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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-02-19 · Heft 8 (19.2.1904) · p. Seite 88

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 8 (19.2.1904)
Date
1904-02-19
Page
Seite 88 (sequence 4)
Language
German
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Mus dem Lltsh. Im Februar. eitbem die ziemlich stürmische Bewegung zu Gunsten einer Aenderung der Konsistorialverfassnng im Sande verlausen ist, itub die „Reformer" der Aufforderung einiger, ihre alten Rechte verteidigenden Israeliten, „in den Schoß der alten Kirche (sie!) znrückznkehren, Folge geleistet haben, ist alles hier sv still geworden, daß niemand, es Ihrem Berichterstatter verdenken darf, wenn er sich gleichfalls still verhielt. Der elsaß-lothringische Rabbinerverband hat entgegen seinem früheren Beschluß seine letzte Generalversannnlnng einfach totgeschwiegen. Sv hielt ich es denn meinerseits auch nicht für notwendig, Sie davon in Kenntnis zu setzen, daß unsere Metzger und Mazzosbäcker unter Aussicht gestellt wurden, obwohl es — horribile dictu — Ihren Lesern schwerlich gleichgültiger gewesen wäre, als der Mehrheit der von dieser Maßregel Betroffenein Höchstens wäre ein Rundschreiben unseres rastlosen Rabbiners Dr. Ginsburger-Sulz (Ober-Elsaß) hervorzttheben gewesen, in dem er zur Erhaltung jüdischer Urkunden und Denkmäler anffordert, ein Gebiet, auf dein sehr viel gesündigt worden ist, imb dem leider auch jetzt noch wenig Interesse entgegengebracht' wird. Sehr ruhig verliefen auch Ende des vorigen Jahres die Neuwahlen zum Konsistorium des Unter-Elsaß. Die drei ansscheidenden Mitglieder Dr. Levy-Straßburg, M. Bloch-Straßburg und Klein-Bischheim wurden wiedergewühlt. Nur Herr Bloch hatte einen Gegenkandidaten, Aron Durlach, den „Unfehlbaren." Dieses Epitheton ornans verdankt Herr Durlach nicht etwa dem Umstande, daß er zu den seltenen Gerechten gehört, die nur Gutes tun und niemals sündigen, obwohl die Wahlaufrufe niemand in Zweifel darüber lassen, daß es sich wirklich so verhält, sondern bedeutet nach hiesigem Sprachgebrauch nur, daß sein Name bei derartigen Gelegenheiten nicht mehr fehlen darf. Gewählt wurde er also nicht, imb es ist deshalb eigentlich fast überflüssig zu berichten, daß die Wähl angefochten wurde. So warten wir denn wieder einmal auf die Bestätigung der neuen Mitglieder, und wurden die Herren nicht einfach die Geschäfte Provisorisch weiterführen können, so wäre wieder wie vor zwei Jahren das unterelsüssische Israel gleich Schafen, die keinen Hirten haben. Was nun eigentlich gegen die Wähl ins Feld geführt wurde, ist mir unbekannt, aber Unregelmäßigkeiten sind hierzulande leicht zu entdecken. In einem Gemeindchen sandte der Vorstand, der gerade einen Konflikt mit dem Konsistorium hatte, sämtliche Wählzettel und Formulare zurück, in einem anderen wurden dafür zwei Wahl- Protokolle eingesandt. Und das ging folgendermaßen zu: Der Präsident der Verwaltungskommission der israelitischen Kultusgemeinde H>, der sich, stolz ans seinen langen, wunderschönen Titel, als absoluter Herrscher in seiner Kille fühlt, bestimmte die Wahl auf Stunden, in denen fast sämtliche Wähler auswärts ihren Geschäften nachzugehen pflegen, und als Ort die jüdische Schule, in der zu dieser Zeit unterrichtet wurde. Da von der Gegenpartei die Ortspolizei ausgeboten worden war, um den Tyrannen am Betreten der Schule zu hindern, so promenierte er vor derselben auf und ab und schickte schließlich sein Protokoll ein. Am Abend wählte sodann die Gegenpartei mtb meldete ihrerseits das Ergebnis nach Straßbnrg. — Braucht der Historiker des jüdischen Elsaß auch nicht viel Tinte für die hervorragenden Geister unserer Zeit, so kann er doch reichlich Stoff für die Charakteristik des inneren Lebens finden. Ein erwähnenswerter Ghettodichter ist uns hier noch nicht erstanden, er könnte noch manches nach dem Leben zeichnen. — Einen erfreulichen Fortschritt hat die segensreichste jüdische 'Anstalt unseres Landes, die israelitische Kunst- und Gewerbeschule in Straßburg, zu verzeichnen. Sie steht im Begriff, sich ein neues Heim in gesunder Lage zu erbauen, in dem gleichzeitig 30 Schüler mehr als bisher ausgenommen werden sollen. Der erste Grund zu dieser Anstalt wurde schon 1819 von der „Gesellschaft zur Aufmunterung zur Arbeit zu gunsten der bedürftigen Israeliten des Unter-Elsaß" gelegt; 1842 wurde sie durch königliche Ordonnanz autorisiert, und 1848 erhielt sie ein eigenes Heim in einem von dem Philanthropen Louis Ratisbonne gestifteten im Innern der Stadt (Halbmondgasfe) gelegenen Haus. Fast 1000 Knaben hat sie zu Handwerkern herangebildet; Inhaber bedeutender Firmen in Straßburg sind ans ihr hervorgegangen, viele ihrer ehemaligen Schüler haben sich im Ausland, namentlich in Frankreich und in Amerika niedergelassen und sind vielfach zu Wohlstand gelangt. Im vorigen Jahr haben diesbezügliche Erhebungen daselbst stattgefunden. Die unter einem tüchtigen und bewährten Direktor, Herrn Julius Picard, stehende Anstalt wird in der Weise geleitet, daß die Zöglinge im Hause Wohnung, Kost und Fortbildungsunterricht erhalten undzu Meistern in der Stadt in die Lehre gehen, bis sie nach drei- bis vierjähriger Lehrzeit als Gesellen entlassen werden, als welche sie doch noch drei Monate in der Anstalt beköstigt werden. Da finden Nur Schneider, Tapezierer, Maler, Tischler, Blechner, Gravierer, Lithographen, Schriftsetzer, Uhrmacher, Goldschmiede, Elektrotechniker, Zahntechniker u. a. 1902 fanden 60 Knaben eine zweite Heimstätte in der Anstatt, in Zukunft sollen also bis 90 Zöglinge in derselben untergebracht werden. Um dieses Ziel erreichen zu können, müssen noch. 70000 bis 74 000 Mark aufgebracht werden, und hat sich der Verwaltungsrat zu diesem Zwecke an die elsüssischen Gemeinden gewandt. Es gab eine Zeit, wo die Gewerbeschule von vielen nicht unterstützt wurde, weil die meisten Zöglinge nach ihrer Entlassung gezwungen waren, auch am Sonnabend zu arbeiten; jetzt begegnet man diesem Einwand nur noch selten, und es ist deshalb zu hoffen^daß bei der Freigebigkeit der elsüssischen Landbevölkerung für wohltätige Zwecke die Sammlung ein schönes Ergebnis aufweisen wird. Ich weiß nun nicht, ob die Anstatt ihren Aufruf auch an nichtelsässische deutsche Gemeinden gesandt hat, aber erfreulich wäre 'es, wenn auch von jenen das edle Werk gefördert würde. Wir erhalten aus allen Gegenden Deutschlands Zuschriften behufs Unterstützung der verschiedensten Institute, und die Spenden bleiben nicht aus. Sind es auch keine namhaften Summen, so ist zu bedenken, daß die wirtschaftliche Lage der elsüssischen Juden auf dem Lande und in den Kleinstädten nichts weniger als erfreulich ist, und daß man in Großgemeinden an. Personen, die in solchen Verhältnissen leben, wie die große Mehrheit unserer hiesigen Glaubensgenossen, überhaupt nicht mit derartigen Forderungen herantritt. Die Straßburger Gewerbeschule ist meines Wissens die einzige unserer Anstalten, die der Unterstützung in größerem Umfange bedarf (an Jahresbeiträgen gehen hauptsächlich aus Unter-Elsaß und Lothringen 7000 bis 8000 Mark ein); ihr Ziel, die Jugend von dem Hausierhandel weg- und dem Handwerk zuzusühren, entspricht den modernen Forderungen und Bestrebungen innerhalb des Judentums, zahlreiche Söhne unbemittelter Eltern werden zu tüchtigen, selbständigen Menschen herangebildet, — hier wäre so recht Gelegenheit, die Zusammengehörigkeit aller deutschen Juden durch die Tat zu beweisen.

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