Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1904)
- Date
- 1904-02-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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68.-Jahrgang. No. 8. Berlin, 19. Febrnar 1904. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonneinents.preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter-Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 ITl. N edakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner D»- Ludwig Philixxson. VerlsN-krxMiM: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Akosse, Berlin. Der ruMlch-jspsnische Krieg. Berlin, 17. Februar, er Krieg zwischen Japan, und Rußland, der seit Wochen erwartet, worden ist und nach einigen Jahren doch unvermeidlich gewesen wäre, ist nun wirklich ausgebrochen. Rußland ist wieder einmal ganz unschuldig. Wie in Kischinew die Inden angefangen haben, so etwa hat jetzt Japan angefangen. Das Lamm greift ja immer den Wolf an. Rußland, das sich über so vieles hinwegsetzt, setzt sich auch über die einfachsten Erfahrungen hinweg. Tatsächlich ist der ganze Konflikt davon ausgegangen, daß Rußland seine mandschurischen Vertragsverpflichtungen nicht erfüllt hat; tatsächlich hat Rußland viele Wochen die Verhandlungen hingezogen, um seine Truppen und Kriegsschiffe nach dem fernen Ostasien werfen zu können. Da hatte denn Japan genug, es wollte sich nicht noch länger an der Nase herumführen und zum Gespött der Welt machen lassen. Und nun hat, wie die russische Regierung mit frommem Augenaufschlag feierlich versichert, Japan angefangen. Wir Nüssen ja: auch die Juden haben die Maffakres in Kischinew insccniert und sie verschwören sich gegen die russische Negierung, jedenfalls um einen Juden zum Zaren zu machen. - Wir haben uns indessen an dieser Stelle wenig um die diplomatische Situation und noch weniger um die strategischen Fragen, welche jetzt alle Welt beschäftigen, zu kümmern, sondern nur mit den eigenen Sorgen zu befassen. Man halte nur Umfrage bei den Völkern Europas. Wir glauben keinen Widerspruch befürchten zu müssen, wenn wir behaupten, daß alle, gleichviel wie korrekt und freundschaftlich die Beziehungen ihrer Regierungen zur russischen Regierung sein mögen, daß, behaupten wir, alle, soweit sie nicht der Reaktion ergeben, nicht mit dem europäischen Rußland, sondern mit dem asiatischen Japan sympathisieren. Die Christen Europas sympathisieren nicht mit dem christlichen Rußland, sondern mit dem heidnischen Japan! Daraus schon allein können wir weiter schließen. Unsere Glaübensbrüder und Stammesgenossen werden zu Millionen in Rußland unterdrückt, systematisch ausgehungert und verelendet, der Möglichkeit, sich geistige wie körperliche Nahrung zu verschaffen, ja selbst überall auch nur die Luft zu atmen, das Wasser zu trinken, ihre Krankheiten zu hüten, beraubt. Und nun' behauptet der Vertreter dieser Politik einem englischen Interviewer gegenüber, er sei kein Judenfeind, nachdem dort die allgemeine Empörung durch die Beraubung, Verstümmelung, Niedermetzelung und Schändung unserer Brüder und Schwestern herausgefordert und durch die schlimmste aller Prozeßkomödien die auf den Straßen und in den Häusern von Kischinew verübten Schandtaten übertrumpft .und zu dem Schaden noch den richterlichen Spott hinzugefügt hat. Natürlich uürd Rußland Geld brauchen. Es hätte ohnedies Geld gebraucht, es wird es jetzt erst recht brauchen; denn immer noch gehört zum Kriege Geld, Geld und wieder Geld. Rußland hat sich bereits lange vor dem Kriege, allerdings vergeblich, an den Geldmarkt gewandt. Es wird sich jetzt erst recht wieder an den Geldmarkt wenden und, da es jetzt unbedingt Geld haben muß, höhere Zinsen bieten. Es werden sich Geldleute finden, die dem bedürftigen Rußland Geld zu hohem Zins geben, wie sich immer Wucherer finden, die sich durch hohe Zinsversprechungen verleiten lassen, ihr Geld zu riskieren. Wir hoffen, daß jüdische Kapitalisten nicht so töricht sein werden, ihr Geld herzugeben. Es ist ja wohl nicht anständig, hohen Zins zu nehmen, die Notlage anszmmtzen. Andererseits kann klugen Geschäftsleuten doch niemand billigerweise zumuten, ihr Geld zu einem dem Risiko nicht entsprechenden Zinsfuß herzugeben. In Rußland aber ist das Risiko selbst zu Friedenszeiten sehr groß. Welche Gerechtigkeit kann man von einem Lande mit solchem Rechtsschutz erwarten, besonders wenn es seine ohnehin schlechte Finanzlage noch durch einen selbstverschuldeten Krieg verschlimmert und gar durch Niederlagen zu einer verzweifelten macht? Nur zu Wucherzinsen dürfte Rußland Geld erhalten, aber jüdische Kapitalisten werden hoffentlich keine Wucherzinsen nehmen, noch dazu von einem Lande, in welchem man aus dem'Umstande/ daß vielleicht etliche Juden etliche Bauern bewuchern, die Berechtigung herleitet, fünf Millionen Juden als Parias, als Verbrecher zu behandeln. Schon aus klugen Geschäftsgründen werden die europäischen Kapitalisten vorsichtig sein müssen. Denn trotz seiner Macht läuft Rußland in diesem Kriege keine geringen Gefahren. Die russische Politik hat nach dem Grundsätze gehandelt: Oderint dum metuunt. Alexander III. hat die Situation richtig beurteilt, als er sagte, der Fürst von — Montenegro sei der einzige Freund Rußlands. Die Zahl der Freunde Rußlands hat sich seitdem nicht vermehrt. Wenn verschiedene Regierungen sich gern auf guten Fuß mit Rußland stellten, so taten sie das aus allen anderen Gründen eher als aus Liebe zu Rußland. Kluge Leute reizen nicht gern eine große Macht. Dagegen ist die Zahl der erbitterten Gegner Rußlands ganz entschieden 'gewachsen. Seine Freunde hat es nur bei der Reaktion und den Antisemiten. Als Rußland sich der Mandschurei beunüchtigte, wurden die Juden von dort vertrieben. Aus Port ^Arthur sind erst jüngst 80 jüdische Familien ausgewiesen .'worden. Das ist Rußlands Kulturmission in Asien! ... China ist klug genug, sich zu sagen: Tun res agitur, und Mußland wird damit rechnen und das Reich der Mitte, wenn