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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-02-19 · Heft 8 (19.2.1904) · p. Seite 90

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 8 (19.2.1904)
Date
1904-02-19
Page
Seite 90 (sequence 6)
Language
German
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tuie der Hilfsverein der deutschen Juden, die Alliance Israelite Universelle, und andererseits die wissenschaftlichen Vereine, wie die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, in Zukunft derartige Forschungen anregen, oder wenigstens nach Kräften unterstützen würden. Wissenschaftlich und praktisch würde der Gewinn ein außerordentlicher sein, vorausgesetzt natürlich, daß sich stets so geeignete Bearbeiter finden lassen, wie der Verfasser der Untersuchungen über die. jüdischen Arbeiter in London. Kant über die Mbrl. Von Dr. B. Placzek-Brnnn. ie Hammurabies theologica ist als ein doktrinärer Ausläufer des vielgestaltigen Antisemitismus anzusehen, welcher gegenwärtig, wo nicht so sehr die Leidenschaften des Herzens als die Tollheiten des Kopfes wie ein Taifun alle Verhältnisse durcheinander wirbeln, den Sprung von der Kischinewer Bestialität zur sublimen Systemisierung, einen wahren sallo mortale versuchte. Er gehört zur Sorte von Neurosen oder Psychosen, welche ansteckend wirken. Und wenn die Erfinder der neuesten „Sensation" mißverstandene, um nicht zu sagen tendenziös mißdeutete Tonscherben gegen die steinernen Mofistafeln schleudern, nur dein von Abraham besiegten Amraphel (Hammurabi) die Priorität des Adonai- (Jhwh) Kultus zu vindizieren, fo vergesset: sie einfach an den Enkel Adams, an Enosch') „zu desset: Zeit man anfing, den Namen Adonai anzurufen" (1. Buch Moses 4, '26); sie denken a::ch nicht an den Etohisten Henoch II.; sie wissen nichts von den agadistischen Stellen, in welchen von den „Lehrhäusern des Sen: und Ebher",die Rede ist, in denen den Präamrapheliten der Name Adonai verkündet wurde — wer wird auch bei Delitzsch jun. und Konsorten die nähere Bekanntschaft mit der altrabbinischen Literatur voraussetzen! Die exakte Wissenschaft soll ja „voranssetznngslos" sein. Wenn aber unberufene und unfähige Dilettanten nach den: Satze nomina stultorum jacent ubique locorum sich bemüßigt halten, zu der Fabelei Bibel-Babel auch ihren Senf anszutischen und als Verteidiger des biblischen Adonaismus diesen noch in Mißkredit bringen, so helfen sie nur mit ihretn Steingerölle den ftnaientsprungenen Quell der Lehre verschütten. So soll denn ein Geistesheros zu Worte komn:en, dessen Namen zur Feier seines 100 jährigen Todestages am 12. Februar in allen Tages- und Fachblüttern ein langhintönendes, ruhm- 0 Wie verlockend auch die Gelegenheit ist, an „Envsch" — Mensch die eigentliche Mettschwerdung oder Entbrutalisieruttg der Adamiten als Beweis für die Evolutions- oder Transtnntationslehren ztt knüpfen, werde hier darattf doch nicht weiter eingegangen. Nicht versagen kann ich mir indes, einen Ausspruch anzuführen, der geradezu verblüffend die transfortnistische Entwicklungslehre und so Präzise wie kein Darwinist vor Darwin darlegt. Die Stelle findet sich int Szeder hadoroth von Jechiel Heilprin. Seite 9 a: „Int Midrasch Abchir (gegen Ende des 11. Jahrhunderts) heißt es: Alle vor Noah Geborenen hatten klumpig zusammen gewachsene Hände ohne Trennung und Teilung der Finger," denn sie hatten es noch nicht nötig, die Erde zu bearbeiten; Noah hingegen wurde geborett mit dem Einschnitt der Finger. Daraus erkannte dessen Vater Lemech, daß Noah dies zur Bearbeitung der Erde nötig haben tverde. Darüber schreibt P. N.: Es heißt 1. Buch Mos. 5, 29: Dieser (Noah) tvird uns trösten ob unserer Arbeit und ob der Mühsal unserer Hände von den: Bodett; dentt bis jetzt hatten tvir Mühseligkeiten der Hände wegen des Bodens .... da die Hände bisher ohne Teilung der Finger tvaren." volles Echo geweckt hat - Kant, der w:eder besonders von Zeller, dessen 90. Geburtstag man jüngst gefeiert, zum Leitstern der Geisteswissenschaften erkoren wurde. Kaut schrieb im Jahre 1796 an den Abbe Siehes in Paris: „Die Bibel ist das Buch, dessen Inhalt selbst von seinem göttlichen Ursprung zeugt. Es enthält die Geschichte der Welt, die Geschichte der göttlichen Vorsehung von Ansaug 'an durch alle Zeitfolgett bis an die große Abänderung aller erschaffenen Dinge, ja bis in die Ewigkeit hinein. Sie einzig enthält die Weltgeschichte in einem gewissen Zusammenhänge, ob sie sich gleich in gewissem Verstände nur mit einzelnen Personen, Familien utrd Völkerschaften abgibt. Die Bibel ist recht eigentlich ztt unserm Behufe eingerichtet . . ., sie zeigt uns, in welchem Verhältnis wir mit beut gerechten und gnädigen Gott stehen. Sie entdeckt uns die Größe unserer Verschuldung und die Tiefe ttttseres Falls in der Größe der Rettungsanstalt ttnd Ausführung derselben. Dabei wird Gott uns gezeigt, wie ihn sonst vielleicht die erhabensten Engel tue gekannt hätten. Die Bibel ist mein edelster Schatz, ohne welchen ich elend märe. Zuverlässige Regeln, inte Menschen ttnd ganze Staateit zu aller möglichen Glückseligkeit gelangen können, sind ttttr in der Bibel ztt findet:. Richtet euch nach der Anweisung der Bibel ein, so werdet ihr zu Bürgern eines euch treulich versorgenden Vaterlandes werden, ja nicht nur das Vaterland eurer Mitbürger, sondern atlch alle Erdenbewohner tverdet ihr brüderlich lieben und euch ihre Gegenliebe zu versprechet: haben. Ich setze den Fall, ein Land bestehe ans lauter solchen Bewohnern, die sich fest entschlossen und vor Gott verpflichtet habe»:, sich nach allen Anweisungen der Bibel zu richten. Jeder bewacht da seine Seele, seinen Verstand und seit: Herz beständig ttnd auf das gewissenhafteste . . . so sehr er. sich selbst liebt, liebt er auch alle Menschen; ertnnntert sie zu allem Gtlten auf ttttb nimmt mit Dank Vorstellungen tntd Ermahnungen an ... .; er hak ans Erfahrung gelernt, Fleiß und Arbeitsamkeit fei dem Menschen heilsam, nttd deswegett von Gott eingeschärft, vor: Gott, der auch schon tut Zeitlichen dem Menschen viel gutes zttfließet: läßt und an einen: fröhlichen ttnd dankbare» Genüsse seit: Wohlgefallen hat; er halt es für Pflicht, alle von Gott erhaltenen Leibes- und Geistesgaben getreulich anzutvendett, auch zum allgemeinen Besten; er sieht sich an als Nachahmer Gottes, wenn er den Bedürfuissett seiner Mittnenschett auf alle mögliche Weise abhilft." Einen merklichen Einfluß auf die obige Enunziation Kants dürfte dessen „Verantwortung", zu welcher er unter Androhung der höchsten Ungnade von Friedrich Wilhelm II. an: 1. Oktober 1794 aufgefordert wurde, geübt haben. „Ew. Königl. Maj. allerhöchster . . . mir gewordetter Befehl, legt es mir zu devotesten Pflicht ans: Erstlich „wegen-des Mißbrauchs meiner Philosophie, in Entstehung ttnd Herabwürdigung mancher Haupt- und Grundlehren der heiliget: Schrift und des Christenttttns, namentlich in meinem Buch: „Religion innerhalb den Grenzen der bloßen Vernunft"/) desgleichen in attderen kleineret: Abhandlungen und der hierdurch auf mich fallenden Schuld derllebertretnng meiner Pflicht, als Lehrer der Jugend, und gegett die höchste nur sehr wohlbekannte landesväterliche Absicht, eine gewissenhafte Verantwortung beizubringen. Was das Erste, nämlich die gegett tnich erhobene Anklage betrifft, so ist meine gewissenhafte Verantwortung folgende: Daß ich als Lehrer der Jugend, d. i., wie ich es verstehe, in akademischen Vorlesungen, niemals Beurteilung der heiliget: Schrift und des Christentums eingemischt habe .... Daß ich in detu genannten Buche, weil es gar keine Würdigung des Christenttttns enthält, mir auch keine Ab Würdigung desselben y „Diese Betitelung war absichtlich so gestellt, datttit timti jene Abhandlung nicht dahin deutete: als sollte sie die Religion aus bloßer Vernunft (ohne Offenbarung) bedeutet:. Denn das wäre zu viel Anmaßung gewesen; weil es doch sein konnte, daß die Lehren derselbett von übernatürlich inspirierten Männern herrührten; sondern, daß ich nur dasjenige, was im Text der für geoffenbart geglaubten Religion, der Bibel, auch durch bloße Vernunft erkannt tverden kann, hier in einem Zusammenhänge vorstellig machen wollte."

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