Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1904)
- Date
- 1904-02-12
- Page
- Seite 84 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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84 Kupferstechers des achtzehnten Jahrhunderts, Georg Friedrich Schmidts,! in einzelnen KatalogerOals „Hirsch Michel 1762", bei I. E. Wessely! als „der Jude von Potsdam" bezeichnet, das Bildnis des ersten! Potsdamer Rabbiuers, des eben genannten Iechiel Michel, nach- -! zuweisen. Ueberaus interessant ist ein nach dem Schmidtsffchen Stiche gefertigter Lichtdruck, mit dem Kaelter sein Buch zwischen Seite 58 und 59, geschmückt hat. . Wir sehen den alten Rabbi in der i bekannten^ Tracht der polnischen Inden, der langen, pelzverbrämten, vermutlich seidenen oder atlassenen Schaube (Schubitze), den seidenen Gurt, allerdings statt stilgerecht um die Lenden gewunden, etwas ■ toddrig'lnach der Brust hinaus verschoben, ans dem Kopf das Stramel, die zottige" Pelzmütze mit, spitzem Sammetdeckel, das ausdrucksvolle Gesicht mit klugen,'Tiber kaltem Augen, von granein, krausem, nicht besonders langen Bart umrahmt, von dem sich die bestimmt bor-; handene Stirnlocke (Peah) nicht deutlich genug abhebt. Reb Iechiel; Ntichel mag, nach dem Bildnis zu urteilen, auch in seiner Jugend; kein Adonis'gewesen fein; was aber der Verfasser voll feinen Tateil I zn berichten weiß, zeigt, daß die Potsdanier jüdische Gemeinde in! ihm eillen tüchtigerl und rührigen Führer in religiösen und Gemeinde-! augelegenheiten gehabt hat. Auch die Errichtung der ersten Pots- > danier Synagoge betrachtet Kaelter als das Verdienst dieses Mannes, ' Die Sage, laut welcher Friedrich der Große die alte Potsdamer! Synagoge auf eigene Kosten habe ballen lassen, hat durch die Unter-! snchungen Kaelters ihre Widerteglmg gesunden. Ihre Elltstehung hat! sie dem Umstande zu verdanken, daß die königliche Kasse den Inden! zn den Baukostenleine Sumrue vorgestreckt hat. Die Entstehung der; jüdischeiG Gemeinde in den dreißiger Jahren des achtzehnten Jahr-; hunderts' bringPK aelter mitldenlBeinühungen der preußischen-Könige, die'.Seidenindustrie Brandenburgs zu heben.'nnd der damit zusamrnenhängenden Privilegiertuig einzelner Inden in Zusammenhang, auch weist er ben eingewanderten Potsdalirer Jndeil große Verdienste um den Aufschwung dieses Industriezweigs zn. Weniger günstig, ja fast verhängnisvollJvar für die Juden Potsdams der Wunsch Friedrichs; des^ Großen, die von ihmTbegründete Pvrzellanindustrie durch das; den Inden zugeschriebeue kansmäilnische Talent zu heben und die! Zwangsmaßregeln/.durch welche, dieiInden veranlaßt werden sollten, der königlichen Manufaktur einen möglichst großen Absatz zn veri schaffen. Das 19. Jahrhundert brachte der Potsdamer jüdischen Gemeinde, wie den Juden überhaupt, (.bessere Zeiten. Von den bedeutenden Söhnen der Potsdanier Eenwinde gibt Kaelter kurze Lebensskizzen von Abraham Abrahamsohn igeb. 1754), dem großen Medailleur, der unter anderen die Medaillen Wielands, Lessings uild die Medaille zn Mendelssohns) Phädon geliefert hat, von Moses Jacobi, denr späteren Moritz Hermann von Jaeobi, der 1874 als russischer (Wirklicher Geheimer Staatsrat gestorben ist, von dessen Bruder, dein berühmten Mathematiker Jacques Simon Jacobi,; später Carlch Gustav Jacob Jacobi genannt rc. An wissenswerten I Ei nzelheitelch bietet^ das Buch eilte ganze Menge. Kurzum, die Arbeit ist nichtJnur miPFleiß und Liebe, sondern'mit viel Geschick zusammen-! gestellt, und es ist zu lvünschen, daß die anderen Gemeinden bald mit i ühnlicheM^CHrvniken folgen. Als ^Anhang bringt das Buch zwei! lateinische^ Gedichte, welche Bernhard'Zielenzigerlzur Einweihung der i neuen^Shnagoge'gedichtet, und die Predigt,'welche der Verfasser zur Ein- > weihung der Synagoge am 17. Juni 1908 gehalten hat. . E. Zivi er. ■ HNrechsssl. Sehr geehrter Herr Redakteur! u der Erwiderung des deutschen Oberlehrers , jübifcfjeit Glaubens bemerke ich folgendes: Wenn der genannte Herr bei seinen „tatsächlichen Feststellungen" weiter nichts erfahren hat, als daß Dr. Bielschowsky ans der jüdischen Gemeinde zu Berlin ausgeschieden ist, so verlohnte-das kaum der Mühe. Nicht darauf kommt es an, daß Bielschowsky ans unserer Korporation ansgetreten ist, sondern daß! er zunrChristentum ü bergetreten ist. An dieser Tatsache können alle j „Feststellungen" nichts ändern. Wern: der Herr Oberlehrer noch! zweifelte, (so verweise ich ihn all die Küsterei der Kaiser Wilhelm- : Gedächtniskirche, wo er alles nähere Horen kann, auch-erfahren kann,; welcher evangelische Geistliche den allzu früh Verblichenen 311 Grabe i geleitet hat. Nun sage ich: Wenn ein Manü von der geistigen Bedeutung Vielschowskys, auf der Hohe seines Schaffens, an der Schwelle des Alters sich hat entschließen können, zum Christentmn überzugehen, so hat er einen Strich durch seine jüdische Vergangenheit gezogen; er hat nicht gewollt, daß wir Juden ihn in irgend einer Beziehung, sei es in seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, sei es in seiner amtlichen Wirksamkeit, als den Unseren ansprechen. Ich bin überzeugt, daß der deutsche Oberlehrer jüdischen Glaubens seinen Artikel nicht geschrieben hätte, wenn ihm die Tatsache der Taufe bekannt gewesen wäre. Diese Unkenntnis fällt ihm nicht zur Last; aber es durfte erlvartet werden, daß er einer besseren Belehrung sich zugänglich zeigte. .Die Darstellung von Bielschowskys Nöten war, besonders was die angebliche Amtsniederlegung lvegen Krankheit betrifft, zum mindesten übertrieben. Die Berichtigung betreffs der Tätigkeit Bielschowskys am Philgnthropin acceptiere ich gern. Und nun noch eines: Ob der gegenwärtige Zeitpunkt, der für die jüdischen Kandidaten außergewöhnlich günstig ist, zum Ausdruck von „Paritätsschmerzen" zweckmäßig gewählt war, ob es ein glücklicher Gedanke war, an die herzlichen, begeisterten Worte, die der Vortragende Rat im Kultusministerium Geheimer Rat Matthias dem Forscher und Oberlehrer Bielschowsky widmete, Klagen und Vorwürfe zu knüpfen, darüber bin nicht nur ich, sondern auch einige Kollegen — ancli’io sono piltore — anderer Ansicht als der „deutsche Oberlehrer jüdischen Glaubens". H 0 ch a chtu n g sv 0 ll Berlin, 1. Februar. T. £ Sehr geehrter Herr Redakteur! ^ch lese jetzt im 7. Band des „Jahrbuchs für jüdische Geschichte ,+J und Literatur" den geistvollen Aussatz von M. Joel: „Der Mosaismus und das Heidentum." Seite 58 heißt es: „Kain wirst' gleichsam Gott die Sünde vor, die er (Kain) begangen: „Meine Sünde ist zn groß, als daß ich sie tragen könnte."" Und dazu eine Fußnote: „Die Uebersetzung; „Meine Strafe ist zu groß" steht nicht im' Texte." , Ich weiß nicht, von wen: diese Anmerkung herrührt, richtig 'ist sie jedenfalls nicht. Die Uebersetzung: „Meine Strafe ist zu groß," nach dem Zusammenhang der Rede Kains die einzig richtige, geben schon Jbn-Esra und Kimchi, indem sie aus Klagelieder 4, 6 verweisen. Dasselbe ist , bei Lnzzatto zur Stelle zu finden. Auch Gesenius gibt zn, daß wo! lOlI? vorkommt, die Strafe (als Folge der Sünde) zu verstehen ist. Man braucht nur die Concordanz zur Hand zu nehmen, um zahlreiche Belegstellen dafür 31t finden. Und doch „steht die Uebersetzung: „Meine Strafe ist zu groß" nicht im Texte." Daß die Auffassung Joels höchstens homiletisch 'zu verwerten ist — das ficht niemanden an. Es ist in der Tat eine Kleinigkeit, und doch benutze ich gern die Gelegenheit, um etwas im allgemeinen zu sagen, das gesagt werden muß. Die hebräische Sprache ist, wenigstens im biblischen Teil, lexikalisch ziemlich eingehend erforscht. Die syntaktische Erforschung ist in den Anfängen. Ans mangelnder Kenntnis der hebräischen Syntax laufen falsche Uebersetzungeu von Bibelstellen zu tausenden herum; sie sind, obwohl die alten jüdischen Erklärer bereits das Nichtige gegeben haben, als eiserner Bestandteil oberflächlicher Bibelsorschung zu betrachten. Denn kommt jemand und weist den richtigen, selbstverständlichen Sinn nach, dann heißt es „Die Uebersetzung .... steht nicht im Texte." Charlottenburg, 4. Februar. S. Bernfeld. Lrirkkalten ürr Ledsktion. W. 25.- Jüdische Altersversorgungs-Anstalten, die auch Auswärtige gegen Entschädigung aufnehmen, sind uns in Deutschland nicht bekannt. Vielleicht weiß jemand aus dem Leserkreise etwas Näheres darüber. Druck und Verlag von Nu dals Müsse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.