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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-02-19 · Heft 8 (19.2.1904) · p. Seite 89

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 8 (19.2.1904)
Date
1904-02-19
Page
Seite 89 (sequence 5)
Language
German
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89 1 Dir jüdilchkn Arbeiter in London. Von Theodor Vogelstein. as neunzehnte Jahrhundert hat einen großen Umschwung in dem Verhalten gegenüber den Unbemittelten hervorgebracht. Während früher fast nur die Standes- und Berufsorganisationen sowie eventuell religiöse Brüderschaften eine, nennen wir es sozialpolitische Hilsstätigkeit für ihre Mitglieder ausübten, die großen Organisationen der Kirche und des Staates, sowie die Privatleute sich jeder darauf beschränkten, Wohltätigkeit zn treiben, hat sich seit einigen Jahrzehnten die Ueberzeugung immer mehr Bahn gebrochen,, daß es das Ziel aller Hilsstätigkeit sein muß, sich möglichst schnell überflüssig zu machen, das heißt, den Unterstützten in die. Lage zu versetzen, für sich selbst zn sorgen. Mit diesen: veränderten Ziel mußte auch die Form der Hilsstätigkeit eine vollkommen andere werden. Wenn es sich früher darum handelte, den: Bedürftigen oder wenigstens bedürftig erscheinenden zu geben, möglichst viel und möglichst oft zu geben, ohne viel nach des Nebels Ursache zu fragen, wurde es jetzt nötig, die Gründe zu erforschen, die die Bedürftigkeit hervorgerufen, über die Mittel nachzudenken, die eine dauernde Hilfe bringen können. Die Untersuchung der Lebensverhältnifse der Bedrängten und weiterhin, um zu allgemeinen Schlüssen zu kommen, die wirtschaftliche Verarbeitung der gefundenen Tatsachen wurden als Vorbedingungen für ein zweckmäßiges Handeln erkannt. Leider hat die jüdische Wohltätigkeit aus Gründen, die heute nicht alle erörtert werden sollen, nur langsau: diese Ideen angenonnnen, und zwar vor allen: bei der Fürsorge für die nicht ortsansässige Bevölkerung. So hat inan die großen .Summer: für russische, galizische und rumänische Juden gegeben, ohne die Grundlage für eine systematische und zugleich individualisierende Hilsstätigkeit festzustellen. Man sah die Leiden und gab, gab mit vollen Händen, aber vielfach in sehr falscher Weise. Die große Schwierigkeit bestand aber eigentlich darin, Leute zu finden, die die Verhältnisse der östlichen Juden in Rußland, Galizien und Rumänien, sowie in den Ländern, in die sie auswanderten, zu untersuchen in: stände waren. Die einen, die die Sprache verstanden, mit den Gedanken und Empfindungen und dem Charakter der osteuropäischen Juden vertraut waren, ermangelten zu häufig der volkswirtschaftlichen Durchbildung; wer aber diese besaß, dem fehlten vielfach die speziellen Vorbedingungen für eine solche Untersuchung. Nur die Vereinigung dieser Kenntnisse befähigt aber zu einer solchen Arbeit. Sie bringt Georg Halpern mit, dessen Schrift über die jüdischen Arbeiter in Londons diese Anzeige allen denen empfehlen will, die sich irgendwie ernsthaft mit der Frage der osteuropäischen Juden beschäftigen. In den: ersten Kapital, welches die Ursachen der Auswanderung schildert, gibt der Verfasser eine ausgezeichnete kleine Skizze über die ökonomische Lage der Juden in Rußland, die uns zeigt, daß die Judenfrage in Rußland vor allen: andern eine Frage der Schaffung von Erwerbsmöglichkeiten ist. Wir sehen, wie die Juden, zusammengedrängt auf einen kleinen Teil des russischen Reiches, mit wenigen Ausnahmen auf Handel und Handwerk beschränkt, bei der heutigen Wirtschaftsstufe des Landes keine genügende Tätigkeit finden können, wie sie zn den wunderlichsten Berufen greisen, wie jener Mann, , dessen Hauptbeschäftigung darin bestand, daß er an Marktagen j h Georg Halpern: Die jüdischen Arbeiter in London. Münchener j volkswirtschaftliche Studien, herausgegeben von Lujo Brentano und j Walter Loh. 60. Stück. Stuttgart und Berlin 1903.! n:it einem Pfropfenzieher erschien und „den Bauern zu dem l seit Einführung des Branntweinmonopols nur noch in ver-! schloffeneu Gefäßen verkaufte:: Branntwein verhalf", und der! dabei, wenn es gut ging, 16 Kopeken verdiente. Wir bekommen vor allem einen Begriff von den: „Ltunäarä of life“, oder sagen | wir lieber, von dem Tiefstand der Lebenshaltung, gegen welche - die Lebensbedürfnisse der niedrigsten Arbeiterklassen Westeuropas! noch günstig erscheinen. ' Was Wunder, daß diese Leute in London zunächst unter : Bedingungen leben, die für den englischen Arbeiter undenkbar : sind, daß vor allem ihre Ansprüche an Wohnung und Arbeits-! stütte so gering sind, daß die unerhörteste Ausnutzung des j Raumes ihnen gestattet, höhere Preise zu zahlen als der eng- | lifche Arbeiter, und diesen aus den Bezirken, in welchen sie sich zusannuendrängen, mit der Zeit fast vollständig zu vertreiben. In dieser Wohnungsfrage sieht Halpern der: springende::! Punkt der jüdischen Einwanderungsfrage in London. Sie ist es zu einem großen Teil, die den englischen Arbeiter zum Gegner der neuen Ankömmlinge macht, die auch eine Besserung in: Interesse der jüdischen Einwanderer selbst aus das dringendste erheischt. Denn die Arbeitsbedingungen, unter denen sie, vor allen: : in der hausiudustrielten Konfektion, beschäftigt sind, schildert! Halpern, wenn auch keineswegs als gut, so doch als viel | günstiger, als man bisher angenouunen hatte. Der Verfasser! zerstört die herrschende Meinung von dem ausbeutenden - |' Zwischenmeister, der vielmehr unter kaum besseren Bedingungen j arbeitet und sozial auf derselben Stufe steht, wie der gewöhn-!• liehe Arbeiter. Er stellt aber weiterhin fest, daß der größte j Teil derjenigen, die sich als „Grüne", d. h. Neuangekommene, j zu Anfang mit dem kärglichsten Verdienst durchschlagen, das > Streben, wirtschaftlich und sozial aufzusteigen, von Erfolg bej gleitet findet, daß schon vielfach die Einwandernden selbst, zu-! mal aber die Kinder, die in guten Schulen unterrichtet - werden, zum großen Teil in andere und günstigere Berufe übergehen. Diese Auffassung des Lohnarbeiterberufes als eine Durchgangsstufe, ist, wie der Verfasser sehr hübsch entwickelt, einer der Gründe für den mangelnden Erfolg der Gewerkschaftsbewegung unter den jüdischen Arbeitern Londons. Doch diese::: steht, abgesehen davon, und abgesehen von den bekannten Schwierigkeiten aller Hausindustrie und aller Saisongewerbe, der mangelnde Korpsgeist entgegen, den diese Klasse vonProle-' tariern aus ihrer früheren, so hyperindividualistischen Beschäftigung als selbständige, wenn auch noch so elende Unternehmer, mit sich bringt. Der Verfasser hat hierbei, lvie in: allgemeinen, die Klippe glücklich vermieden, n:it unklaren und unbewiesenen Rassenmerkmaten zn operieren und hat die Gründe der psychologischen Eigentünüichkeiten der Londoner russischen Juden mit vielen: Verständnis aufzudecken geivußt. Gerade in dieser Beziehung wird der Leser des Halpernscheu Buches eine Menge interessanter Bemerkungen ..finden, die in diesen: Referat nicht erwähnt werden konnten. Sie erwecken in uns den lebhaften Wunsch, von den: Verfasser einmal eine ausführliche Schilderung der Juden in Rußland in ihrer ökonomischen Lage und ihren eigenartigen Geistes- und Charaktereigenschaften zu erhalten. Wie wichtig aber für eine zweckmäßige Organisation der Hilfstätigkeit für die osteuropäischen Juden derartige Monographien sind, wie sie allein uns die Möglichkeit geben, die! Gründe für das Gelingen oder Mißlingen von 'Hilfsaktionen für die Juden des Ostens zu erkennen, braucht wohl nicht weiter ausgesührt zu werden. Es wäre meines Erachtens äußerst angebracht, wenn die großen Wohltätigkeitsverbände,

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