Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1904)
- Date
- 1904-02-12
- Page
- Seite 82 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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82 Ansicht daß meine Eltern sich heimisch bei uns fühlen werden; weshalb sollten sie auch nicht bei ihren Kindern!" „Es könnte aber doch Vorkommen, daß ein Anwesender, der gerade nicht an die Religion Deiner Eltern denkt, irgend eine antisemitische Bemerkung macht." „Pfui, wenn Deine vornehme Gesellschaft so wenig Geist besitzt, um in einer Soiree zur Unterhaltung einer Judenhetze zu bedürfen, so kann ich dieselbe nur verachten. Ich setze jedoch zn Ehren Deiner Bekannten, die ich ja kenne und schätze, voraus, daß Du gar zu ängstlich bist, und wir wollen den Versuch doch wagen." Er dachte nach, lächelte vor sich hin und sagte: „Es soll nach Deinen Wünschen geschehen; es ist auch besser, ich sehe es ein!" Die ganze Familie Berger war nun in Berlin, Heinrich als flotter Student, seine Eltern auf Besuch bei ihrer Tochter. Das Verhältnis zu ihrem Schwiegersohn war andauernd gut, dieser hatte aber leider auf seinein Büreau soviel Zn arbeiten, daß er sich seinen Schwiegereltern nur wenig widmen konnte. Frau und Fräulein Rode ließen es an der nötigen Höflichkeit nicht fehlen, und so waren die Eltern glücklich, weil ihrer Tochter das Leben der vornehmen Welt erschlossen war. Frau Berger erzählte ihrem Manne mit wichtiger Miene: „Vorhin zeigte mir Hugo die Liste der Eingeladenen. Alls seiner Soiree werden wir nur mit Leuten der besten Gesellschaft zusammen sein." „Ob wir uns in dieser Gesellschaft heimisch fühlen werden, ist noch abzuwarten. In kaufmännischen Kreisen gefälltes nur besser." - „Und ich werde hier erst in der mir zusagenden Sphäre sein. Hugo soll stolz auf seine Schwiegermutter werden. Heinrich wird auch Bekanntschaften anknüpfen, die ihm förderlich sein können." „Wenn Heinrich sein Studium vollendet und seinen Doktor gemacht hat, wird er in mein Geschäft eintreten, um es zn übernehmen, wenn es an der Zeit ist. Eine schönere Zukunft erstrebt er nicht, und die Protektion, die ihm. zu dieser verhelfen soll, nämlich die meinige, ist ihm sicher." Sie sah ihn mit einem hochmütigen Blicke an. „Ich muß also auch für die höhere Laufbahn Heinrichs sorgen?" und rauschte aus dem Zimmer. Zur selben Zeit saß Erna bei ihren: Mann, in das Verzeichnis der Eingeladenen blickend. Sie lächelte unwillkürlich. „Hugo, vorhin unterhielt ich mich mit Mutter über die Soiree, zu der wir Dich zum erstenmal eingeladen. Denkst Du noch daran?" „Gewiß, Kind. Da hielt ich Euch alle für ein bischen überspannt. Das bei uns verkehrende Publikum steht geistig doch höher." „Bei uns waren zu verschiedenartige Elemente." „Das gebe ich zu. Aber den wahrhaft vornehmen Ton vermißt man doch bei Deinen Glaubensgenossen." „Auf derselben Soiree war aber ein Glaubensgenosse von Dir, mein lieber Hugo, der einzige Betrunkene, der entfernt werden mußte, und der gehörte der vornehmen Gesellschaft an." „Liebes Kind, Du wirst verletzend." „Nur seitdem es Dir Vergnügen macht, meine Glaubensgenossen zu verunglimpfen." ' Der Eintritt des Mädchens unterbrach das unerquickliche Zwiegespräch. Am Gesellschaftsäbend erschienen die Damen Rode, die Hugo gebeten, seine Frau bei dern Empfang der Gäste zu unterstützen, frühzeitig. „Meiner Mutter und Schwester sind die Gäste alle Persönlich bekannt. Du wirst mir für diese Anordnung dankbar sein," sagte Hugo leise zu seiner Frau, und sie gab ihm durch freundliches Zunicken ihre Billigung zu erkennen. Liska, einer in dunkler Seide gekleideten Parze nicht un-; ähnlich, musterte ihre Schwägerin, fand aber an der sehr vornehm und geschmackvoll gekleideten jungen Frau nichts auszusetzen. „Hoffentlich hat Deine Mutter nicht zu vielen Schmuck angelegt, das würde hier auffallen." „Weshalb denn, liebe Liska," war die unbefangene Antwort, „haben denn die hiesigen Damen noch niemals Brillanten gesehen?" Die Salons füllten sich allmählich. Hugo war in den Regierungskreisen beliebt. Der anmeldende Diener nannte die klangvollsten Namen, Geheimräte, sogar wirkliche Präsidenten, Direktoren, einige Offiziere, die Verheirateten mit ihren Gemahlinnen. Erna begrüßte die Gäste mit einfacher, natürlicher Grazie . und wurde der Mittelpunkt des sich immer vergrößernden Kreises. Sie stellte ihre Mutter, die ziemlich schweigsam war, vor. Ihr Vater und Heinrich standen unbeachtet zusammen, bis Hugo sie mit der Gesellschaft bekannt machte. Die Unterhaltung wurde allgemein und lebhaft.!, „Gnädige Frau werden Berlin jetzt von der vorteilhaftesten j. Seite schauen. Theater, Gesellschaften, Konzerte; Gnädigste gej denken, dies wohl alles zu besuchen?" sagte ein dicker Major, i „Ich weiß noch nicht, wohin mein Mann nüch zu führen gedenkt," war die heitere Antwort. „Wir sind vorab zum Hausball beim Herrn Präsidenten Nolte eingeladen, was dann weiter erfolgt, wissen die Götter!" bemerkte Hugo." z „O freut nüch außerordentlich! Werde dann den Vorzug j. haben, der gnädigen Frau einige "Kameraden venu Nrrgment j: vorzustellen."! Erna nickte anmutig. i Ihre Mutter saß zwischen einer fetten und einer magerer: Dame, die aussahen wie eine fette und eine magere Kuh Pharaos. Es wollte aber nicht zn einer flüssigen Unterhaltung kvrnuren. Weirn Frau Berger etwas von den modernen Dichterrr erwähnen wollte, rühmten ihre Nachbarinnen die Konzerte im zoologischen Garten. Wenn nun eine der Darnen sich nach den Verhältnissen in Frankfurt erkundigte, nach den gesellschaftlichen Veranstaltungen der Spitzen und nach deren Verkehr unter sich, so konnte Frau Berger keinen Bescheid geben. „Wir leben eben in anderen Kreisen," mußte sie endlich zugeben, woraus ihre dicke Nachbarin, Frau Negierungsrat Schilling, vielsagend mit den Schultern zuckte. Herr Berger war in animierter Unterhaltung mit dem Rittergutsbesitzer von Knupp-Pelzow, der zufällig in Berlin und mit der Familie Rode gut bekannt war. Kerzengerade saßen ihnen Frau und Fräulein Rode gegenüber, die gefunden hatten, daß sie die junge Frau beim Repräsentieren wirklich nicht zu unterstützen brauchten. Die Herren sprachen vom öffentlichen Leben, von der Politik. Herr von Knupp-Pelzow, der irgendwo in Ostelbien ansässig war, hatte so seine eigenen Ideen von Politik, die mit denen Herrn Bergers nicht ganz übereinstimmten. Der Sekt, den er nicht schonte, machte ihn auch nicht ruhiger, und so übertonte er bald die Tafel.