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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-02-12 · Heft 7 (12.2.1904) · p. Seite 83

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 7 (12.2.1904)
Date
1904-02-12
Page
Seite 83 (sequence 9)
Language
German
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83 „Ich bleibe dabei, die verfluchte Gewerbefreiheit, wodurch die Kerle mit allem handeln dürfen, ruiniert das Bolk. ©eitbem die Juden die großen Bazare aufgetan, nagen die übrigen Geschäftsinhaber am Hungertuch. Nur dadurch werden sie zu Sozialdemokraten." Eine Totenstille folgte auf diese Worte. Der Hausherr lachte verlegen und sagte begütigend: „Aber meine Herren, wer wird denn von Politik reden." Zu Herrn Berger gewandt, der heftig auffahren wollte, fügte er mit sanftem Vorwurf bei: „Lieber Vater, bemerken Sie denn nicht, daß aus Herrn von Knupp die Sektgeister scherzen." Herr Berger ließ sich aber nicht beschwichtigen, sah ihn finster an und sagte: „Ich darf von den Herrschaften wohl einige Minuten Gehör erbitten, da meine Ehre dies verlangt." Ein würdiger, weißbärtiger Herr rief: „Sprechen Sie, Herr Berger!" Dieser dankte mit einen: Blick und führ fort: „Die Bazare haben noch kein Geschäft ruiniert. Die Geschäftsinhaber müssen sich eben den veränderten Zeitverhältnisfen fügen. Sie müssen ihren Geist, ihre Tätigkeit anspannen, uin sich nicht von der riesigen Konkurrenz, die auf allen Gebieten herrscht und von der die Bazare nur einen Teil bilden, erdrücken zu lassen. Die Leute, die sich als Opfer der Großbazare hinstellen, sind Unfähige oder Faullenzer, die auch ohne Bazare von der Bildfläche verschwunden wären." Nun wandte er sich zu Herrn von Knupp-Pelzow. „Und wie können Sie als denkender und gerecht sein wollender Mann sich herbeilasfen, über Erscheinungen des modernen Wirtschaftslebens zu urteilen, das Ihnen offenbar ganz unbekannt ist? Ich wiederhole nicht den in diesem Zusammenhang geschmacklosen Ausdruck, den ich übrigens Ihrer Alkoholstiuünung znschreibe: die Inden, welche die großen Bazare aufgetan, geben Taufenden Brot und Stellung, sie ermöglichen jungen Leuten aus den untersten Ständen, sich in die Höhe zu arbeiten und voran zu kommen. Die Millionen, die wir einnehmen, fließen in tausend Büchen wieder ins Volk zurück, und wir heben den Nationalwohlstand inehr, als Sie und alle Schimpfer es jemals vermocht haben!" Mit tiefen: Schweigen wurden diese Worte angehört. Hugo stand in der peinlichsten Verlegenheit, sich von einem Fuß auf den andern wiegend. Das Lächeln, welches bein: Anfänge des Disputs vieler: auf den Lippen schwebte, schwand und nrachte einein unliebsarnen Erstaunen Platz. Herr von Knupp-Pelzow erhob sich. „Liebe Frau Rode, entschuldigen Sie. Wir alten Leute vergessen, daß die Gesellschaften von heute nicht mehr die Gesellschaften von früher sind. Vordem war man unter Seinesgleichen, jetzt aber — hin, guten Abend allerseits!" Hugo näherte sich ihm. „Aber bester Herr von Knupp, Sie wollen uns doch nicht verlassen, das kleine Mißverständnis . Herr Berger sagte zu seiner Frau: . „Komm Jda," nickte der Gesellschaft zu und entfernte sich, gefolgt von Heinrich, der mit leuchtenden Augen auf die Rede seines Vaters gehorcht, ihr: aber gleich danach unablässig gedrängt hatte, mit ihm wegzugehen. Draußen rief Heinrich in großer Aufregung: „Vater, wir werden Erna verlieren.. Hugo schämt sich unser. Er hat Dich geopfert, anstatt Dich zu verteidigen." Sei:: Vater beruhigte ihn. „Du siehst zu schwarz. Geh' jetzt nach Hause, lieber Sohn, und kvuun morgen recht früh zu uns." Er blieb vor feiner Frau stehen, die sich in ihren: Zimmer schluchzend aufs Sofa geworfen und sagte bitter: „Nun ist Dein Wunsch erfüllt. Du bist in den höheren Kreise:;, nach denen Du Dich immer gesehnt." „Ach, die Kinder können doch nicht verhindern, daß ein roher Mensch uns beleidigt." „Morgen früh gedenke ich mit Hugo zu reden. Wir werden für das Glück unserer Tochter viel opfern müssen. Ich fürchte, daß meine unselige Schwachheit uns allen verhängnisvoll wird." (Fortsetzung folgt,) Literarische Mitteilungen. — Geschichte der Iüdischen Gemeinde in Potsdam. Gedenkschrift von Dr. Robert Kaelter. Anhang: Weihepredigt. Potsdan:! 1903. Konunissionsverlag von Eduard Stein. 141 Seiten und dreiAbbilj düngen. Die jüdische Gemeinde zu Potsdam gehört nicht zu den großen und zahlreichen in Israel. Auch tritt ihre Vergangenheit nicht durch besonderen Schicksälswechsel oder Tatenreichtum ihrer Söhne hervor. Unbedeutend seit den: Anbeginn ihrer Existenz, der noch keine zwei Jahrhunderte zurückliegt, hat sie jedoch nunmehr den Vorzug, daß sie in dem oben angeführten Buche ihres derzeitigen Rabbiners eine Darstellung ihrer Geschicke besitzt, wie sie die ineisten größeren Gemeinden entbehren und sich wünschen können. Das Werk ist als Festschrift zur Einweihung der neuen Synagoge zu Potsdan: am 17. Juni des eben verstrichenen Jahres erschienen und, wiewohl es äußerlich wie innerlich die Vorzüge und Schattenseiten, die einer Gelegenheitsschrift anhaften, besitzt, ist es dennoch als ein Werk zu betrachten, dessen Wert mit dem Verrauschen der Festlichkeiten, deren Glanz es erhöht hat, nicht vergeht. Durch die mühevolle Zusammenstellung und anziehende Schilderung all der Tatsachen aus der Geschichte der Gemeinde, die der fleißige Verfasser ermitteln konnte, behält es nicht nur seinen dauernden Wert als überaus schätzenswerter, aus Urkunden und Akten beruhender Beitrag zur Geschichte der Inden im Deutschen Reich; es ist vielmehr an sich als dankenswerte Tat zu betrachten, der im Interesse der Erforschung der jüdischen Geschichte zahlreiche und gleichwertige Nachfolge zu wünschen ist. In der Tat kann der Geschichte des Judentums in: augenblicklichen Stand dieser Wissenschaft durch nichts ein so großer Dienst erwiesen werden, wie durch eine Erforschung und dokumentarische Schilderung der Geschichte der einzelnen jüdischen Gemeinden. Der Verfasser teilt sein Buch in sieben Kapitel, von denen das erste und wichtigste die Entstehung und Entwicklung der Gemeinde behandelt und die anderen sechs verschiedenen Einzelheiten, der Verwaltung der Gemeinde, den Rabbinern, den Lehrern nnd Kantoren und anderen Gemeindebeamten, den berühmten Männern, welche die Gemeinde hervorgebracht hat, den Vereinen nnd Gemeindeeinrichtungen gewidmet werden und gleichfalls viel interessantes und wissenswertes enthalten. Als erster Potsdamer Jude läßt sich ei:: David Michel, der schon um 1690 als Besitzer eines eigenen Hauses in Potsdam genannt wird, Nachweisen; zahlreicher beginnen erst ztvischen 1730 und 1740 Juden in Potsdam aufzutreteu, und in diese Zeit fällt die Entstehung einer jüdischen Gemeinde in Potsdam, deren Geschicke in leidlicher Vollständigkeit bis aus den heutigen Tag verfolgt werden können und von: Verfasser geschildert werden. Dankenswert wäre es gewesen, wenn der Verfasser einzelne wichtige Dokumente, so die Listen der Gemeindemitglieder während des achtzehnten Jahrhunderts, das in deutscher Uebersetzung mitgeteilte Gemeindestatut von 1776 und noch anderes, in einem Anhang originalgetreu mitgeteilt hätte. Nicht nur, daß wir auf diese Weise die genaue Kenntnis so wichtiger Doknn:ente erlangt hätten, der Verfasser hätte es daun auch nicht nötig gehabt, seine Darstellung durch ausgedehnte Anfüh'rnngen zuunterbrechen, wodurch der schöne Fluß seiner Schilderung nur noch gewonnen hätte. Als erster Rabbiner der Potsdamer Gemeinde weist uns Kaelter einen Jechiel Michel aus Polen nach, der 1760 zum geistigen Ober Haupt der Potsdamer Judenschast gewählt wurde. Als geglückt kann man den Versuch des Verfassers betrachten, in einen: Stich des berühmten

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