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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-02-05 · Heft 6 (5.2.1904) · p. Seite 68

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 6 (5.2.1904)
Date
1904-02-05
Page
Seite 68 (sequence 8)
Language
German
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Aber auch die selteneren Besucher sind aus dem Elternhause, dem Religionsunterrichte, dem Gottesdienste ihrer Jugendzeit mit ihm vertraut, und es ist mit seinen Gebeten und Erinnerungen in jeder Beziehung geeignet, sie zur Andacht und zur verständnisvollen Teilnahme am Gottesdienste zu sichren. Ferner empfehle ich ganz analog dem Ritus der Kaiserstraße die Weglassung einer Orgel. Die religiösen Gründe, die gegen ihre Verwendung in der Synagoge seit jeher geltend gemacht wurden, sind die Tatsache, daß sie seit Jahrhunderten als eine spezifische Einrichtung der christlichen Kirche gilt und daß an Sabbat und Feiertagen das Spielen musikalischer Instrumente überhaupt unterbleiben soll. Die Berechtigung dieser religiösen Gründe ist von anderer Seite bestritten und die Orgel ist in vielen Gemeinden eingeführt worden. Aber sie hat nicht aufgehört, eine Streitfrage der Parteien zu bleiben. Sie hat vielfach zu heftigen Kämpfen und Spaltungen geführt und in den meisten Orten, in denen sie eingeführt ist, haben sich nicht nur die alten Synagogen ohne Orgel erhalten, sondern es sind auch, einem vielfach vorhandenen Bedürfnisse entsprechend, neue, neben und nach ihnen errichtet worden. Und diese bilden auch in den großer: Gemeinden die Mehrzahl urrd haben in der Regel die meisten Besucher. Die religiöse Richtung, der ich angehöre, die von dem Seminardirektor Dr. Frankel in Breslau (seligen Angedenkens) begründete historische Schule, hält es nicht für gerechtfertigt, daß, wie es> von orthodoxer Seite geschehen ist, die Teilnahme am Gottesdienste in einer Orgelsynagoge verweigert wird. Sie sieht in der Einführung einer Orgel nicht sowohl eine Nachahmung des christlichen Kultus, wie eine Bekundung des religiösen Liberalismus. Aber auch sie — und darin findet sie die Zustimmung selbst bei Rabbinern, die der religiösen Tradition sehr frei gegenüberstehell — hält die Orgel für eine dem jüdischen Gottesdienste wesentlich srenrde Einrichtung und den Wunsch nach ihr nur beachtenswert als ein Symptom des geminderten religiösen Sinnes unserer Zeit, der, im Bewußtsein seiner eigenen Schwäche, von beit Tönen der Orgel religiöse Anregung und weihevolle Stimmung erwartet. Aber auch dieses berechtigte Bedürfnis lvird noch besser als dllrch eine Orgel durch einen wohlgeordneten Gottesdiellst und einen gut geschulten Chor, dem die Gemeinde sich anschließen kann, befriedigt. Große Gemeinden mit einer zahlreichen gebildeten Mitgliederschaft, lvie Wien, Hamburg, Hannover, Köln, Amsterdam, London, haben in ihren Synagogen ohne Orgel einen schönen, erhebenden, vielbesuchten Gottesdienst. Und die alte Synagoge hier, wie diejenige in der Kaiserstraße, zeigen an jedem Sabbath wie an den hohen Feiertagen, daß es dieses künstlichen Hilfsmittels nicht bedarf, um eine zahlreiche Schar von Besuchern, selbst aus entfernten Stadtteilen in ihre Räume zu führen irnd ihnen religiöse Erbauung und Erhebung zu gewähren." — Rabbiner Dr. Bl innen t h al erachtet die Einführung des Ritus der Kaiserstraßen-Synagogemit Orgel für angezeigt. „Soweit ich," schreibt er, „die religiösen Anschauungen der in der Umgegend der Rhkestraße wohnenden Gemeindemitglieder kenne, neigen dieselben zu einer gemäßigt konservativen Auffassung des Judentums hin. Wenn auch vielleicht nur ein geringer Teil der Adjazenten der im Bau begriffenen Synagoge das jüdische Religionsgesetz in seinem ganzen Umfange kennt und beobachtet, so wünschen doch wohl die meisten von ihnen an einem Gottesdienste teilzunehmen, dessen Liturgie sich im wesentlichen auf dem alten, ihnen durch Erziehung und Gewohnheit vertrauten Gebetbuch aufbaut. An den wenigen deutschen Gebeten, die in der Synagoge Kaiserstraße beim Beginn des Sabbats und der Festtage, beim Aus- und Einheben der Thora und an sonstigen feierlichen Stellen der Liturgie gesprochen werden, würden die in Betracht kommenden Gemeindemitglieder verstäkrdigerweise kaum Allstoß nehmen, dahingegeil ist die Befürchtimg wohl nicht abzuweistn, daß etwelche unter ihnen sich mit den Kürzungen und Textänderungen, die das Gebetbuch der neuen Synagoge aufweist, nicht befreunden würden. Solche immerhin im religiösen Gefühl wurzelnde Empfindungen möglichst zu schonen, halte ich für eine Billigkeitspflicht unserer Gemeinde, die freisinnig genug sein darf, keinen Gewissens- . zwang auszuüben und jedem aufrichtigen, durch Pietät geheiligten, religiösen Bedürfnisse Befriedigung zu verschaffen. Hiermit aber, glaube ich, ist den berechtigtell Forderungen der Adjazenten der im Bau begriffenen Synagoge auf Berücksichtigung ihrer religiösen Grundanschauung genügt, und es will mir ein weiteres Eingehen auf Parteimeinungen, wie die von der religionsgesetzlichen Unzulässigkeit der Orgel eine ist, nicht allgezeigt erscheinen. Wenn in neuerer Zeit selbst kleine oder mittlere konservative Gemeinden, wie z. B. Krotoschin, Ratibor, Beutheu, Thorn u. a., zur Einführung der Orgel schreiten, so ist das meines Erachtens ein Beweis dafür, daß die Erkenntnis von der Unentbehrlichkeit der musikalischen Begleitung für die Weihe und Würde des Gottesdienstes sich auch in den Kreisen der deutschen Judenheit mehr und mehr Bahn bricht, die in ihr bis vor kurzem eine unstatthafte Neuerung erblickten. Da es sich hier tatsächlich nur um eine künstlich zu einer religiösen aufgebauschten Zweckmäßigkeitssrage handelt, da ferner die' Orgel erfahrungsgemäß in den früher vielfach verunstalteten und verunzierten Gottesdienst der Synagoge Harmonie, Ruhe und Ordnung gebracht hat, da endlich itt großen architektonisch gebauten Synagogen der Chor allein nicht ausreicht, um die Gemeinde zur aktiven Beteiligung an dell für sie bestimmten Gesängen zu erziehen, so erachte ich es für das gute Recht und zugleich für die ernste Pflicht der Verwaltung der größten Gemeinde Deutschlands, sich bei Neubautell vor: Synagogen nicht durch etwa hier und da noch herrschende Vorurteile von der immer inehr als zweckmäßig erkannten Einführung der Orgel ableilken zu lassen. Der sicher nur geringe Bruchteil der Adjazenten der im Bau begriffenen Synagoge, der auch heute lloch an der Orgel lvie an jedem zeitgemäßen Fortschritte als an einer vermeilltlichen Verletzung des Religionsgesetzes Anstoß nimmt, würde es in jeden: Falle nach wie vor vorziehen, die in jener Gegend existierender: Privatsynagogen zu besuchen; die überwiegende Mehrzahl aber würde ineines Erachtens bei einer etwaigen Enquete sich zweifellos für die Einführung der Orgel arlssprechen." Lriek aus Lrlterreich. , Ende Januar 1904. ^ch möcht' auch lachen, wenn der Narr nicht mein war'," dieser Spruch wurde in unserer „Gasse" mit Vorliebe gebraucht. Und an ihn wurden wir erinnert, als der Don Quijote unseres Neichsrats und jetziges Delegationsmitglied, der durch seine Kunstfertigkeit im Fabrizieren von Stampiglien und als Stimmzetteleskamoteur in weiteren Kreisen bekannt gewordene „Mechanikus" Schneider auszog, um mit dem unseligen (Verneinungswort für seligen) Eisenmenger die Jude:: wieder einmal totzuschlagen. Die Delegationen unseres Reichsrats ftnb sicherlich friedliche, fast hätte ich gesagt zahme Versammlungen. Da kommen die Herren von Zeit zu Zeit zusammen, seicht und langweilig fließen die Reden der Herren Delegierten hin, die Herren Tschechen bringen ihre Postulate in äußeren Angelegenheiten vor, der Herr Minister des Auswärtigen besänftigt sie, unser „gemeinsamer" Kriegsminister, wie man hier so schön sagt, bringt in zärtlichem Tone die Forderungen wegen neuer Geschütze und anderer nützlicher und unbedingt -notwendiger Geräte vor, der „gemeinsame" Finanzminister meint, zum Kriegführen brauche man Geld, Geld und wieder Geld, und die Delegierten sind mit allem einverstanden. Und diese friedliche Idylle stört nun Schneider mit Eisenmenger, der Papstwahl und dem österreichischen Export. Eisenmenger, der ist für Schneider der wahrhaftige Interpret des Talmuds, und dieser lehrt, Schneider sei ein Tier und jeder Jude ein Engel. Magst ruhig sein, lieb' Schneiderlein, über den ersten Teil deiner Behauptung wollen wir nicht diskutieren, aber der zweite Teil ist sicherlich unwahr. Die Papstwahl ist nach Schneider von polnischen Juden gemacht worden. Was er über den heiligen Geist gesagt hat, übergehen wir und bedecken es mit dem Mantel jüdischer Barmherzigkeit. Herr, verzeih ihm, er weiß nicht, was er

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