Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1904)
- Date
- 1904-02-19
- Page
- Seite 92 (sequence 8)
- Language
- German
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zeugt es, das; Jakob, einmal - getäuscht,- fiel) .für eine zweite Reihe von sieben Jahren in den -Dienst seiner Schwiegereltern '' stellt! Diese Schätzung rieft gegenseitiges Interesse ineinander hervor, wie die intimsten Gefühle geweckt werden. Tatsächlich hören wir da von „Liebe" sprechen: „Jakob liebte Rachel." - Es ist kein Phantasiegebilde,' wenn der Midrasch erklärt, daß Jakob aus seiner Wanderung nach Haran ausgeraubt wurde. Denn das Sichverdingen setzt zweierlei voraus. Erstens, daß Jakob arm in das Haus Labans trat. Wäre er im Besitze von Mitteln gewesen, hätte er den verlangten Preis. erlegt, die Forderungsberechtigten mit blanker Münze oder Wertgegenständen befriedigt. Zweitens, was selbstverständlich äst, daß, wenn es auch z. Z. keine Industrie im heutigen Sinne gab, dennoch Ackerbau und Schafzucht getrieben wurde, also einen Beruf gab, in dem der werbende junge Mann sich nützlich machen konnte. Aus uralter Zeit stammt die Erzählung, daß einst einer Frau wegen ein erbitterter Kampf unter den Stämmen entbrannt war. Eine Frau wurde von einigen aus dem Stamme Benjamin entehrt, infolge dessen sie starb. Als dies bekannt wurde, erhob sich ganz Israel wie ein Mann, um die Verbrecher zu strafen. Als die Benjaminiten sich weigerten, die Verbrecher auszuliefern, wurde ein Vernichtungskrieg gegen sie geführt.. -Tausende -und Abertausende sielen auf beiden Seiten. Der Stamm Benjamin wurde fast ganz vernichtet, nur einige hundert Männer retteten sich durch die Flucht. Dieser Krieg erinnert in seinen Folgen an den einst bestehenden Frauenraub. Daß ein Stamm Israels zu bestehen aufhören sollte, erfüllte, nachdem die Kriegsfackel nicht mehr loderte, die anderen Stämme mit tiefem Schmerz. Dem war nur abzuhelsen, wenn die noch übrigen Männer wieder heirateten. Nun hatte man aber geschworen, keinem Benjaminiten eine Tochter zur Frau zu geben. In der Not half man sich damit, den Benjaminiten zu raten, sich bei dem nächsten öffentlichen Feste die Mädchen zu rauben. Man kann daraufhin aber nicht behaupten, daß in Israel Frauenraub üblich war, dieser eine Fall, von der Not eingegeben, war ein Ausnahmefall. Für die Stellung der Frau in Israel zeugt ferner, daß sie würdig befunden wurde, auf die Staatsangelegenheiten einzuwirken, die Krone zu tragen. Wenn^ wir hinzufügen, daß Frauen auch als Prophetinnen anerkannt waren, so wird nicht nur ihrer sittlichen wie geistigen Kraft das schönste Zeugnis ausgestellt, es beweist auch, daß sie die ihnen gebührenden Stellungen einnahmen. Es sei noch ein Wort über Polygamie gesprochen. Die Bibel verbietet sie nicht, ltnb gesetzlich war sie bis vor einigen Jahrhunderten gestattet. Obwohl die Vielweiberei nicht verboten war, bestand sie tatsächlich nur ausnahmsweise. Regel war die Monogamie. Abraham hatte nur eine Frau; die Magd Hagar kann als Frau nicht angesehen werden. Isaak hatte Rebekka zur Frau, und wie Jakob zu zwei Frauen, zu der nicht gewollten Lea kam, wissen wir. Außerdem läßt es die Bibel durchleuchten, daß Polygamie kein wünschenswerter Zustand sei. Beim Ausstellern des Königsgesetzes befiehlt sie ausdrücklich, daß der König nicht viel Frauen habe. Was dem Könige verboten ist, verbietet sich den gewöhnlichen Menschen schon aus wirtschaftlichen Gründen. Eine Art Polygamie bildet die Leviratsehe. Diese bestand bekanntlich in dem Gebote, daß der Bruder die kinderlose Witwe des verstorbenen Bruders heirate. Nun ist es doch möglich, daß der überlebende Bruder bereits im Besitze einer Frau war, die zweite Frau mußte ihm also gestattet sein, was bei dem Verbote der Polygamie nicht möglich gewesen wäre. Man darf aber nicht vergessen, daß auchdiesein -Ausnahmegesetz ist und eine tiefe ethische Grundlage hat. Zunächst sollte die Pietät gegenden Verstorbenen gewahrt werden, sein Name sollte .nicht aussterben.' Das der Ehe entsprossene Kind mußte seinen Namen führen. Es muß dabei auch beobachtet werden, daß der Witwe durch die Schwagerehe oft genug eine Wohltat erwiesen wurde. Wenn etwa ihre Blütezeit vorüber und sie arm zurückgeblieben war, war sie durch, den Tod:,- .ihres Mannes aller Existenz beraubt; da sie kinderlos ist, auch jedes Trostes bar.- Die Schwagerehe mag. oft eine Lebensrettung für die verlassene Witwe gewesen sein. Die Lewiratseheist schon seit langem verboten. Der Schwager darf die verwitwete Schwägerin nicht heiraten. Wieder waren es Sittengesetze, die diese Abänderung geboten, was hier auseinander zu setzen uns zu weit führen würde. Um nun wieder zu Spencer zurückzukehren, sei bemerkt, daß er seinen Gedanken, daß die Lage der Frau da eine harte ist, wo kriegerisches Wesen vorherrscht, und daß sie sich da besser gestaltet, wo der industrielle Typus den kriegerischen verdrängt, bei den verschiedenen Völkern der alten und neuen Zeit zu beweisen sucht. Es sei nur einiges von den führenden Völkern der Gegenwart angeführt. . Spencer meint, das; sein Gedanke besonders in den unteren Schichten in die Erscheinung tritt. So zum Beispiel herrschte im letzten Jahrhundert das kriegerische Wesen in Frankreich vor. ' Da die Männer die Waffen trugen, mußten die Frauen für den Unterhalt des Hauses sorgen. So hatte sich, nach Vicomte de Segur, die Lage der Frauen unter Napoleon verschlechtert. Die Gewohnheit des Kampfes, sagt er, erfüllte die Männer mit einer Art von Stolz und Rauheit, welche sie gar oft die Rücksicht vergessen, ließ, die . sie der Schwäche schuldeten. — Auch Deutschland zählt Spencer zu den kriegerischen Völkern, daher sieht nran die Frauen schwere Arbeit außer dem Hause tun, Karrenfahren,.Lasttragen rc. Dagegen hebt er England und Amerika hervor,- wo die schwere Arbeit den Frauen abgenommen ist, sie auch zum Sitzen im Laden weniger gezwungen sind. Es sind eben Staaten von vorwiegend industrieller Natur. Spencer betont ferner, daß die im Staatsleben herrschenden Ansichten sich auf das Haus übertragen, das heißt, herrscht im Staate Despotismus, so herrscht er nicht minder im Hause. Der Mann wird der Despot. Er zitiert einen Ausspruch Napoleons I., der zu seinem Staatsrat einmal sagte: „Ein Gatte muß eine absolute Herrschaft über die Handlungen seiner Frau haben." Für die Zukunft erwartet Spencer für die Stellung der Frau etwa folgendes: Die Monogamie, die Ehe mit einer Frau, als die höchste und letzte Form der Eheschließung, wird allmählich auch bei den zurückgebliebenen Völkern die einzige Eheschließung werden. Wie Frauenraüb, -Diebstahl, -Kauf aufgehört haben, so wird auch Heirat ohne Neigung aufhören. Und wenn es heute noch Brauch ist oder als Notwendigkeit angesehen wird, nur des Geldes oder des Ranges wegen zu heiraten, stößt dies doch schon ans Mißbilligung und wird das Unnatürliche solcher Ehen mit der Zeit eingesehen werden. Man wird aber auch das Fortbestehen solcher Ehen unnatürlich finden, wo die Neigung erstorben, das natürliche Band nicht mehr vorhanden ist. Dir Kirchen werden in die Scheidung willigen müssen. \ Interessant ist, was Spencer über die Gleichberechtigung der Frauen sagt. Vor allem meint er, daß eine volle Gleichstellung der Frau mit' dem Manne nur dann möglich wäre/ wenn die Staaten sich ganz und gar zum industriellen Typus bekannt-haben werden. Das ist aber noch lange nicht der Fall. Selbst Staaten mit vorwiegend industriellem Typus sind