Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1904)
- Date
- 1904-02-05
- Page
- Seite 72 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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72 Der Jüngling war so aufgeregt, so erbittert^ das; er am liebsten laut geschrieen und getobt Hätte. ' Z Er lief in den Wald, um keinen Menschen zu sehen. Die Ideale . Heinrichs von dein frischen, fröhlichen Studentenleben, von der Freundschaft mit den Komuülitionen,. schwanden rasch. Er war mißtrauisch geworden-und suchte keinen innigeren Verkehr, weil er eine Abweisung fürchtete. Er spielte seit einigen Abenden Schach mit einen: jungen Manne, der sich ihm als Student Dorn vorgestellt. Dorn, der im vierten Semester Medizin studierte, fonntc Heinrich viel interessantes von den verschiedenen Universitäten, die er besucht, erzählen. Plötzlich sagte er: „Wie kommt es, daß ich Sie immer allein sehe; haben Sie gar keine Freunde, keine Bekannte hier?" Heinrich, der froh war, sich einnull aussprechen zu können, erzählte, 'was ihn: mit seinen: Freunde Hans passiert. „So bin ich mißtrauisch geworden, weil ich in jedem Kommilitonen einen Korpsburschen vernuiten n:uß, der mit keinem Juden verkehren wird. Weiß ich doch nicht, wie Sie jetzt denken, da Sie nun wisse::, daß ich Jude bin." Dorn antwortete phlegmatisch: „Ich gedenke mit Ihnen den Verkehr deshalb nicht abznbrechen, denn ich bin auch Jude." Heinrich sah ihn erfreut an und reichte ihn: die Hand. „Ich habe in Ihnen keinen Glaubensgenossen vermutet." „Ich mauschle auch nicht," fuhr Dorn fort, „aber Sie dürfen das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Man wird doch nicht gerade pan Jedem zurückgewiesen." „Was mir aber Hans getan, werde ich nienulls vergessen." „Das Benehmen Ihres Freundes ist wohl zu begreife::. Er hört von den Kommilitonen, daß die Juden in den Korps gänzlich ausgeschlossen sind, daß sie in: Studentenleben eine:: Fremdkörper bilden, daß der Umgang nüt ihnen verpönt ist. Er hatte zu wählen zwischen den: Korps, der Freundschaft und dem Verkehr nüt seinen christlichen Genossen einerseits und dem Juden anderseits." Heinrich sagte finster: „Ich habe nicht Lust, inuner als Paria zu leben. Man wäre aus der ganzen: Misere heraus, wenn mm: sich taufen ließe." Dorn antwortete ruhig: „Was hätten Sie von den: Soldaten, der sein Regiment in schlechter Position sieht und znm Feinde desertiert? Ich nenne den Mann, der seine Kameraden, seine Fahne feig verläßt, einen Schuft." Heiurich schwieg eine Weile, dann rief er: „Sie haben Recht. Es giebt aber auch noch edler denkende Menschen. Mein Schwager beispielsweise ist ein Christ in höherer Beamtenstellung, sogar in der Reichshauptstadt. Meine Schwester ist Jüdin geblieben, er ist meinen Eltern ein lieber Sohn und mir ein lieber Bruder." „Wie lange ist Ihre Frau Sch:vester vermählt?" „Seit etwa vier Monaten." „Hn:, also noch die Honigmonde." „Ja, und im Wintersemester studiere ich in Berlin. Dort :verde ich bei meinen:'Schwager mit der besten Gesellschaft Verkehren, die ebenso wenig einen Unterschied zwischen Juden und Christen finden, wie mein Schwager." „Ich zweifle ebenfalls nicht, daß bei Ihrer Familie alles in eitel Toleranz glänzen wird. Aber die Zurücksetzung der Juden :verden. Sie auch bei den Berliner Studenten finden. — Das sind , aber in der Tat eigentümliche Gespräche für Studenten, denen eigentlich jeder finstere Gedanke fern bleiben sollte. Ich lade Sie auf morgen abend zu der Kneipe einiger Mediziner ein. Da sollen Sie Ihre gute Laune wiederfinden und wir :verden nur unter uns Juden sein." Heinrich sagte freudig zu. Zur festgesetzten Zeit holte Dorn ihn ab, sie gingen in die Kneipe, wo sie schon etwa ein halbes' Dutzend Studenten in fröhlichem Gespräche trafen. Der junge Jurist wurde willkommen geheißen, und da war er, der so lange einsam gewesen, wirklich glücklich. Er erschloß sein Herz ganz seinen neuen Freunden und fand nun, bei Wein und Gesang, endlich die Poesie des Studentenlebens, um die er seine Kommilitonen so sehr beneidet hatte. Beim Heimweg zu sehr vorgerückter Stunde, als sich die anderen Studenten von ihn: und Dorn getrennt, fragte ihn letzterer, wie er sich unterhalten. * Heinrich blieb stehen, faßte Dorn an: Ar:n und rief: „Ich bin so glücklich, wie lange nicht mehr, und ich glaube," fetzte er leise hinzu, „so wahrhaft vergnügt kann ich nur noch bei Inden sein." (Fortsetzung folgt.) ' Literarische Mitteilungen. --- Die in Nr. 3 gemachte Mitteilung, wonach die „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" 'auf Antrag des Herrn Geheimrats Professor Dr. Cohen-Marburg nach Empfehlungen der Herren Professoren Goldziher und Nöldecke beschlossen hat, die Herausgabe des arabischen Originaltextes von Uaebjäs Chobot llalebabot zu subventionieren, hat gewiß alle Freunde der jüdischen Wissenschaft sehr erfreut. Es verdient mitgeteilt zu werden,' das; der Herausgeber, Dr. phil. A. S. Pahuda seine Arbeit so weit gefördert hat, das; die Drucklegung schon in nächster Zeit beginnen wird. Dr. Iahudä, ein junger Orientale und vorzüglicher Orientalist, der jüngst in Straßburg i. E. unter Nöldeke seine akademischen Studien mit großer Auszeichnung absolvierte, hat bereits im Sommer 1902 in Oxford und Paris die arabischen Handschriften von Bachjas Werk studiert und für seine Ausgabe benutzt. Mit diesen hat er in letzter Zeit die in der kaiserlichen öffentlichen Biblothek in St. Petersburg liegenden größeren Fragmente des genannten. Wertes während eines längeren Aufenthalts in der russischen Hauptstadt verglichen. Der von ihm kritisch bearbeitete Text hat in größeren Partien nebst einer sehr ausführlichen Einleitung der Straßburger philosophischen Fakultät Vorgelege;: und wurde als Zibellus industria, diligentia, doctrina el sagacitate conspicuus“ charakterisiert. Die erwähnte Einleitung nebst einer größeren Textbeitage befindet sich bereits im Druck. Vielleicht darf schon bei dieser Gelegenheit verraten werden, daß die Herausgabe des Originaltextes von Bachjas Werk nur den ersten Band eines größeren literarischen Unternehmens bildet, nämlich der Herausgabe der Klassiker der jüdisch-arabischen Neligiousphilosophie in Originaltexten nebst deutschen Uebersetzungen und Erläuterungen. Die arabischen Originaltexte wird Herr Dr. Hahuda allein herausgeben und bearbeiten, die Uebersetzungen und Erläuterungen in Gemeinschaft mit Herrn Rabbiner Dr. Selver in D arm st a dt. Die Vorarbeiten hierfür sind schon in Angriff genommen. Band II dieses Unternehmens, bezw. Band I der zweiten Abteilung wird die erste aus dem arabischen Original geflossene deutsche Uebersetzung des herrlichen Werkes von Bachja bilden. M. E. HNrechssal. Geehrter Herr Redakteur! ^ln Nummer 4 Ihres geschätzten Blattes für das laufende Jahr ist aus unserem Verein berichtet worden, daß derselbe an Jahresnnterstützungen 200 Mark bewilligt. Hier liegt ein Versehen vor. Nicht 200, sondern 200 0 Mark sind neben bedeutenden außerordentlichen, an lausenden Unterstützungen gezahlt worden. Lissa, 25. Januar. Der Vorstand des Israel. Kranken -Un terstützungs-Vereins. Druck und Verlag van Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.