Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1904)
- Date
- 1904-02-12
- Page
- Seite 80 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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•80 mv mir MN §&i M Mir UN?' jfe:;' it Mit der Aufstellung Spencers, daß im kriegerischen Zustande die Stellung der Frau eine niedere ist und sich in dem Maße bessert, je mehr dieser Zustand in einen industriellen übergeht, daß ferner die Lage der Frau sich itm fo freundlicher gestaltet, je mehr ihre Tätigkeit mit der des Mannes übereinstimmt, hängt auch die Sitte der Polygamie einer- und der Monogamie andererseits zusammen, d. h. die Sitte, eine Frau oder mehrere Frauen zu heiraten. Spencer weist (Soziologie S. 338) auf Grund von Tatsachen nach, daß selbst bei sehr primitiven Völkern die Frauen sich fast einer zärtlichen Rücksicht erfreuen, wo fextö kriegerische Wesen niemals besonders hervorgetreten oder von einer, wenn auch primitiven Industrie verdrängt worden ist. Bei diesen, wie er sie nennt, friedlichen Völkern, hat sich frühzeitig die Monogamie nusgebildet. So berichtet er von den. Pueblos, die arbeitsam, friedliebend und ehrsanr sind, daß sie in Monogamie leben, die Frauen eine verhältnismäßig hohe Stellung DKb einnehmen. .Kein Mädchen wird gezwungen, gegen seinen Willen . zu heiraten, es erwählt nach Gutdünken einen Mann und schickt den Vater als Werber zu den Eltern d'cs Jünglings. A?ZAus Borneo verschließen die -Frauen'die Türen und lassen die E/''Männer nicht hinein, wenn sie nicht gute Fische bringen. Alle bicfe Tatsachen, deren Spencer noch viele vorführt, lassen sich MMnn dem Gedanken zusammenfassen: Kriegerisches Wesen ist mit M'E-.Bielweiberei verbunden, industrielles mit Monogamie, obgleich E"'^slch auch Ausnahmen feslstellen lassen. E'N ■ Der Krieger erbeutet soviel Frauen als er kann, nur ihre ^MHDersorgnNg, ihren Unterhalt kümmert er sich nicht; sie ist seine DUsiZSklavin und hat eher sür ihn, als er für sie zu sorgen. Je MchNmehr Frauen er hat, desto besser ist sür ihn gesorgt. Im infe' dustriellen Zustande, wo die Sitte an sich schon höher steht, Frau ungefähr den gleichen Berus des Mannes hat und ^M^dadnrch eine gewisse Achtung erringt, erachtet es der Mann ^Hlss^eine Pflicht, für die Erhaltung der Frau zu sorgen, die E^Dtrtschastlichen Verhältüisse zwingen ihn, sich mit einer' zu be- Miz) So - hat fich als Resultat ergeben: das kriegerische Wesen ^DmstHolhgamie verbunden, die Stellung der Frau ist eine UMeMgez - das industrielle Wesen ist mit Monogamie verbunden, fev.fiV.. _ "" ' (Schluß folgt.) M..'chre Fran ist ungleich höher gestellt: m, * p ife W: pH; MVeip yeutschkr Dichter vor 8ll Jahren von den Juden lchrieb. M Ein vergleichender Rückblick von Dr. Leopold H irschberg-Berlin. ^eim Durchstöbern meiner Bibliothek fiel mir vor wenigen r- Tagen ein Büchlein in die Hände, das bisher ziemlich abseits und vergessen gestanden hatte. Den; Dichter desselben, Ernst Ortlepp, ist im vorigen Sommer, bei der Wiederkehr seines 100. Geburtstages (1. August 1800), eine erhöhte Teilnahme zugewendet worden. Er hatte sich bereits in ziemlich früher Zeit einem bis dahin fast noch gar nicht bebauten Felde, der politischen Lyrik, zugewendet und ließ vom Jahre 1800 ab keinen irgendwie bedeutenden Jahres- oder Gedenktag historischpolitischer Natur vorübergehen, ohne ihn durch irgend ein größeres Gedicht'in epischer Form zu verherrlichen. Alle diese Dichtungen bekunden ein reiches poetisches Talent, und die Verse entbehren vielfach nicht eines gewissen, von echtem Gefühl eingegebenen Schwunges. Mit dem Jahre 1836, wo er wegen mißfälliger politischer Gesinnungen aus Leipzig verwiesen wurde, beginnt sein Leidensweg, der ihn, da er nicht genug Energie und Charakterfestigkeit besaß, schließlich ins namenloseste Elend führte. Dieses ganze jammervolle Leben, welches ihn zunächst zur Befriedigung der notwendigen Lebensbedürfnisse, später zur Beschasfnng von Branntwein, bis zniu Gelegeuheitsdichter sür Dorfgastwirte heruntersinken ließ, endete 1864. Er ertrank, wahrscheinlich im Branntwein rausch, auf dem Wege-vonMamnburg nach Schulpforta in einem Graben. Eine gewisse Aehnlichkeit Ortlepps mit Christian Dietrich Grabbe ist unverkennbar. Bei beiden zweifellos bedeutende dichterische Gaben, bei beiden eine große Kraft realistischer Darstellung, aber auch bei beiden derselbe Mangel an Energie, dieselbe Zerrissenheit des Innern, dasselbe Nnbesriedigtsein über ein verfehltes Leben, das durch den Alkohol betäubt werden sollte. Das in Rede stehende Werk Ortlepps trügt den Titel: „Israels Erhebung und der . ewige Jude. Zeitgedichte" und ist, wie sehr viele der revolutionären Gedichtssamrnlungen aus den vierziger Jahren (vornehmlich die Freiligraths und Herweghs), in der Verlags-;utld Sortimentsbuchhandlung zu Bellevue bei Konstanz 1845 gedruckt. Den sechzehn, teilweise recht umfangreichen Gedichten, setzt der Ber- - fasser eine Widmung an Israel voraus, die ich in ihrem vollständigen Wortlaute hierher setzen möchte, weil' sie gewissermaßen das Programm der ganzen Sammlung bedeutet: „Volk Gottes, ohne König, ohne Land, An Menge zahllos wie des Meeres Saud, Volk ohne Land, itt allen Landen wohnend, Volk ohne König, über Kön'geu thronend, Die du beherrschest durch den Gott der Welt, Dem Völker, Fürsten huldigen, das.— Geld, Volk, das du,. Sklave scheinend, Herr doch bist, Ans'feind, obgleich ein Stannn, Jude und Christ, Volk, Herr auch durch dein geistiges'Talent, Das christliche Beschämung, anerkennt,. Du - seltnes Volk, das glaubt an einen Gott, Volk, aller Nationen Hohn und Spott, .Das du, von 'Land. zu.Land umhergetrieben, -1 Doch immer Volk, Volk Gottes bist geblieben, Volk, das noch heute hofft ans den Messias, Darob verhöhnt, obgleich uns ein Elias, EinZeiteNchristusselhertäterwt — Volk, tot zugleich und doch voll Lebensrot, Volk, das in deiner Glorie und Not Du einzig dastehst — Volk, aus dessen Blute Der ew'ge Iüd' — Volk, selbst ein ew'ger Jude, Nicht sterbend. — fruchtbarer, als die andern, Volk, wunderbar und wunderbar stets wieder, Volk Israel, dir weih' ich djese Lieder." Es sei hier gleich bemerkt, daß die „gesperrt" gedruckten Worte genau dem vorliegenden Original entsprechen. Nun denke man nicht, daß es Ortlepp in diesen Gedichten ans eine Verherrlichung des Volkes Israel abgesehen habe. -Keineswegs. Wenn sich auch durch das Ganze ein warmes, inniges Mitgefühl für die Leiben und den Jammer der modernen Parias hindurchzieht, so ist der Dichter doch auch nicht blind für die Schwächen des Volkes. Er bezweckt — mld das scheint mir in Anbetracht der damaligen Zeit recht bemerkenswert zu fein — eine Reform des Judentums, ein Gedanke, der in dein besten der Gedichte: „Ich will Erhebung" besonders schön zum Ausdruck kommt. Er geißelt zunächst .die Schwächen der Zeit überhaupt; er will, das; Staat und Kirche das Lebendig-Tote auserstehen lassen von seinen; schmählichen Falle: „Das Halbe, das Bedingte, das Verlebte, Das Mumiengleiche, künstlich Balsamierte, Gemachte, nicht vom Lebenshauch durchbebte, War nie »roch das, was bleibend triumphierte.