Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1904)
- Date
- 1904-02-12
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
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den Nachweis zu führen, daß so manche von Spencer aufgestellte Grundlehren, trotz prinzipieller Gegensätze, auch aus die Bibel Anwendung finden können, ohne daß hierdurch die von ihr ausgestellte Lehre im mindesten in Frage gestellt würde. Wenn z. B. Spencer den Unterschied hervorhebt zwischen der Stellung, die die Frau im industriellen Staate einnimmt und jener, mit der sie sich im kriegerischen Staate begnügen Muß, so hat die Bibel Unterschiede dieser Art keiner Erörterung unterzogen, aber die Ausstellungen Spencers widersprechen in keiner Weise ihren Anschauungen. Da, nach Spencer, der ackerbautreibende Staat im Gegensatz zu dem kriegerischen steht, in jenem die Frau eine bessere Stellung einnimmt, so kann man sagen, daß der Gedanke Spencers in der Bibel eine von ihm nicht gesuchte Stütze findet. Denn die Bibel spricht anfangs von Hirtenstämmen, dann, insofern Israel in Betracht kommt, — mit Ausnahme weniger kriegerischer Jahre — von einem ackerbautreibenden Volke. Es sei nun in großen Zügen von einigen Grundlehren des großen Forschers gesprochen, dessen gedankenreiches Leben gegen Ende des abgelaufenen Jahres seinen Abschluß fand. Zunächst einige biographische Daten: Spencer wurde im Herzen Englands, in Derby, am 20. April 1820 geboren. Er entstammte einer Lehrerfamilie. Sein Vater, Großvater und Onkel waren Lehrer. Diese waren von großem Einflüsse auf Spencers Denkungsart und Lehrmethode; besonders die Weise, immer und überall nach der Ursache zu fragen, hat Spencer vom Vater. Und so wäre ich geneigt zu sagen, daß in dieser kindlichen Art nach der Ursache, zu fragen, der Keim für die Philosophie Spencer's liegt. Denn das Wesen der Dinge erkennt man am besten, wenn es gelingt, sie in ihrem Werden zu belauschen, wenn man es sich angelegen sein läßt, nach der Ursache jeder Wirkung zu suchen. Nur ist uns dies leider in den wenigsten Fällen möglich, aus dem einfachen Grunde, weil uns die Dinge als gewordene entgegentreten und es ungemein schwierig ist, sie in ihre ersten Anfänge zurück zu verfolgen. Spencer hat dennoch diesen Versuch gemacht. Liest man seine Werke und überläßt sich ganz seiner Leitung, will es einen fast bedrucken, als wäre man Augenzeuge, wenn nicht des Werdens, doch wenigstens der Entwicklung der Dinge und ihres Fortschreitens gewesen. Dabei versucht es Spencer gar nicht, in die Geheimnisse der Vorwelt einzudringen, sondern bleibt, als nüchterner Engländer, auf dem Boden des Gegebenen, auf dem Boden der Tatsachen stehen. An Tatsachen aber weiß er uns eine ungeheure Menge vorzuführen, die er uns sowohl in ihrem rohesten Gewände zeigt, wie in der gegenwärtig verfeinerten Form. Das ganze Leben betrachtet Spencer unter dem Gesichtspunkt der Entwicklung. Tier und Mensch, Kunst und Wissenschaft, Gesellschaft und Staat, Sprache und Sittlichkeit unterliegen der Entwicklung und können nur durch die Theorie des Wachstums erklärt werden.') Spencer ist nicht der erste, der diese Forschungsmethode angewandt hat, aber er ist der erste, der sie allgemein handhabte, er ist der Philosoph des Entwicklungsprinzips. Selbstverständlich muß es auch die Frau sich gefallen lassen, von diesem Standpunkte aus betrachtet zu werden. Spencer tut dies, indem er die Stellung der Frau in verschiedenen Zeiten und Ländern ins Auge faßt. Von zwei Faktoren hängt die Stellung der Frau ab. Zunächst von der Beschäftigung des Mannes, sodann von dem Grade der Zivilisation oder auch der Unzivilisation. Diese beiden, Beschäftigung des Mannes und Grad der Zivilisation, h Otto Gaup über Spencer p. 6 ff. hängen eng. zusammen und können voneinander nicht getrennt werden. Das Folgende wird dies erklären. Es haben wohl viele schon darüber nachgedacht, worin der Urzustand der Menschen bestand. Die Antwort gibt ernzrg und allein die Geschichte. Sie berichtet: der Urzustand der Menschen ist der Krieg, und zwar der Krieg nach, drei Seiten. Zuerst der Krieg gegen die Tierwelt. Nach dem Wortlaute der Bibel ist der Mensch zum Herrscher über die Tierwelt eingesetzt, diese Herrschaft mußte er sich erst erringen. Freilich, in fortgeschrittener Zeit, als die Menschen in Massen zusammen wohnten, war diese Bekämpfung der Tiere nicht schwierig, sie kämpften vereint gegen den gemeinsamen Feind. Versetzen wir uns aber in die Urzeit, wo der Mensch einzeln oder nur mit wenigen seinesgleichen zusammenlebte, da hatte er sich mit Mühe seiner Haut zu wehren. Das Tier war das von Natur stärkere Wesen. Nur mit der Keule in der Hand kann man sich den Urmenschen vorstellen, und nur seiner höheren Intelligenz hatte er es zu danken, daß er im Kampfe nicht unterlag. War das Notwehr, buchstäblich ein Kanrpf um das Leben, so trat mit dem Augenblicke, da der Mensch sich mit Pflanzenkost nicht - mehr begnügte, ein anderer Kampf ein, der um die Ernährung. Die Nahrung mußte gesucht, das Tier erlegt werden. Mit dem Verlangen nach Fleischnahrung hatte sich plötzlich das Verhältnis geändert. Verteidigte sich anfangs der Mensch gegen das Tier, so ging er jetzt zum Angriff über; aus dem Angegriffenen wurde der Angreifer, der Verfolger. Der Mensch tritt als Jäger auf. Wie zum Teil noch heute, wurde es der größte Ruhm des Mannes, viele der wildesten Tiere erlegt zu haben. Solche Teile des Tieres, die nicht in Verwesung übergehen, wie Hörner, Klauen, Zähne, Haare, wurden als Trophäen aufbewahrt. Wer die meisten solcher Trophäen besaß, war der Stärkste und Klügste, er wurde Führer und Häuptling. Fragen wir, welche Stellung bei dieser Beschäftigung des Mannes die Frau, einnahm, so ist die Antwort: Keine bessere als die des gebändigten Haustieres. Der Mann, der müde von der Jagd nach Hause kam, und dem es gelungen war, ein wildes Tier zu erlegen, hatte eine Heldentat vollbracht, fühlte sich hoch erhaben über das schwache Weib, das sich mit den Armseligkeiten des Herdes abgab. Er hielt es seiner nicht würdig, das. erlegte Wild nach Hause zu bringen. Die Frau mußte es aufsuchen, nach Hause schleppen, zerteilen, dem Manne ,die Trophäen reichen, selbstverständlich das Mahl bereiten. Die schlimmsten Roheiten, die härtesten Mißhandlungen mußte sie sich gefallen lassen. Die Selbstsucht und Roheit des Mannes kannte nur eine Grenze, sie bestand in der Schwäche der Frau, mehr zu ertragen. Nur ein Gedanke dämmerte in dem Hirn dieses Wilden, der, daß er doch Rücksicht nehmen müsse auf die Erhaltung des Geschlechtes, des Stammes. Natürlich war der Frau, neben allen möglichen Arbeiten die Erziehung der Kinder, wenn da von einer Erziehung gesprochen werden kann, sagen wir ihre Ernährung, überlassen. Hätte die Rücksicht auf die Erhaltung des Geschlechtes, die auch im Wildesten lebt, nicht vorgewaltet, die Frau wäre, wie das Tier, keinen Augenblick des Lebens sicher gewesen. Von natürlichem Gefühl, von Neigung, ist in jenem Urzustand nicht die Rede. Reisende berichten, daß auch heute noch bei manchen wilden Völkern von irgend einer Art Liebkosung keine Rede ist. Kurz, die Frau auf dieser Stufe ist ein bedauernswertes Geschöpf. Der zweite Kampf, den die Menschen führten, war ein Kampf gegen sich selbst. Die Menschheit in ihrer Kindheit war im steten Kampf begriffen. Es war ein Kainpf zwischen den Familien, Gruppen, Stämmen. Wo das Gesetz nicht gekannt ist, wo sich noch kein fester Brauch herausgebildet hat, gibt es in jedem Augen-