußte. diesen Kampf ohne Hoffnung kämpfen. Andern Morgens ließ Herr Berger feinen Schwiegersohn rufen. „Guten Morgen, Vater, ich wollte auch mit Ihnen reden." „Vorläufig höre zu, was ich zu sagen habe. Setze Dich, wir werden Zeit gebrauchen. Gestern abend wurde meine Ahnung zur Gewißheit, daß Dir Dich Deiner Schwiegereltern schämst." „Aber Vater," stotterte Hugo, „nüe können Sie dies voranssetzer:?" „Wo es nur anging, vermiedest Du, mit uns auszugehen, uns mit Deiner illustrer: Gesellschaft bekannt zu machen. Wo dies nicht zu umgehen lvar, nanntest Drr unseren Namen, erwähntest jedoch nicht unsere Qualität als Deine Schwiegereltern. Gestern abend ließest Du mich seigerweise ohne Deinen Schutz, anstatt diesen Rowdy, der Dich rrnd Deine Frau beleidigt hatte, yinauszuweiserr. Ich sehe klar, rrnd es soll nur: klar zwischen uns werden." Hugo sagte, etwas kleinlaut geworden: „Lieber Vater, Sie verkennen die Sachlage vollständig, es ist eben eine ganz andere Welt, in der wir leben. Ich hoffe, dereinst noch einer: Ministersessel einzunehmen und bedarf der Protektion und der Frerrndschaft einstrrßreicher Leute. Diese finde ich irr konservativen Kreisen, dort konrme ich rascher zur Geltung — aber ich darf rnir auch derer: Vertrauen rricht verscherzen." „Ich verstehe. . Run, wir werden Dir nicht irn Wege sein. Du hast rms zurr: letztenmal bei Dir gesehen, aber Du, der Gatte unserer einzigen Tochter, bist uns in unseren: Hanse stets willkommen. Du wirst auch wohl unserer Tochter nichts in den Weg. legen, ihre Eltern regelmäßig zu besuchen." „Gewiß werden wir gerrre und häufig zu Ihnen kornmen, aber wie die Verhältnisse eben liegen, rnuß ich Sic bei Ihrer Auffassung lassen. Ich gedenke hoch zrr steigen und meiner Frarr eine hohe rrnd glänzende Stellung zu schaffen, aber der Weg ..." „Muß judenrein sein, nicht wahr?" „Run ja, Beziehungen zu Juden können nur schaden." „Weshalb hast Du denn die Jüdin geheiratet. Kanntest Drr denn Deine Bestrebungen und Pläne nicht vorher?" „Der rascheste und bequemste Weg erschloß sich rnir erst rrach irreiner Verheiratung. Erst die Gründung meines Hansstandes ermöglichte rrür, meinen Parteigenossen näher zu treten rrnd drrrch die Wahl meines Verkehrs, meine strenge Loyalität zrr bekunden.' Ich rede offen mit Ihnen, weil Ihr Geist, der: ich stets bewunderte, mich versteht. Sie sollen noch stolz aus' Ihren Schwiegersohn werden/ den Sie jetzt verkennen. Daß es Ihnen in meinem Kreise vorläufig nicht behaglich ist, kann ich mit Ihnen fühlen." Herr Berger sagte schmerzlich: „Welche Denrütigrrngen wird meine arme Tochter noch erleiden, bis sie ihr Herz soweit gestählt hat, daß sie die Beleidigungen ihrer Eltern, ihres Glaubens nicht mehr allzu tief empfindet!" ■ „Erna wird sich taufen lassen." „Ich habe dies vorausgesehen nnb muß es billigen; Eheleute müssen eirren Glaubei: haben." „Es freut mich von Herzen, daß Sie darin so vernünftig denken." „Und rinn zmn Schlüsse. Drr hast uns getäuscht, Dr: locktest uns mit den Versicherunger: Eurer Toleranz, Drr freutest Dich, ir: rnrs Deine Eltern wiedergefunden zu haben, und-nun sind wir düpiert. Mein Geld kau: Dir für Deine Pläne gelegen. Die Art rrnd Weise, wie Du die Hand meiner Tochter erschlichen hast, ist ebenso wenig ehrenhaft, wie der krrnnrrre Weg, den Di: zrr einer hohen Stellung einschlagen willst." Er wirrkte Hugo, der ihn unterbrechen wollte, mit der Hand Schweigen zrr und fuhr fort: „Das soll Dir alles verziehen sei, wenr: Du rueiu Kind glücklich machst. In diesen: Falle sollst Du niemals vergeblich an mich appellieren, wenr: Du meine Unterstützring wünschst. Und nun begleite rnich zrr meiner Frau, die vor: Dir Abschied nehmen will, wir fahren heute nach Hause." Frau Berger lvar bei ihrer Tochter. „Liebe Mutter, Sie wollen uns schon so rasch verlasserr!" Es zuckte um Frau Bergers Mund rrnd sie sagte leise: „Ja, es ist besser; wir müssen heim." Herr Berger ergriff das Wort. „Hugo, wir wollen Dich nicht aushalter:, es ist Deine Büreaustunde. Du wirst gestatten, daß Deine Frau uns den heutigen Tag widnret. ru:d nur: Gott besohle::! Dr: bist -uns jederzeit willkorrunen." Hugo nahm Abschied, ohne viele Worte zrr machen. Draußen atmete er tief auf, machte ein vergnügtes Gesicht und begab, sich zr: seiner Mutter. „Meine Schwiegereltern fahren heute fort rnrd kournren nicht mehr wieder!" rief er den Damen zr:. Er erzählte hastig das Vorgesaltene. Seirre Mutter und Schwester nickter: billigend mit den: Kopfe. „Wenn Erna getarrft ist, lvird sie wohl ihre frühere Welt vergessen." Frau Rode meinte: „Ich fürchte, daß sie trotz der Taufe unglücklich lvird, wenn Du sie nicht rrrit Liebe und Milde an Dich fesselst, Hugo. Wenn sie Christin ist, rvird sie auch ir: uns liebevolle Verlvandte finden." „Ach," sagte er ungeduldig, „zu Sentimentalitäten habe ich feine Zeit. Ich werde Erna rwch so weit bringen, daß sie das Borkurnlied singt." Laut lachend verließ er das Zimmer. (Fortsetzung folgt.) Litrrsrilche Mitteilungen. — Beiträge zur Geschichte der Juden in Bayern. 1. Die bayerischen Parlaruentarier jüdischen Glaubens. Bon Dr. A. Eckstein. Bamberg. Verlag der Handelsdruckerei Bamberg. 1903. Der verdienstvolle Forscher ist nun, wie man von ihrn erwartet hat, von der Lotälgeschichte zu dem weiteren Gebiete der Landesgeschichte nbergegangen. In dem vorliegenden ersten Hefte seiner „Beiträge der