Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1904)
- Date
- 1904-02-19
- Page
- Seite 86 (sequence 2)
- Language
- German
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- 86- ' nicht selbst bekämpfen, so doch bewachen müssen. Selbst mit Korea, das bisher den Japanern feindlich gesinnt war, Hab Rußland es im letzten Augenblick noch verdorben. Denn das erste, was die Russen bei einer Landung in Korea dieser Tage taten, war, daß man koreanische Frauen vergewaltigte. Sie dachten, was sie in Kischinew tun durften, ist in Korea sogar ein Verdienst, aber die Koreaner, die noch nicht bis zur Höhe der russischen Zivilisation einporgestiegen sind, haben das sehr übel genommen und wissen nun, nüt was für Helden sie zu tun haben. " Aber die vielleicht größte Gefahr droht Rußland in - Rußland. Es gibt zur Zeit kein Land, in welchem soviel Unzufriedenheit herrscht wie in Rußland. Ganze Völker, ganze Sekten, ganze Stände hat die russische Negierung durch ihre Behandlung auf das äußerste gereizt. Die Arbeiter, die saldierende Jugend, die gebildete Wett, die verarmten Bauern^ die Finnen, biej Polen, die Armenier, kurz alles ist reis zur Empörung. Es ist aber in hohem Grade charakteristisch, daß die erste Nachricht von Unruhen im Lande ans einer Stadt kommt, in der Inden gar nicht wohnen dürfen, nämlich aus Reval. Dagegen sind bereits viele Zeugnisse patriotischer Gesinnung seitens der Juden bekannt geworden, die jetzt plötzlich dort wieder „unsere jüdischen Mitbürger" heißen. In der ganzen Wett wird man den Verlauf des Krieges, der sich leicht zu einein Weltkrieg entwickeln kann, mit größter Spannung folgen. Der größte Teil der gebildeten und ein nicht geringer selbst der mit Rußland befreundeten offiziellen Welt werden wünschen, daß dein Koloß einige seiner tönernen Füße zertrünnnert werden, damit die Wett von dein tosakischerz Alpdruck bestell, wenigstens für längere Zeit erleichtert werden Wenn je, so wird diesmal nicht um ein Stück Land, sondern zrrgleich rmr hohe menschliche Güter gerungen. Ein Znsammenbrechen des russischen Feudalsystems würde nicht rrur für Rußland, sondern für ganz Europa die Morgenröte der Freiheit bedeuten. Dir Mochr. Verl irr, 17. Februar. 8 war zu erwarten, daß der Plan eines Verbandes der deutschen Juden der rein antisemitischen und konservativ-antisenntischen Presse willkommene Gelegenheit zu neuen Angriffen geben werde. Darm ff nmßte man gefaßt sein. Hatte diese Presse doch schon, als die Idee zum ersten Male mrftauchte, ihr Miß fa llen darüber ausgesprochen. Es ist nur schade, daß sie dabei nicht ehrlich zu Werke ging und daß sie damals wie heute nnt denselben fadenscheinigen Argumenten operiert. Das hiesige führende Antisemitenblatt bemerkt zu der Nachricht: „Dieser Zusammenschluß der Juden zeigt am bestell, wie wenig sie geneigt sind, in ihren Wirtsvölkern aufzugeheu. Sie fühlen sich als Staat iin Staate und denken nicht daran, sich den Gesamtinteressen nnterzuardnen. Sie wollen alle Rechte der Gleichberechtigung, aber nicht die Pflichten auf sich,nehmen lmd sie drängen damit die Deutschen in den Stand der Abwehr." Denselben Ton. schlägt auch die „Post" an. Wir Haben ihre Aeußerung schon in der vorigen Woche registriert. Wahrhaft charakteristisch aber für die ganze Auffassung dieser Kreise ist das Urteil des orthodoxeil „Reichsboten": „Wenn der Zusamnrenschlnß die Pflege der jüdischen Religion innerhalb des Judentums in: Auge hätte, so wäre das verständlich; aberdavon ist nicht die Rede, sondern er will die Interessen und Rechte der Inden vertreten; die religiösen Interessen tastet aber niemand all, also kann er nur die bürgerlichen Interessen im Auge haben. Hier aber kommt das Judentum nicht als Religion, sondern als Nation mit nationalen Eigentümlichkeiten in Betracht. Es ist zu fürchten, daß durch diesen Verband des Judentums der Gegensatzwes Deutschtums gegen das Judentum noch verschärft wird, so daß durch den Verband das Gegenteil von dem erreicht wird, was er will." Wir teilen diese fromme Befürchtung nicht und brauchen dabei nicht einmal auf das Beispiel des „Evangelischen Bundes" und ähnlicher katholischer Institutionen hinzuweisen. Wir meinen im Gegenteil, daß, wenn es noch eines Beweises für die Notwendigkeit, einen solchen Verband zu gründen, bedürfte, die Argumente der gegnerischen Presse diesen unzweifelhaft geliefert hätten. Denn auch der Naivste merkt, worauf diese heuchlerischen Bedenken Hinzielen. Es ist ja inuner dieselbe Logik. Wollen sich die Juden assimilieren, so stößt man sie zurück, wollen sie sich abschließen, so klagt man sie an, daß sie eine Solidergellleinschaft bilden. Zum Glück fällt auf diese Dinge kein vernünftiger Mensch mehr hinein, ebenso wie auf die abgedroschenen antisemitischen Phrasen lliemand mehr reagieren wird, mit denenanläßlich der großen agrarischen Heerschau im Zirkus Busch die deutschen Landwirte reguliert wurden, die aber, lvie es scheint, auch dort nicht mehr die gewohnte und gewünschte Wirkung übten. Wie wir bereits mitgeteilt, findet der zweite „Internationale Kongreß für allgemeine Religionsgeschichte" in Basel vom 30. August bis 2. September dieses Jahres statt. Derselbe soll, wie der „A. Z." berichtet wird, wie seine Vorgänger in Paris 1900 und Stockhotln 189.7 durchaus wissenschaftlichen Charakter tragen und der rein historischen Erforschung der Religion dienen; alle konfessionelle Polemik soll grundsätzlich unterlassen bleiben. Es sind vorläufig folgende Sektionen vorgeschlagen: 1. Religionen der sogen. „Naturvölker" nnt Einschluß der Peruaner llnd Mexikaner, 2. Religionen der Chinesen und Japaner, 3. Religion der Aegypter, 4. Religionen der Semiten, 5. Religionen Indiens und Irans, 6. Religionen der Griechen und Römer, 7. Religionen der Germanen, Kelten und Slaven, 8. Christliche Religion. Der Mitgliederbeitrag ist auf 20 Franks festgesetzt; Anmeldungen zur Teilnahme am Kongreß sowie zunr Hätten von Vorträgen nimmt schon jetzt Herr Pros. Alfred Bertholet in Basel entgegen. Das ist alles sehr schön und löblich, aber lieft man diese,: Prospekt aufmerksam durch, so merkt man alsbald, daß das Judentum darin nicht mit einer einzigen Silbe erwähnt ist; es figuriert :mter den orientalischen resp. semitischen Religionen. Man kennt es also entweder nur als Vorstufe des Christentums oder man reklamiert es einfach nach neuerer Methode, wie z. B. Harnack es in seiner Rektoratsrede getan hat, als christlich und vindiziert den: Christentum so ein Alter von 3000 Jahren. Wir glauben hierauf aufmerksam machen zu sollen; denn eine ruhige, objektive Erörterung der Sache ist eine Notwendigkeit, wenn anders nicht schon von vornherein durch j den Prospekt selbst jene „konfessionelle Polemik" grundsätzlich in die! Arena der Wissenschaft getragen werden soll, die man doch hier sicher zu vermeiden wünscht. * Wie aus Rumänien berichtet wird, hat sich der Minister 1 des Innern Bastle Lascar erfreulicher Weise genötigt gesehen, aus die von ihm geplante Reform der Organisation der Landgemeinden zu verzichten. Der leitende Grundsatz der von ihn:! eingebrachten Gesetzesvorlage war bekanntlich, je einige von