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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-02-12 · Heft 7 (12.2.1904) · p. Seite 79

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 7 (12.2.1904)
Date
1904-02-12
Page
Seite 79 (sequence 7)
Language
German
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79 blicke Meinungsverschiedenheiten, die zum Streite führen. Es ist daher 'ein großer- Irrtum, wenn inan die uralten Zeiten als friedliche oder gar idyllische ansieht. Unfrieden, Zank, Streit war die Regel, der Friede bildete eine Ausnahme. Wie es ewigen Streit in: Innern gab, fo mußte man stets kriegsbereit gegen den äußeren Feind fein. Gegen diesen mußten die Gruppen und verwandten Stämme, die sich eben noch bitter befehdeten, gemeinsam zu den Waffen greifen. Fragt man nach der Ursache des Kampfes und der beständigen Angriffe, so hat es deren sehr viele gegeben, unter andern aber eine, die für Menschen aus niederer Stufe viel Reiz gehabt haben muß, und das war der Frauenraub. Ob der Frauenraub nur gelegentlich geschah, mag dahingestellt bleiben, Tatsache ist, daß Frauen geraubt wurden. Man Prüfte nicht, man wählte nicht, nach Neigung und Liebe wurde nicht gefragt. Die Tochter wurde der Mutter, die Gattin dem Gatten aus den Armen gerissen. Die robuste Kraft behauptet das Feld, der Stärkere hat Recht. Wie das erbeutete Vieh, wurde die Frau als Beute nach Hause geführt. Welche Stellung da die Frau einnahm, läßt sich denken; der Krieger von Beruf ist im Gemüte ebenso roh als der im steter: Kampfe gegen das wilde Tier lebende Jäger. Vielleicht ist dieser noch der minder rohe, denn er wird Menschen gegenüber möglicherweise ein inenschlich Rühren empfinden. Dem Krieger .wird auch das Menschenleben gleichgiltig, Blutvergießen wird ihn: zur Pflicht gemacht, und wen er als Feind ansieht, auf dessen Leben glaubt er ein Recht zu haben. Was ist dem Krieger bei dieser Anschauung und einer gereizten Stimmung die Frau? Vor allen: glaubt er doch ein unbestrittenes Eigentumsrecht an ihr zu haben. Sie ist sein Eigentum, wie das Tier, das er erlegt, wie das Kleidungsstück, das er erbeutet. Sie gehört zu seine::: Hausrat. Daß er sie schlagen, mißhandeln, verkaufen, vererben kann, ist selbstverständlich. Ist der Mann im Kriege gefallen oder in anderer Weise gestorben, hat der Schwiegervater das Recht, die Frau zu verkaufen. Sie muß im Hause die Arbeit wie die Sklavin tun, verkommt geistig wie körperlich. Der Roheit des Mannes kann die Frau oft, aber nicht inuuer die gleiche Roheit entgegensetzen, in den meisten Fällen ist er ihr an Körperkraft überlegen; da diese allein die Herrschaft führt, ist die Frau der bedauernswerte Teil. Es :nuß jedoch hervorgehoben werden, daß diese Herzenshärte und stmupfsinnige Selbstsucht nicht nur bei den Männern, sondern auch bei den Frauen jener Unkultivierten anzutreffen ist, ja daß die Frauen, wo sie die Macht dazu haben, es den Männern zuvortun. So wird erzählt, daß in Ländern, wo es Sitte ist, die Gefangenen zu foltern, die Frauen die Männer an Grausainkeit übertreffen. Von einer afrikanischen Königin erzählt Winwood Reede, daß kein Mann es ihr an Blutdurst gleichtut. Wir sehen, n:eint Spencer, daß es nicht der gute Wille, sondern der Mangel an Fähigkeit ist, der die primitive Frau verhindert, ebenso roh zu sein wie der primitive Mann. Die Stellung der Frau ändert sich wohl nicht rnit einem Male, aber allmählich. Sie beginnt da eine bessere zu werden, wo. das rohe Kriegshandwerk aufhört, alleinherrschend zu sein, die Werke des Friedens nach und nach an Raum gewinnen, das stete Wandern aufgegeben wird, die Menschen ansangen, seßhaft zu werden, Ackerbau wenigstens einen Teil der Beschäftigung bildet und die ersten Keime der Industrie sichtbar werden. Hier sind wir bei einen: Gedanken angelangt, der sich durch die Philosophie Spencers, wie ein roter Faden zieht und mit dem er hauptsächlich in seiner Soziologie operirt. Er stellt den Gegensatz auf zwischen dem Kriegs- und Industriestaat, zwischen einem kriegerischen und industriellen Volke. Diesen Gegensatz beleuchtet er scharf und zieht alle Konsequenzen. Er stellt diese Gegensätze einander gegenüber, obgleich er weiß, daß zu einem Kriege in großem Stile, wie er heute geführt wird, eine ausgebildete Industrie notwendig gehört. Spencers Meinung geht dahin: Kriegsstaaten sind kulturfeindlich, bleiben an Bildung zurück, das Herz verroht, Geist und Gemüt bleiben auf tiefer Stufe stehen, das gesellschaftliche Leben kann nicht gedeihen. Aber nicht nur das geistig-sittliche Leben leidet, es kann auch zu einem allgemeinen Wohlstand nicht kommen, weil für einen materiellen Aufschwung das Interesse fehlt, und der Soldatenhochmut das Bezwingen der Menschen für erstrebenswerter hält als den Erwerb eines materiellen Gutes. Handwerk, Gewerbe, Handel sind verächtliche Dinge, die Frau ist ihn:, schon infolge ihrer körperlichen Schwäche, ein inferiores Ding; da er sie im Kriege erbeutet hat, muß sie ihm zu jeder Zeit für die Schonung ihres Lebens dankbar sein. Anders im Industriestaat, wo entweder die Vorherrschaft der Waffen nie bestanden hat, oder allmählich zurückgedrängt worden ist. Unter Industrie versteht Spencer nicht, was ausschließlich im Dienst gewisser Gewerbe steht, sondern alles, was den: Leben nützt und sich als Gegensatz zun: Kriegsberuf manifestiert. Unter dem Gesichtspunkte der Entwicklung hält Spencer den Kriegswie den Industriestaat für natürlich, ja für notwendig. Der Kriegsstaat bezeichnet den Urzustand . der Menschheit, der Industriestaat wird den Zukunftsstaat bilden. Dort die tiefste Stufe der Geistesbildung und Sittlichkeit, hier ein mäliges Aufhören des primitiven Zustandes, Erhebung des Geistes, Veredelung der Sitte. Mit dem Uebergange des Kriegsstaates in den Industriestaat muß sich auch die Stellung der Frau ändern. Folgendes trug zur Besserung ihrer Lage bei. Mit dem allmählichen Schwinden des Permanenten Kriegszustandes muß auch die Roheit äbnehmen. Die Frau, die für äußere Eindrücke sehr empfänglich ist und eine besondere Kraft in: Nachempfinden besitzt, verwildert leicht unter Wilden oder ergibt sich widerstandslos der Roheit des Mannes. Ist der Mann besser geartet, wird es ihm wohl nicht leicht, eine Widerspenstige zu bezähmen, aber er findet in den meisten Fällen in der Frau ein freudiges Entgegenkommen da, wo sich ein tieferes Einpfinden kundtut und die Herzenssaite:: zart berührt werden. Gehört der Mann nicht ausschließlich dem harte:: Kriegshandwerk an, so treten noch zwei andere Umstände hinzu, die die Stellung der Frau besser gestalten. Der eine Umstand ist der, daß der Mann mehr dem Hause angehört, sich ebenfalls um die Erziehung der Kinder kümmert und so die Frau entlastet. Diese Entlastung hat zur Folge, daß die Beschäftigung der Frau eine solche werden kann, die der des > Mannes ähnlich wird, was wieder zur Folge hat, daß er nicht j geringschätzig auf ihr Tun herabsieht. Was aber bei Abnahme i - des kriegerischen Zustandes zu gunsten der Frau hauptsächlich in die Wage füllt, liegt in den: Urnstande, daß die Frau nicht mehr gestohlen und geraubt, sondern rechtmäßig erworben wird. Freilich ist dieses Erwerben noch nicht das Ideal, aber es ist ein himmelweiter Unterschied von der Art, wie der Krieger sich sein Weib, besser seine Sklavin holte. Als Beispiel, wo die Frauen die gleiche Beschäftigung wie die Männer habe::, führt Spencer die Clasfops und Chinoks an, die von Fischen leben, deren Fang die Frauen ebenso gut wie die Männer verstehen und infolge dessen ihre Stellung eine geachtete ist. In Dahomei, wo die Frauen mit in den Krieg ziehen, leiden sie wohl noch unter der Anmaßung der Männer, sie behaupten aber ihre Stellung und sind im Hause einflußreicher.

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