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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-02-05 · Heft 6 (5.2.1904) · p. Seite 69

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 6 (5.2.1904)
Date
1904-02-05
Page
Seite 69 (sequence 9)
Language
German
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spricht. Uebrigens haben wir in diesen Briefen schon erwähnt: nach unseren Wiener Unchristlich-Nichtsoziälen Vom „goldenen Luchsen", sind die Juden auch am trojanischen und dreißigjährigen Kriege schuld. Heinrich IV. wurde auf Veranlassung von Juden ermordet, und, wenn zufällig ein Wiener antisemitischer Wechselstubenbesitzer „Pleite macht", wie man bei Ihnen in Nvrddeutschland so. poetisch sagt, dann war gewiß sein Großvater ein jüdischer Händler mit rohen Häuten, wie Gregorig ein solcher mit Roheiten ist. Der Witz ist zwar nicht von mir, aber trotzdem nicht gut. Und was den österreichischen Export 'anlangt, so kann er kein blühender sein, weil ein gewisser Hirsch Stiesel nach dem Balkan liefert, die nach einem halben Jahre wirklich reißen, wie Schneider urbi et orhi ad oculos demonstrierte. Sie sehen, Schneider ist ein gebildeter Mensch, dem sein Latein noch nicht ganz ausgegangen ist. Und Hirschens Stiefel zeigt, wie die gloria mumll untergeht. Doch, um ans unseren eingangs erwähnten Ghettospruch zurückzukommen : uns ist es nicht zum Lachen, denn der Narr ist unser. Dieser sogenannte Rassenantisemitismus, der alle Sünden, auch die des Erzbischofs Kohn, den Juden in die Schuhe schiebt, greift wie eine Epidemie um sich. Er wirkt zersetzend auf Schule und Leben. Unsere öffentlichen Schulen sind nicht selten die Züchter des Antisemitismus. Die Herren Lehrer machen geistreich sein sollende Witze über die Juden, die Herren Buben wissen sich nicht früh genug darin zu üben, und unsere Juden - sie lächeln dazu, meinen immer, inan denke an den lieben Nachbar, und lassen sich taufen. Darum ist es uns gar nicht lächerlich zu Akute. Die Pest greift immer mehr um sich, die Pest, deren Saat in öffentlichen Versammlungen, in Zeitungen, in Kirchen und Schulen ausgestreut wird. — Namentlich die Schulen welche die Pflanzstätten des Wissens sein sollten, sind oft die Quellen der rohesten antisemitischen Verhetzung. Manche unserer Herren Lehrer lassen in ihren Büchereien die edelsten Werke vom Staube zerfressen, lesen aber mit Eifer Chambcrtains Offenbarungen „über die Grundlagen des 19. Jahrhunderts." So wächst uns ein Geschlecht empor, das von Sudermann in seinem neuesten Werke nicht übel geschildert wird. Was lverden dies für Lehrer, Richter, Anwälte, Aerzte und ' leider auch Theologen werden, die schon in der Jugend das Gift des Rassenhasses mit Gier einsogen! Das werden Gregorigs sein, denen ein Jubiläum der Semmeringbahn veräbscheuungswürdig ist, weil die Südbahn angeblich Rothschild gehört. Ein nicht ganz unbekannter Ingenieur, ein wahres Genie, hat die Semmeringbahn vor 50 Jahren geschaffen, Ghega war sein Raine, er war kein Jnde und er hat den österreichischen Namen zu Ehren gebracht. Nun wird die Erinnerung an sein großes Werk wachgerusen, und siehe, da kommt Gregorig, und ruft es laut aus, die Südbahn sei verjudet, daher sei auch Lueger eilt Judengenosse, wenn er zur Feier des Semmeringjubilüums .auffordert. Man kann den Wahnsinn nicht weiter treiben. Was Sie in einem Leitartikel Ihres geschätzten Blattes über den Erzbischof Kohn schreiben, habe ich Ihnen vor langer Zeit schon in einein Briefe mitgeteilt. Wir wollen Kohn nicht verteidigen, er verdient es nicht, denn er, dessen Großvater jüdischen Hausierern Häute verkaufte und dann Renegat wurde, ist ein ausgewachsener Antisemit. Aber ihn traf die Nemesis. Der Name Kohn brachte ihn zum Falle. Wäre nur irgend ein Liechtenstein oder Hohenstein oder Dietrichstein auf dem sürsterzbischöflichen Stuhle gesessen, und hätte er es noch ärger und bunter getrieben als Kohn, das Domkapitel hätte nicht gegen ihn intriguiert. Denn Nachweisen kann man ja Kohn gar nichts von dem, dessen er angeklagt ist. Kohn unterrichtete, ehe er Erzbischof wurde, an der Olmützer theologischen Fakultät Dogmatik; er wird als glaubensstarker Katholik wissen, was ein Geistlicher tun darf und was er unterlassen muß. Aber Kohn heißen darf man heute nicht, wenn man die Millionen-Revenuen des Olmützer Erzbistums haben will. Nein, uns ist es nicht zum Lachen, wenn wir sehen, wie aüs alledem unsere Juden doch nicht ihre Lehren ziehen wollen. Sie fühlen sich noch immer geschmeichelt, wenn sie irgend ein Antisemit eines Fußtrittes würdigt, ihre Kinder belehren sie in der japanischen Literatur und im unsinnigsten Sport, nur nicht in unserer Religion. Die jüdische jeunesse bornbe radebricht in allen modernen Sprachen, und kann das Schema Jisroel nicht übersetzen, lieber alles Jüdische spottet man in unseren Kreisen, und erklärt die Jugend für überbürdet, wenn man von ihr nicht nur lateinische Floskeln, sondern auch etwas Kenntnisse im Hebräischen verlangt, und schließlich fühlt man sich geehrt, wenn man sagt, man habe in der Familie einen Sohn oder eine Tochter, einen Neffen oder eine Nichte, sie seien aber — übergetreten. Wir sind keine Fanatiker, aber wir denken, die Schneiders und Gregorigs, die antisemitische Nassenepidemie, die über 'uns gekommen ist, sehe einer Nemesis verzweifelt ähnlich — mipne cbatuenu. Darum möchtenwir auch über den Talmudgelehrten Schneider lachen, und spotten über den schweinsledernen Eisenmenger (gedruckt 1700) — wenn der Narr nicht unser wäre. Iwri. Die MrM?m im Talmud. Von Dr. med. Emanuel Fink, Hamburg. an hat den Talmud mit dem Meere verglichen. Dieses grandiose Werk, das zu den merkwürdigsten der ganzen Weltliteratur gehört, gleicht in der Tat dem Weltmeer an Umfang und Tiefe. Jeder, der hier eine Forschungsreise unternimmt, kann, wenn er zu sehen und zu verstehen vernrag, mit reichen Schützen beladen hcimkehrcn. Geschichtsforscher, Kutturhistoriker, Religionsphilosophen, Mediziner, Juristen und Vertreter vieler anderer Wissenschaften, sie schöpfen, jeder auf seinem Gebiete, schon seit geraunter Zeit ans dem Talmnd, und inuuer nette interessante Ergelutisse werden zu Tage gefördert. Das hat neuerdings wieder der berühmte Göttinger Kliniker Professor Wilhelm Ebstein') in Bezug auf die medizinische Wissenschaft gezeigt. Seit Jahren mit medico-historischen Studien beschäftigt, hat er nun auch den Talmud auf feinen medizinischen Inhalt untersucht. Das Ergebnis, seiner Forschungen liegt in einent sehr interessant und fesselnd geschriebenen Werke vor. Schon vor ihm haben freilich mehrere Autoren sich auf gleichem Gebiete versucht. Ich nenne nur Berget, Preuß trnd Katzenelsvn. Bergel gibt uns über das hier zu berücksichtigende Gesamtgebiet nur einen ganz flüchtigen Ueberblick, der übrigens noch eine Fülle falscher Auffassung und Darstellung medizinischer Fragen enthält, was bei einem Nichtmediziner wie Bergel unvermeidlich ist. Katzenelson und Prenß behandeln nur einzelne medizinische Gebiete des Talmud. Ebstein gibt uns aber eine Darstellung des Gesamtgebiets, so daß wir uns ein ungefähr abschließendes Urteil bilden können übev das, was die Gelehrten des Talmud von der medizinischen Wissenschaft wußten und sie über einzelne Fragen dachten. Ebstein konnte nämlich den ganzen Taltttud nicht berücksichtigen, weil er ihn im Urtext zu lesen nicht vermag h Die Medizin im neuen Testament mrd im Talmud von Dr. Wilhelm Ebstein, Geheimer Medizinalrat o. ö. Professor der Medizin in Göttingen. Stuttgart, Verlag von Ferdinand Enke. 1903.

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