Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1904)
- Date
- 1904-02-19
- Page
- Seite 87 (sequence 3)
- Language
- German
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87 den bestehenden kleinen Landgemeinden zu einem einzigen Ver-1 waltungsganzeu zu veremigen, um dadurch eine straffere und billigere Verwaltung und Kontrolle herbeizuführen. Diese „zentralistische" Tendenz stieß auf Widerstand bei der Parlamentsmehrheit, die fest entschlossen war, die Vorlage zu Falle zu bringen. Andererseits war Lascar geneigt, die Vertrauensfrage zu stellen und in dieser Weise eine Ministerkrisis herbeizuführen, die unfehsbar Zum Rücktritte des Kabinetts hätte führen müssen. Nach langen Unterhandlungen ist es schließlich gelungen, Herrn Lasear zuin Nachgeben zu bewegen, und um seine Empfindlichkeit nicht allzusehr zu verletzen, wird den: Parlament ein Gesetz vorgelegt werden, das sich auf einige formelle Aenderungen beschränkt, ohne indessen den heutigen Zustand der Dinge seinem Wesen nach zu ändern. Es ist das für die rumänischen Juden ein wahres Glück, da der ursprüngliche Gesetzentwurf Beschränkungen enthielt, die ihnen den Aufenthalt aus dem Lande fast unnröglich gemacht hätten. $ In R u ß land fängt mau jetzt, wo man das Geld und die Kraft der Juden für den Krieg in Ostasien braucht, an, Toleranz zu predigen. Schade nur, daß selbst ein liberales Blatt, wie die „Neue freie Presse", auf diesen Köder angebissen hat. Aus dem Gespräch mit einen: russischen Staatsmann teilt das Wiener Blatt folgendes mit: Die Grundlage für die innere Politik in Rußland bildet das Manifest des Kaisers Nikolaus H., welches — es wird dies ausdrücklich betont — die Toleranz proklamiert uud ferner die lokale Selbstverwaltung, sowie die Hebung des Bauernstandes als Hauptprogrammpunkte enthält. Rußland werde' und wolle alten Religionsbekenntnissen irr seirrenr weiter: Gebiete gegenüber gleich tolerant sein rrrrd verlange von den Bewohnern des Reichs nichts, als daß sie sich als Rrrssen fühlen, als Russen derrken, als Russen handeln. (!) Bon dieseur Gesichtsprrnkte aus sei arrch die Judenfrage anzusehen. Rußland zählt jetzt 6 Millionen Juden in seiner Mitte. Die Regelung ihrer Berhältnisse werde allmählich erfolgen. Jetzt tage im Ministerium des Innern eine Kommission, deren Aufgabe es ist, festzustellen, wie innerhalb des den Juderr angewiesenen Wohngebiets der Unterricht unter ihnen gefördert werden könne. Man lege auf dieses Mittel, die Judenfrage zu losen, ein großes Gewicht und sei überzeugt, das; dies der Weg fein werde, die Assimilation herbeizuführen, die darin bestehen soll, daß sie uubeschadet ihres religiösen Glaubens Russen werden, als solche ihre Denk- und Fuhlweise sich manifestieren. Mit nationalen Aspirationen wolle nian sich nicht befassen, umsomehr lege man Gewicht darauf, daß sie in sozialer Beziehung sich mehr der russischen Denk- und Anschauungsweise nähern. Weiter werde sich die Kommission damit befassen, die Bedingungen sestznstellen, unter denen den Inden der Aufenthalt auf do;u Lande gestattet werden könnte. Es sei allerdings noch nicht bekannt, zu welchem Resultat die Kommission gelangen werde, die Absicht sei jedoch vorhanden, die Frage, ob der Aufenthalt der Juden innerhalb des ihnen zugewiesenen Gebiets nicht bloß auf die Städte, wie bisher, zu beschränken sei, in ernste Erwägung zu ziehen. Die Hauptsache sei und bleibe die Unterrichtsfrage und die Assimilation in dem oben angedeuteten Sinne." Es ist nicht nötig, die Verlogenheit, die tu solchen Aeußerungen steckt, noch ausführlich darzulegen. Praktische Beispiele leisten diesen Dienst besser. Wir haben schon erwähnt, daß jüngst in Petersburg zwei Kongresse stattgefunden haben; ein rnedizinischer und ein technischer, die sich beide mit der Judenfrage beschäftigt haben. Der Aerztekongreß faßte einstinnnig folgende Resolution: 1. „Der Pirogow-Kongreß lenkt die Aufmerksamkeit auf den Schaden und auf die Gefahr, welche ans der künstlichen Konzentration der Juden in den Städten und Städtchen Westrußlands erwachsen und erachtet es für notwendig, den Juden das Recht der Freizügigkeit einzuräumen. 2. Der Pirogow-Kongreß erachtet es als schädlich und gefährlich, kranken Juden den Aufenthalt auf dem stachen Lande, in den Sommerfrischen, in den Sanatorien und in Kurorten zu verbieten." Zum Schluß erhob der Kongreß, den Ueberlieserungen seines Begründers, des großen Pirogow treu, welcher seinerzeit auf den: Gebiete der Verbesserung der Lage der Juden viel arbeitete, Protest gegen die Beschränkungen, welche bei der Aufnahme von jüdischen Aerzten in den Dienst der Gemeinde- Institutionen bestehen. Der Kongreß faßte in dieser Frage folgende Resolution: „Der Kongreß erachtet es als der Gemeindeinstitutioneu uud der angestellten Aerzte unwürdig, Beschränkungeu aufrecht zu erhalten, welche durch nationale und religiöse Borurteile hervorgerusen sind." Auf dem technischen Kongresse wurde die traurige Lage der russischen Juden ebenfalls eingehend besprochen. Die Ursachen bestehen, -wie der Kongreß konstatierte, hauptsächlich darin: 1. daß die in Rußland bestehenden Handwerkerschulen für Juden bei Absolvierung derselben keine wie immer gearteten Rechte oder Privilegien gewahren; 2. daß durch die Einengung des Zutrittes von Juden in die Mittel- und Hochschulen ein großer Mangel an fachmännisch gebildeten Leiter:: der professionellen Schulen eingetreten ist. Auch dieser Kongreß faßte die einstinnnige Resolution, die Regierung möge den Juden den Zutritt in alle Lehranstalten des Reiches ohne jed- :vede Beschränkung freigeben, und hierauf den Beschluß, für die Aufhebung der bestehenden Beschränkung der Zahl der Juden in den russischen Lehranstalten einzutreten. Was tat nun aber die tolerante Regierung? Sie verbot einfach die Publikation der Beschlüsse des medizinischen Kongresses, und den technischen ließ sie kurzweg polizeilich schließen. Und das nennt man in: Zarenreiche Toleranz! $ Auch das Parlament von Transvaal hatte kürzlich seine Judendebatte. Die Sinnlosigkeit des Rassenproblems, die wir kürzlich in den: Leitartikel über das Verhalten gegen Jude:: und Neger besprochen, wurde in dieser Debatte dadurch leider nur zu wirksau: illustriert, daß ein Jude gegen die Neger auftrat. Mr. Salomon, ein jüdischer Parlamentarier, hatte, allerdings auf Wunsch seiner Wähler, den Antrag eingebracht, wonach in Zukunft den „Farbigen" das Reisen mit „Weißen" in einem Eisenbahnwagen verboten werde. Hierauf ergriff ein andererund zwar christlicher Abgeordneter, Dr. Terner, nunmehr das Wort, um gegen den Antrag Stellung zu nehmen. Er führte unter anderem aus: „Der Rassenhaß ist bereits ein altes Nebel. So sehen wir z. B. in Rumänien und Galizien den Judenhaß in seiner stärksten Macht.! Dort geht der Judenhaß so iveit, daß er in Mord, Raub re. zum! Ausdruck kon.unt. In Frankreich trat der Judenhaß in Form des j Dreyfus-Prozesses zu tage. Bei uns besteht vorläufig nur der Haß! gegen die „Schtvarzen" und ich bin fest überzeugt, daß auch der Haß - gegen die Juden nicht lange wird auf sich warten lassen. Nm dies! zu verhüten, wäre es vernünftiger, den „Farbigen" schon heute die Gleichberechtigung mit den anderen Bürgern znzusichern." Herr Salomon blieb allerdings die Antwort nicht schuldig; ja, er betonte, daß er auf sein Judentum stolz sei; er konnte es jedoch nicht mehr verhindern, daß sich nunmehr eine regel-; rechte Judendebatte entspann, und daß die dortigen Blätter : sich nun auch der „Judenfrage" bemächtigen, wobei unter der j Maske der Freundschaft auch die verschiedensten Angriffe gegen das Judentum und die Juden laut wurden. Mr. Salomon hätte als guter Politiker, als welcher er in Transvaal gilt, j dies voraussehen müssen. i ■