Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1904)
- Date
- 1904-02-05
- Page
- Seite 71 (sequence 11)
- Language
- German
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71 an vielen Stellen noch erheblich günstiger nnd richtiger ausgefallen, wenn er nicht an eine oft mangelhafte Uebersetzung gebunden gewesen wäre. ' So wird — Seite 129 — die Erörterung der Tätmudstelle (Sanhedrin 49a) über den Ort angeführt, wo Abner denAsael mit der Waffe.getroffen hat. Hier, sagt Ebstein, „gibt R. Jochanan bei Beschreibung der Körperstelle, an welcher Asael gestochen lvorden war, an, daß sich an der fünften Rippe die Galle und die Leber befinden. . . Es hat den Anschein, als hätte man Leber und Galle in den Brustraum, unb zwar letztere höher als die erstere verlegen wollen." Es wäre in der Tat für die anatomischen Kenntnisse der Talmudisten sehr kompromittierend, wenn sie der Meinung gewesen wären, daß die Leber und die Galle in der Brusthöhle liegen. Tatsächlich waren sie aber über die wirklichen Verhältnisse sehr gut orientiert. Falsch ist hier nur — die Goldschmidtsche Uebersetzung der angeführten Talmudstelle. Die richtige wörtliche Nebersetzung lautet nämlich so: „Rabbi Jochanan sagte, (er traf ihn) an der fünften Rippe, dort, wo die Gallenblase mit der Leber aufgehüngt ist". .Und das ist anatomisch ganz exakt bezeichnet. Wenn man in der Gegend der fünften Rippe horizontal an einer bestimmten Stelle einsticht, so trifft man genau den Ort,, wo Leber (mit Gallenblase) au dem Zwerchfell aufgehüngt ist! Man gelangt also hier noch in die Bauchhöhle. Die Talmudisten wußten also wohl, daß die Leber und Gallenblase unterhalb des Zwerchfells, also in der Bauchhöhle liegen. Auch ist es nicht richtig, daß die Talmudisten, wie Ebstein vermutet, das Zwerchfell nicht gekannt haben. Ich brauche nur auf die Stelle Ehullin 46 a hinzuweisen, wo es mit tPSHSD bezeichnet wird. Ebstein gelangt sogar zu dem Urteil, daß es auch mit der Kenntnis von der Lage und Anordnung der Halsorgane bei den Talmudisten schlecht bestellt war. Schon a priori muß man doch annehmen, daß jene Gelehrten, die über das Schächten die allereingehendsten Vorschriften machten, die grobanatomischen Verhältnisse der Halsorgane gekannt haben mußten. Tatsächlich basiert jenes abfällige Urteil auf der bekannten Stelle — Taanith 5b— „man darf beim Essen nicht sprechen." Die vier folgenden Worte übersetzt Goldschmidt schlecht und Katzenelson noch schlechter: „damit nicht die Kehle vor die Speiseröhre sich lagere." Das ist eine anatomische Unmöglichkeit. Die richtige sinngemäße Uebersetzung lautet aber: „damit nicht die Luftröhre in Funktion trete, d. h. den Bissen aufzunehmen, bevor es die Speiseröhre tut." Beim Schlingakt ist nüullich die Luftröhre durch den horizontal sich lagernden Kehldeckel verschlossen und der Bissen gleitet über diesen hinweg in die hinter der Luftröhre liegende Speiseröhre. Beim Sprechen richtet sich der Kehldeckel senkrecht auf, und die Luftröhre ist offen. Spricht man nun beim Essen, so kann der Bissen oder ein Teil desselben in die offene Luftröhre eindringen. Dann kommt es zu einem Erstickungsanfall. Daß dieser Vorgang, der selbst auf den Laien den Eindruck einer drohenden Gefahr macht, dem R. Jochanan bekannt war, beweist ja der Nachsatz h Auch an anderen Stellen hat sich die Gvldschmidtsche Talmndübersetznng nicht als zuverlässige Führerin gezeigt. Sv z. N. im Berachoth fol. 55 a: um Goldschmidt übersetzt: „Zehn Dinge bringen dem Menschen Nnterleibsschmerzen . . . das papillöse Fleisch des Viehes." Ebstein bemerkt hierzu: „Was unter papillvsem Fleisch verstanden werden soll, ist mir nicht klar." Tatsächlich ist aber die Uebersetzung fälsch: Zunächst ist taebtonfiot — Verdanungsbeschwerden und morigeli beliemah bedeutet nach dem Aruch: der rauhe Teil des Gaumens. Dieser ist schwer verdaulich lind erzeugt wirklich Verdanungsbeschwerden. „man setzt sich einer Gefahr aus". Es kann selbstredend rächt behauptet werden, daß die anatomischen Verhältnisse des ganzen Körpers den Talmudisten bekannt waren. Zn solchen Kenntnissen konnten sie schon deshalb nicht gelangen, iveil sie an menschlichen Leichen keine Sektion machen durften. Diesen Mangel haben sie aber reichlich ersetzt durch eine minutiös ausgebildete Diätetik und durch einen scharfen Blick für krankhafte Zustände mit ihren Ursachen. Wenn man bedenkt, lvie Primitiv und mangelhaft ihre Forschungsmittel waren im Vergleich zu denjenigen, die den Aerzten späterer Zeit zur Verfügung standen, so muß man den Leistungen der Talmudisten auf medizinischem Gebiete, die wir dnrch Ebsteins Werk kennen lernen, bewundernde Anerkennung zusprechen. Linder unterer Leit. Roman von Jacob Le vH. Kapitel 17. Heinrich Berger' war mit seinem Freund Hans Lukas in Heidelberg. Die jungen Leute waren seelenvergnügt, hatten gemeinschaftlich eine hübsche Wohnung, hörten gleiche Vorlesungen und waren überhaupt fast „Heinz, wir werden aktiv bei der Frankvborussia." Einige Tage später kam Hans heim und sagte in großer Aufregung: „Heinz, es ist eine fatale Geschichte, sie wollen Dich als Juden nicht aufnehmen." Heinrich erwiderte gleichmütig: „Dann lassen sie es bleiben. Ich dachte es mir, deshalb habe ich auch persönlich keinen Schritt für die Aufnahme getan." Hans wurde also Fuchs bei den Frankoborussen und war jetzt nicht mehr soviel mit Heinrich zusammen. Wieder nach einigen Tagen kam Hans nach Hause und stotterte in sichtlicher Verlegenheit. „Heinrich, ich habe Dir wieder eine Eröffnung zu machen, die mir in der Tat schwer wird." „Nun heraus damit, älter Junge, was kann denn das schlimmes sein? Hast Du etwa Schulden gemacht?" „Nein, wäre es nur das! Aber sie verlangen — es fällt mir wirklich schwer, zu sagen — daß ich den intimen jüdischen Verkehr aufgebe, — daß ich ausziehe." „Und was hast Du ihnen geantwortet?" fragte Heinrich langsam. „Du mußt nicht böse sein, aber ich konnte wirklich nicht anders. Ich habe bereits eine andere Wohnung, das heißt, sie haben sie mir ohne mein Dazutun gemietet."!> „Hans, jetzt kennen wir uns schon zehn Jahre. Neun Jahre lang waren wir in der Klasse zusaunuen, zrr Hause waren wir immer beieinander. Dn kennst Deine neuen Freunde erst einige Tage, und dafür kannst Du mich opfern!" „Ja Heinz, das ist ja alles richtig, aber Du bist doch ein Jude, ich ein Germane; nun, wir können ja doch Freunde bleiben." „Brechen - nur ab. Ich gehe jetzt aus und hoffe, beim Nachhausekommen die Wohnung gerämut zu finden."' „Heinz . . ." „Ich denke, wir haben ausgesprochen miteinander," die Stimme Heinrichs überschlug sich, er nahm seinen Hirt und eilte hinaus.