Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1904)
- Date
- 1904-02-12
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- 76 -^— ' ‘ ■ -Man tvar gerade iir der Synagoge zum Morgengebet versamnrelt, als zahlreiche berittene Kabylen der Umgegend das jüdische Stadtviertel (Mellah) überfielen. Sie plünderten oder zerstörten alle bewegliche Habe und bemächtigten sich vielfach der Frauen und Kinder. Hierbei kam es zu abscheulichen Gewalttaten. Zwei Inder: wrrrderr von den Pferden zertreten und starben. Ein zwölfjähriges verkrüppeltes Mädchen wurde dermaßen vergewaltigt, das; es kaum mehr einem menschlichen Wesen glich. Wöchnerinrren wurden auf grausanre Weife entkleidet und samt ihren Säuglingen auf die Straße gewdrfen. Die Zahl der an diesem Tage verwüsteten Häuser oder Geschäftslokale beträgt etwa 300, von Lebensmitteln war so gut wie nichts mehr vorhanden. In ihrer Bestürzung flüchteten die so schwer Betroffenen nach allen Seiten. Viele Familien brauchten Wochen, um sich wieder zusammenzufinden. Die Gefangenen werden nur gegen ein beträchtliches Lösegeld den ihrigen zurückgegeben. In diesem Wirrwarr zeigten sich die Araber zu. Ouled. Hriß höchst mildtätig. Sie nahmen manchen Flüchtling in ihre Häuser auf und gewährten ihm Unterhalt. Einer von ihnen, Mohamed ben Tami, ritt sogar mit mehreren seines Stammes aus, um die Verirrten znrückzuholen. Andere Araber jedoch benahmen sich schurkenhaft und stahlen Ware imb Geld unter dem Vorwände, es aufzubewahren. Der größte Teil der Flüchtlinge —- etwa 700 Seelen — rettete sich nach Casablanca. Dort wandten sie sich an die Schule der Alliance israelite universelle und flehten den Direktor um Hilfe an. Zehn Tage hatten sie gebraucht, um die 50 Kilometer bis Casablanca zurückzulegen. Sie trafen in einem erbärmlichen Zustande ein. Der Direktor veranstaltete sofort eine Sammlung unter den Juden von Casablanca, um das Dringendste zu beschaffen. So erhalten dem: diese Aermsten dank der Wohltätigkeit der Juden von Casablanca und der Vermittlung der europäischen Konsuls, besonders des englischen, für einige Zeit das tägliche Brot und die nötigste Kleidung; es wird jedoch solange für ihren Unterhalt in Casablanca gesorgt werden müssen, bis die Ordnung in Stat wiederhergestellt ist. Sodann muß an ihre möglichst schnelle Zurückführung in die Heimat gedacht werden, was viel kosten wird, da von den früheren Wirtschaften nichts mehr besteht, Die Allianz hat die Kinder der Flüchtlinge in ihrer Schule untergebracht und versieht sie mit Mittagessen und Kleidung. Sie hat auch für °die erste Hilfe einen Geldbetrag nach Casablanca übermittelt, aber es wird vernrutlich noch bedeutender Summen bedürfen, um den Schaden notdürftig 31t heilen, namentlich da auch in Marrakesch, wo 14 000 Juden wohnen, Unruhen ausgebrochen sein sollen. Immanuel Laut. Zu seinem hundertjährigen Todestage (12. Februar 19041. Von Prof. Dr. Hermann Cohen, ie das Gedächtnis dieses Gerechten uns zum Segen geworden ist, das allein wollen wir in diesen Blättern an diesem Tage betrachten. Nicht darf heute unsere Aufmerksamkeit darauf gerichtet werden, was er selbst über Judentum und Juden gedacht und geschrieben hat; noch auch darauf selbst, welche Juden es waren, die zu feinen unmittelbaren Anhängern wurden, und welche Verdienste sie sich als solche erworben haben. Freilich gehört es auch zum Wesen eines großen Mannes, daß Männer um ihn sich schaaren; Männer die nicht bloß Kärrner sind. Aber es ist das doch nur sein Beiwesen; sein Wesen liegt in seinem eigenen Werk. Und die Pietät, die allgemeine Menschenpflicht, welche einem der Großen der Menschheit gegenüber eine Pflicht des Geistes, eine Pflicht der Wahrhaftigkeit wird, sie ist zugleich die innigste Tugend, ohne welche die Welt des Geistes keinen Bestand und keinen Fortgang hätte. Daher ist die Feier solcher Gedächtnistage eine nationale Pflicht; eine Pflicht der Dankbarkeit gegen den Geist des! Volkes, den der Einzelne durch solche Feier in sich lebendig t I und, so weit er es vermag, gegenwärtig und wirksam machen 1 I soll. Diese nationale Pflicht ist zugleich von unverkennbarer! weltbürgerlicher Bedeutung. Die Großen in jeder Nation z verknüpfen die Nationen; und sie stiften in dem Bunde der! Geister den Bund der Menschheit.; Unsere religiöse Gemeinschaft wurzelt in solcher Pietät für! unsere großen Vorfahren. Das Grab Mose sollten wir nicht; kennen; aber den Todestag Moses feiern noch heute allerorten j unsere humanitären Vereine der Krankenpflege und der i Bestattung der Todten. Und unsere Pietät hat sich niemals * j auf unsere Ahnen beschränkt. Es dürste kein Religionsbuch! der Welt geben, in welchen: Sokrates, Plato und Aristoteles namentlich als „die Frommen der Völker der Welt" bezeichnet werden, denen „der Anteil am ewigen Leben" zugesprochen wird, wie der Talmud und die Kodifikation des Maimonides! dieses hohe Beispiel religiöser Humanität aufzuweisen haben. Unter allen Philosophen aller Zeiten steht keiner Sokrates und Platon näher als Kant, der Philosoph unseres deutschen Volkes. Daher darf es auch hier versucht werden, ein kleines Bild von einem Teile des großen Werkes zu entwerfen, durch welches Kant einen der mächtigsten und tiefsten Fortschritte vollzogen hat, die sich jemals in der Philosophie ereignet haben. Auch im religiösen Sinne möchte in unserem dankbaren Gemüte sein Gedächtnis mit dem Kranze der Ewigkeit geschmückt werden. Wir beschränken uns für diesen schwachen Versuch vorzugsweise auf die Ethik. Doch soll es wenigstens kurz erwähnt werden, daß sein System auf der Logik ruht. Er fängt nicht! mit der Ethik an; sondern er legt den Grund in der Logik, j Ethik will angelegentlicher als jede andere Wissenschaft Wahr-! heit geben. Es gibt aber keine Wahrheit ohne Wahrhaftigkeit.! Und es gibt keine Wahrhaftigkeit für den Menschen der Kultur,-! dessen Blick auf die Probleme der Kultur gerichtet sein muß, i als auf dem Grunde und aus der Wurzel der wiffenschafttichen?! Erkenntnis und Gewissenhaftigkeit heraus. Das ist der Sinn! davon, daß das System der Philosophie in der Logik seinen! Grund haben muß; daß alle Philosophie, sofern sie ernsthaft j und genau und gründlich zu Werke geht, mit der Logik be- > ginnen muß; mit der Erkenntnis der Gesetze und Prinzipien! der Wissenschaft. Auch unsere Alten sind nach diesem Kompaß gesteuert. Indem sie von Gott und Sittlichkeit handeln, befragen sie zuerst die Mathematik und die Astronomie. Was ist der Kern von Kants Ethik? Man kann einen Kern nicht in wenigen Worten beschreiben, geschweige bestimmen; aber wenn anders das mächtigste Lehrgebäude aus einem Kern herauswächst, so muß derselbe wenigstens in Bezug auf die Richtung bezeichnet und bestimmt werden können, in welcher sein eigenes Wachstum treibt. Diese innere Tendenz des Kerns von Kants Ethik wollen wir darzulegen ‘ versuchen. Man weiß, daß der kategorische Imperativ die Formel bildet, in welcher Kant das Sittengesetz erfaßt hat. Es gibt aber drei Formulierungen bei Kant von diesem kategorischen ± Imperativ. Sie bilden offenbar die Entwicklungen des Gedankens. Jede dieser Entwicklungen ist notwendig und von selbständigem Werte. Vor allem ist es der Begriff des Gesetzes, den Kant für das Sittengesetz, man darf sagen, entdeckt hat. Als Gesetz gilt in der Wissenschaft und in der Philosophie nur das Naturgesetz. Es kam daher vor allem darauf an, vom Naturgesetz das Sittengesetz grundsätzlich abzutrennen. Damit wäre meiner Sittlichkeit nicht geholfen, wenn ich bloß dessen sicher fein dürfte, daß ich, wie ein Tier, .