Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1904)
- Date
- 1904-02-05
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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(Lehmann'schen „Der Einfluß Al-Gazzalis auf Chasdai Kreska") hat keinen Bearbeiter gefunden. Das Seminar zählt gegenwärtig 43 Hörer, von denen 6 im abgelaufenen Jahre neu eingetreten sind. Von früheren und noch nicht entlassenen Hörern wurden in Stellen berufen die Herren Dr. Bretholz nach Triest, Dr. Dienemaun nach Ratibor, Dr. GrUnwald nach Wien, Dr., Posner nach Kottbus, Dr. Tiktin nach Leobschütz, Dr. Zimels nach Chemnitz i. S. Den Vorsitz inx Lehrerkollegium übernahm am 1. Oktober statutengeuxäß Dr. S. Horovitz.' Vorlesungen hielten die Herren: Seminarrabbiner Dr. Levy über Talmud und Jore dea, Dr. Braun: Erklärung des Pentateuchs und der kleinen Propheten, Lektüre der Bücher der Könige, der Megilloth, ausgewählter Stellen aus den Kommentaren Raschi, N. Abraham Jbn Esra, N. Samuel b. Meir und N. Möse b. Nachmann, Geschichte der exegetischen Literatur, der Juden von der Zerstörung des 2. Tempels bis zum Abschluß des Talmuds, Historische Hebungen (Lektüre von Megilloth, .Taanit und Seder Olam Rabbah), systematische Darstellung der praktischen Kalenderkunde, Orach Chajim: Dr. S. Horobitz: Hebräische Grammatik Talmud, Religionsphilosophie (Maixnüni und Saadia), Homiletik (Theorie und Uebungen). Das Seminar hat wiederum Zuwendungen erhalten. Ebenso hat die Bibliothek eine ansehnliche Schenkung erhalten durch die gesamte Bücher- und Handschriftensammlung (über 1500 Bücher und 12 Handschriften) des verstorbenen Abr. Cohn-Posen. Außerdem haben zahlreiche Gelehrte und Anstalten ihr Schriften überwiesen. Die Bibliothek zählt jetzt 16 644 Druckwerke in 22 332 Bänden und 212 Handschriften in 248 Bänden. Br. Benthe«, 1. Februar. Das muß fürwahr eine trübe Quelle sein, aus welcher Herr R. A. Jgatz Cohn geschöpft hat, wenn er in der Gemeindevertreter-Sitzung seine Argumentationen als Orgelgegner mit der Behauptung bekräftigt, die Einführung der Orgel in Beuthen habe zu einer Spaltung der Gemeinde geführt. Hält man es denn überhaupt für denkbar, daß ein aus sieben Mitgliedern bestehendes Vorstandskollegium der Gemeindevertretung eine Vorlage unterbreiten wird, welche die Möglichkeit einer Spaltung voraussctzen läßt? Und dazu ist hier der Beschluß zur Einführung der Orgel mit überwiegender Majorität zur Annahme gelangt. Allerdings schüttelt man weit und breit den Kops darüber, daß es in der Stadt der Intelligenz Männer gibt, welche unter der Versicherung, keine Orgelgegner zu sein, mit großer Eloquenz gegen die Orgel plaidieren! Difficile est satiram non scribere! — Also wohlgemerkt eine Spaltung der Gemeinde Beuthen hat nicht stattgefunden und wird auch nach Einführung der Orgel nicht eiutreten! Der Gemeindevorstand zeigt den Gemeindemitgliedern, welche einen Gottesdienst ohne Orgelbegleitung wünschen, insofern ein großes Entgegenkommen, als sie in der bautechnisch mit der Hauptsynagoge verbundenen kleinen Synagoge nunmehr an allen Sabbaten und Festtagen Gottesdienst einzuführen beabsichtigt. Die verschwindend kleine Zahl derjenigen, welche aus aufrichtiger religiöser Ueberzeugung die Orgel in der Synagoge verpönen, hat schon seit Jahren im Bet bamiäraseb ihren eigenen Gottesdienst, und die sind es gerade, welche Andersdenkenden gegenüber die weitgehendste Toleranz an den Tag legen. — Weitzenfels, 26. Januar. Zwei für die jüdischen Kultusbeamten wichtige Entscheidungen sind von hier mitznteilen. Der Kultusbeamte unserer Gemeinde war vor vier Jahren vom Magistrat aufgefordert worden, der Jnvalidenkasse beizxxtreten und Marken einzukleben. Da aber in letzter Zeit manche Bedenken auftraten mit Bezug auf den Vorbeterdienst, so wandte er sich um Entscheid an die königliche Negierung zu Merseburg. - Dieselbe entschied dahin, daß ein- Kultusbeamter, der den Vorbeterdienst versieht,' niemals versichernngspslichtig ist und daher auch keinen Anspruch ans Rente hat. Ferner wurde der betreffende Beamte von der Fleischerei- Berufsgenossenschaft aufgefordert, der Haftpflicht-Versicherung beizutreten, da nach einer Entscheidung des Reichsgericht die jüdischen Schächter verpflichtet sind, der Haftpflicht beizutreten, ebenso wie alte anderen Angestellten eines städtischen Schlachthofes. i. Weimar, 18. Januar. Die Leiche des Generalnnxsikdirektors Dr. Eduard Lassen, des früheren langjährigen großherzoglichen Hofkapellmeisters, wurde heute nachmittag unter großer Beteiligung auf hiesigem Friedhof bestattet. Das Begräbnis fand ohne geistliche Amtierung statt, da der Verstorbene, der bekanntlich Israeli t war, eine solche nicht gewünscht hatte. Rach einer kurzen westlichen Trauerfeier in der nahe dem Friedhof gelegenen Wohnung Lassens wurde der Sarg unter Vorantritt der hiesigen Militärkapelle zum Friedhof gefahren, gefolgt von den Vertretern des Großherzogs und der Großherzogin, unter anderem dem Hofmarschall und Genera'lädjutanten von Palezieux, dem Flügeladjutanten Grafen von Schlieffen und dem Oberhofmeister Grasen vvn Medem, ferner vom Generalintendanten des Hofthears von Vigneau/ den männlichen Mitgliedern des Hostheaters, vielen in Weimar lebenden Malern und einer großen Zahl sonstiger weimarischer Bürger. Am Grab hielt der Opernregiffeur des Hostheaters, Herr Wiedey, eine kurze, aber aus dem Herzen kommende und zu Herzen gehende Rede, in der er auf das. Wirken des Verstorbenen, seine hohe Künstlerschast und nicht zum wenigsten ans seine vortrefflichen Charaktereigenschaften hinwies. Herr Wiedey betete dann auch das Vaterunser. Dies geschah auf ausdrücklichen Wunsch des Verstorbenen, der, wie Herr Wiedey mitteilte, nur unter diesem Gebet, das ja seinen Ursprung in der väterlichen Religion findet, hatte bestattet sein wollen. An sonstigen Aeußerlichkeiteu hatte die Veisetzungsfeier mir noch einen Grabgesang, den die Herrn des Hoftheaterchors ausführten. Trotz der Schlichtheit der Feier war dieselbe für die zahllose Menge, die ihr beiwohnte, von tiefer Wirkung. Eduard Lassen stammte ans guter jüdischer Familie. Sein Vater war lange Jahre hindurch Präsident des israelitischen Konfistorimns für Belgien, lieber seine musikalische Bedeutung soll noch ausführlicher gehandelt werden. Ehre seinem Andenken! —t. München, 26. Januar. Die Blätter bringen soeben einen langen Armeebefehl, der die interessante Tatsache enthält, daß Mehrere Offiziere der Reserve und Landwehr mit Namen, die auf jüdische Abkunft schließen lassen, zu Hauptlenten ernannt worden sind! Da auf den Namen allein bei den heutigen Verhältnissen nichts mehr zu geben ist, erscheint es nicht sachdienlich, diese Namen hier zu nenüen. Wer die militärischen Verhältnisse kennt, weiß, daß der Weiterdienende wohl seinen Abschied nehmen müßte, wem: er übergangen würde, weshalb eigentlich die Tatsache der Beförderung nicht sehr auffällig ist. Die Ernennung von Inden zur ersten Offiziersstelle ist übrigens heutzutage gegen früher nicht mehr häufig, wenn auch einzelne jüdische Einjährigfreiwillige von hervorragender Führung die Qualifikation zum Reserveoffizier noch zu .erlangen in der Lage sind. i. Karlsruhe, 31. Januar. Der hiesige isra elitische Frauenverein hat soeben seinen Jahresbericht für 1903 verschickte Wir entnehmen demselben folgende Einzelheiten. Der Verein hat jetzt 438 Mitglieder; er hatte im abgelausenen Jahre eine Gesamteixxnahme von 9324,63 Mark, darunter an monatlichen und jährlichen Beiträgen 2524,62 Mark, Zinsen aus dem Vereinsvermögen und der Regine Nathan Levischen Stiftung 1629,20 Mark, Geschenke und Legate 1746,50 Mark. Verausgabt wurden für Wochengelder an Kranke 607 Mark, Wöchnerinnen 336 Mark, Rekonvaleszenten 314,12 Mark, für Bäder und Badereisen (Badekuren) 1109,34 Mark, Medikamente 1640,14 Mark, Verpflegungen 55 Mark, Verpflichtungen an Todestagen 131,10 Mark re. Das Verein svermö gen besteht in Kapitalien aus 41 385,72 Mark, ferner aus der Regine Levi-Stiftung im Betrage von 5142,85 Mark. Der Vorstand besteht aus den Frauen Berta Gutmann, Jenny Wormser, Therese Ettlinger, Dr. Appel, Justine Levinger, Medizinalrat Seligmann und den Herren Stadtrat Fritz Hamburger, Rudolf Hermann und Praktischer Arzt Dr. Richard Seeligmann. — In der Nacht vom 24. auf den 25. d. M. ist hier Herr Sa mn el Strauß, ein in ganz Süddeutschland wegen seiner Frömmigkeit und Wohltätigkeit hochangesehener Mann, der Begründer der hiesigen israelitischen Religionsgesellschaft, im 66. Lebensjahre gestorben. Ehre seinem Andenken! Gesterreich-Anvarn. □ mat, 1. Februar. Bekanntlich wütet hier seit einiger Zeit ein harter Kampf um die 29 Mandate der Wiener Aerztekammer und die gleiche Zahl von Ersatzmandaten. Nun hat die von den 18 ärztlichen Standesvereinen vorgeschlagene Konipromißliste gesiegt, und die christlichsozialen Kandidaten sind unterlegen. Es wurden insgesamt an 1900 Stimmen abgegeben, von denen 1050 an die Kompromißkandidaten, 830 Stimmen auf die Christlichsozialen entfielen.