Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1904)
- Date
- 1904-02-12
- Page
- Seite 4 (sequence 14)
- Language
- German
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gnugonci: und Mißvergnügten bilbct. Dort hat der bekannte Gregorig jüngst gegen die. antisemitische Majorität sich energisch ausgelehnt. Infolge dessen hat der christlichsoziale Bürgerklub des Gemeiuderates sein treues Mitglied Joses Gregorig ausgeschlossen. Die an sich bedeutungslose Tatsache ist sür die politische Wandlung in der Wiener Rathauspartei bezeichnend. Gregvrig zählte 31t den Wenigen, die den immer mehr um sich greifenden Geschäfts-Antisemitismus irr der Partei bekämpften und sich dagegen verwahrten, das; die Bezeichnung „christlichsozial" als Deckmantel sür Projektionswirtschast, Strebertum und selbstsüchtige Zweckebenutzt werde.— lieber die Zahl der Tausen in unserer Stadt seit dem Jahre 1897 gibt die folgende statistische Tabelle endlich genaue und traurige Auskunft. Es betrugen die Taufen: in: Jahre 1897 Gesamtzahl 453, männlich 265, weiblich 188 1898 „ 434, 252, „ 182 1899 „ 482, 280, „ 202 1900 „ , 559, 315, „ 244 1901 ' „ 551, 313, „ 238 dabei nicfjt eingerechnet sind die Taufen von Kindern bis zu sieben Jahren, da derartige Uebertritte von der Statistik nicht registriert werden. — Solchem Treiben gegenüber ist es wahrhast herzerfrischend, die Bekenntnisfrendigkeit rühmen zn können, die jüngst Ihr Professor Max Lieberur nun einem hiesigen Interviewer gegenüber ausgesprochen hat, indem er sagte: „Ich halte die Vermengung anderer Nasserr mit der jüdischeir sür nachteilig. Notabene: ich nreine für die Juden. Ich bin Jude, und ich bin stolz darauf, rassenreiner Jude zu sein. Ich glaube, die jüdische Rasse verliert ihre guten.; Eigenschaften, wenn sie sich mit anderen vermischt. Die beider: verschiedenen Hälfterr ergeben eberr nie ein harmonisches Ganze. In der Kunst wenigstens waren nur rassenreine Juden schöpferisch wahrhaft bedeutend. Denken Sie an Israels beispielsweise." — Irr Klattau wurde Rabbiner Dr. Siegfried Bret, derzeit Rabbiner irr Patzan irr Böhrnerr, zum Rabbiner gewühlt. Amerika. n. Philadelphia, im Januar. Für Ihre Leser wird es ohne Zweifel von Interesse sein, etwas Näheres über einer: jüdischen ' Oberst zn erfahren, der zugleich deutscher Abstammung ist. Sein" Name ist Max Einstein, der vor kurzem in Philadelphia seinem sünfundfünfzigsteir Hochzeitstag feierte und jetzt 81 Jahre alt ist. Er wurde in Buchau, Württemberg, im Jahre 1822 geboren und wunderte im Alker von 22 Jahren nach den Vereinigten Staaten aus. Hier scheint der militärische Geist, für den er irr Deutschland unnahbar war, über ihr: gekommen zu sein, mrd Nur finden ihn 1852 als Gardeleutnant in Washington. 1853 trat er ans und organisierte hier die fliegende Artillerietrnppe, die er befehligte, bis er zun: Adjutanten des Gonverireurs Pollack ernannt wurde. Als der Sezessionskrieg ausbrach, wurde er zun: Obersten der Penusylvanischen Freiwilligen ernarrnt und deckte als solcher in der erster: Schlacht bei Bull Run den Rückzug der Unionsarmee, wofür er wegerr persönlicher Tapferkeit eine Belobigung erhielt. Im Dezember 1861 erhielt er seine ehrenvolle Entlassung, und Präsident Lincoln ernannte ihn zum Konsul der Vereinigter: Staaten in Nürnberg. In dieser Eigenschaft diente er dem neuen Baterlande in. seinen: Geburtslaude viele Jahre hindurch. Als er nach den Vereinigter: Staaten zurückkehrte, erhielt er 1888 in Philadelphia einen Posten im Steueramte. In: Jahre 1856 überreichte ihm Gouverneur Pollack einen prachtvollen silberner: Ehrendegen im Narner: der Artillerietruppe vor: Philadelplia. Auf der Klinge war folgende Inschrift eingraviert: „Gewidmet als ein Zeicherr der Hochachtung von der Phitadelphia-Artillerietruppe ihren: kornrnarrdierenderr Offizier, General Max Eirrstein." Von MH und Fern. ----- Der Regierungs- und Baurat Eg er ist zum Geheimen Baurat ernannt worden.— Frau Geheimrat Simon, die Witwe des kürzlich verstorbenen Geheimen Kommerzienrats Louis Simor:, hat der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums zur Kreierung eines neuen Lehrstuhls aus dem Nachlasse ihres Gatten 100 000 Mk. gespendet. — Regierungs bäum ei fter Ben dix, der in Deutsch-Südwestafrika mit den: Bau einer Eisenbahn beschäftigt ist, wurde zur Truppe in: Kampf gegen die Hereros einberufen. Derselbe ist bayrischer Reserveoffizier. — Eine der markantesten Persönlichkeiten aus der Zeit der Stöckerschen „Berliner Bewegung" ist in diesen Tagen in Berlin gestorben, der Schneider Emil Grüneberg. Zum erstenmal trat derselbe als Zeuge im Juni 1885 in dem vielbesprochenen Prozeß Stöcker-Bäcker ans. Noch in: Jahre 1897 hat Zeuge Grüneberg, wie in fast allen politischen Prozessen Stöckers, in einen: Prozeß Witte- Stöcker eine Rolle gespielt, in welchen: Stöcker wegen Beleidigung zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. Seitdem ist von dem Zeugen Grüneberg öffentlich kaum noch die Rede gewesen. — In Breslau ist an: 29. d. M. Herr Max Pringshein: im 45. Lebensjahregestorben. Er gehörte als kilnstverständiger Sanunler der Deputation für das dortige Kunstgewerbemuseum au und war außerdem Vorsteher der „Gesellschaft der Brüder". — Ein hervorragendes Entgegenkonnnen zeigte bei der Katastrophe von Aalesuud das jüdische Auswanderer-Hilfskomitee zu Bremen, das nicht weniger als 40 Kisten mit Kleidungsstücken zur Verfügung stellte. — In Nürnberg starb im 75. Lebensjahre der emeritierte Lehrer Selig mann Heinemann, welcher 48 Jahre in: Schuldienste gestanden und bei seinem Austritt aus demselben von allen Seiten, auch von der bayrischen Negierung, verdieicke Anerkennung gesunden. Ehre seinen: Andenken! — In Straß bürg wurde zum Universitütsrektor für das kommende Amtsjahr der Historiker Professor Dr. Harry Breslau gewühlt. — Dr. Karl Dan neu berg aus Köln ist unter 37 andersgläubigen Bewerbern einstimnüg zum Stadtchemiker der Stadt Mühlhausen i. E. gewählt worden. — Ans Paris wird gemeldet,dieDenkschriftBaudvuins über das Dreyfus-Verfahren verzeichne über sechzig Fälschungen, welche die Unterdrückung der Wahrheit bezweckten. Diese Fälschungen seien eben so viele Verbrechen, und die Kriminalkannner werde festznstelleu haben, wer ein persönliches Interesse an der Unterdrückung der Wahrheit besaß, wer die Fälschungen veranlaßte und bezahlte. So sei beispielsweise die berühmte Fälschung Henrys als authentisches Schriftstück in: Eingangsbuch des Auskunstsbureans angeführt und bezahlt worden. — Dr. Theodor Herzl ist kürzlich vom Papst empfangen worden. Der vatikanische Korrespondent des „Gorriere delln. Sera“ erfährt, daß Herzl an den Papst die Frage richtete, ob der Vatikan gegen die Besiedlung Palästinas mit Juden Einwendungen zu erheben hätte; der Papst konnte aber nur in sehr, allgemeinen Ausdrücken antworten. Der genannte Korrespondent fügt noch hinzu, daß Leo XUI. sicher nienials einen Zionisten zur Audienz zugelassen hätte, wie er überhaupt Inden nur ungern empfangen habe. — In der irländischen Stadt Limerick fanden wiederholt antisemitische Unruhen statt, Auf den Straßen wurden Juden beschimpft und tätlich angegriffen, sämtliche jüdischen Geschäfte boykottiert und unter der jüdischen Bevölkerung herrschte große Panik. Seit etwa 25 Jahren besteht in dieser Stadt eine kleine jüdische Gemeinde. Zwischen Juden und Christen herrschten die besten und freundschaftlichsten Beziehungen, bis ein Redemptoristen-Pater Creagh austrat, der in einer fanatischen Hetzrede die irische Bevölkerung gegen die Juden anfstachelte. Sofort nach der hetzerischen Rede brach der Sturm los. Inzwischen ist es wieder ruhig geworden. — In Petersburg leben 19 229 Juden. Von diesen beschäftigen sich, wie die „Pet. Z." mitteilt, 4748 mit dem Schneiderhandwerk oder den Verkauf fertiger Kleidungsstücke, 11125 arbeiten in Lithographien und Typographien und 1655 bearbeiten. Steine und Metalle, 380 sind Aerzte, 190 Dentisten, 258 Apotheker, 208 Advokaten, 423 haben sich der Wissenschaft, Kunst oder Literatur gewidmet, 268 Juden dienen ir: der Armee und in der Flotte und 3 stehen im Polizeidienst. — Bezüglich der getauften Juden hat der russische Senat bestimmt, daß in ihren Pässen iuuner der Vermerk „übergetreten aus dem Judentum" gemacht werde. Einzelne ersuchten den Senat, die Behörden anzuweisen, künftighin in den Pässen getaufter Juden derartige Vermerke nicht zu machen. Der Senat wies diese Bitte zurück und erklärte außerde:::, daß die Behörden verpflichtet sind, in den Pässen getaufter Inden nicht nur den Vermerk „Vom Judentum zur Orthodoxie übergetreten" zn machen, sondern sogar den Namen zn bezeichnen, welchen der Getaufte früher trug. --- Die Alliance israelite universelle hat außer 20 000 Franks sür die Speisung israelitischer Schulkinder in Rumänien eine Summe von 4000 Franks zur Lieferung von Brennmaterialien an diejenigen Familien ausgesetzt, welche von den Ereignissen der letzten Jahre besonders mitgenommen sind.