Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1904)
- Date
- 1904-02-05
- Page
- Seite 67 (sequence 7)
- Language
- German
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gutkonservative Rabbiner wie Werner in München, Kroner in Stuttgart, Prager in Kassel, die anfänglich sich ablehnend gegen die Orgel verhielten, diese Opposition aufgaben und allmählich die Bedeutung der Orgel für die Synagoge zu würdigen lernten. Und wer nur einigemale au dem Gottesdienste in unserer Kaiserstraßen-Synagoge teilgenommen hat, — wer da weiß, welche Liebe und Anhänglichkeit, für die ich nie genug, zu danken vermag, von feiten des Publikums jener, Synagoge mir entgegengebracht wird, der wird diese Ausführungen nicht als Ausfluß irgend einer Animosität hinstellen wollen! — Wer das Branden und Brausen des sich drängenden und brechenden Stimmengewirrs, das sich dort, zuweilen bemerkbar macht, und das bald schüchterne, bald laute: Pst! St! eines Herrn Synagogenvorstehers und einzelner Synagogendiener gehört hat; wer, von menschlicher Teilnahme erfüllt, die Qual bemerkt hat, mit der mancher Kantor, ängstlich mit der Stimmgabel bewaffnet, den Ton für den nächsten Anfang sucht; wer da bemerkt, daß auch der Chor, lange ehe er in Aktion treten kann, zu „stimmen" genötigt ist: der wird, von reiner Liebe zu unserem Gotteshause erfüllt und von dem Wunsche geleitet, alles, was die Andacht stört und schädigt, zu scheuchen, unserer Jugend, welcher gute Musik und guter Gesang integrierende Bestandteile einer guten Bildung geworden sind, das Gotteshaus lieb zu machen, zu dem Gedanken geführt: Hier täte eine Orgel not, die all diesen Uebelständen Abhilfe leisten könnte! Aber noch ein anderes ist es, was für die Orgel spricht. Die Entwicklung unseres Gottesdienstes hat dahin geführt, das^ eine Betätigung des Individuums, eine Anteilnahme von feiten der Gemeinde unmöglich geworden ist! Früher hat der Jude gebetet, laut gebetet und damit sich betätigt. Das laute Beten in der Synagoge geht nicht mehr an. Mit Recht! Jetzt aber hört er nur, er hört Kantor oder Chor singen, den Thoravorleser den Abschnitt aus der Schrift vorlesen oder den Rabbiner predigen. Der Synagogenbesucher aber bleibt völlig passiv und, da er auch nicht mehr soviel beten kann, beten nult, wie dieses die Alten taten, ninnnt er gern jede Gelegenheit zur Unterhaltung mit dem Nachbar wahr. Diesem kann einzig und allein der Gemeindegefang ab helfen; der Gemeindegesang aber kann sich nur dort einbürgern, wo die Orgel die vorlauten Stimmen zurückweist, die Nieniger angenehmen deckt und den weniger geschulten Elementen Anleitung zum Singen gibt. Man wende mir nicht ein: Die Einführung des Gemeindegesanges ist eine Utopie! Solcher Behauptung stelle ich die meine entgegen: Was in der kleinsten Dvrfkirche möglich ist, muß auch bei uns möglich sein, nur niüssen sich alle hierbei in Frage kommenden Faktoren vereinen und der Frage den erforderlichen Ernst und die erforderliche Selbstbeschränkung entgegenbringen. Aus dein Gesagten ergibt sich für mich, daß gerade in der Synagoge, die in der Rykestraße gebaut wird, eine Orgel notwendig erscheint, um so mehr, als bisher das Publikum jener Stadtgegend'senre Andacht das Jahr hindurch an Gebetsstätten verrichtet hat, die die Ordnung zu fördern und den: Gottesdienst ein freundliches, unserem großstädtischen Leben angepaßtes Gepräge zu verleihen, in ihren Pflichtenkreis nicht zogen. Das aber ist die unabweisbare Pflicht unserer Gemeinde, die tonangebend und mustergültig für Israels Gemeinden sein soll! Sollten in der dortigen Stadtgegend einzelne sich finden, die an einem Gottesdienst mit Orgel aus religiösen Gründen nicht teilnehmen wollten, — nach meinem Dafürhalten dürften solche nur in geringer Zahl vorhanden sein, da der orthodoxe Teil unserer Gemeinde sich der Adaß-Jisroelgemeinde angeschlossen hat — auch der Umstand, daß die gottesdienstlichen Veranstaltungen unserer Gemeinde zu den hohen Festtagen, die zum größten Teil den Orgelgottesdieust ausgenommen haben, des ungeteilten Beifalls von seiten unserer Gemeindemitglieder sich erfreuen,: bestätigt diese Ansicht — sollten aber dennoch einzelne an einem Festgottesdienst nicht teilnehmen wollen, so werden diese immer Gelegenheit finden, ihr religiöses Bedürfnis zu befriedigen; denn kleine Vereine werden innerhalb unserer Gemeinde stets bestehen, schon aus dem einfachen Grunde, weil sie zu den hohen Feiertagen immer ihr Publikum finden werden und es andererseits nie an Elementen fehlen wird, welche selbst die alte Synagoge nicht befriedigen würde. 2. Betreffs des Ritus für die Rhkestraßen-Synagoge kann ich mich kürzer fassen: Während es sich bei der Orgelsräge im besten Falle um Gewohnheit und Opportunität handelt, denn als rituell verboten erscheint auch anderen konservativen Gemeindemitgliedern die Orgel nicht, handelt es sich bei der Frage nach dem Ritus um gewisse Prinzipien, die nur denen, die sich im Suchen und Ringen um sie gemüht, verständlich sind, um Prinzipien, die aus den Wehen trüber Zeiten geboren, im schwerer: Kampfe errungen worden sind — solche Prinzipien können und sollen nicht jenen, die ihnen ferne stehen, aufgedrängt werden! — es hieße schwere Kämpfe erneuern, denen man besser aus dem Wege geht! Darum halte ich den Gottesdienst, der sich in der Kaiserstraßen-Synagoge eingebürgert hat, einen Ritus, der auf altem Grunde steht, doch hier und da auch ein neueres Gepräge trägt, auch für die in der Rykestraße zu erbauende Synagoge am geeignetsten." — Herr Rabbiner Dr. Stier hat gegen die Einführung des Ritus der neuen Synagoge für die in: Bau begriffene Synagoge Rykestraße prinzipiell nichts einzuwenden. „Die Gemeinde errichtet", so schreibt er weiter, „seit ungefähr einem Jahrzehnt die dritte Synagoge- Vor dieser Zeit war der alte Ritus, da er in zwei von den damals bestehenden drei Synagoge:: eingeführt war, vorherrschend. Da durch den Bau der Synagogen Linden- und Lützowstraße und Einführung des neuen Ritus daselbst, sich das Verhältnis zu Ungunsten des alten Ritus verschoben hat, halte ich es für gerechtfertigt, dem Wunsche des nicht unbeträchtlichen, konservativ gerichteten Teils unserer Gerneinde eutgegenzukommen und für die im Bau befindliche Synagoge den Ritus der Synagoge Kaiserstraße zu empfehlen. Die Antwort auf die Frage: ob mit oder ohne Orgel, müsse von den Anschauungen jener abhängig gemacht werden, auf deren Besuch dort gerechnet wird. Ich habe zu wenig Fühlung mit den Glaubensbrüdern jenes Viertels und kann darüber nicht entscheiden." — Rabbiner Dr. Weisse hält es vor allen: für wünschenswert, daß man die religiösen Empfindungen derjenigen berücksichtige, für die die neue Synagoge in erster Reihe bestimmt ist. „In einer Zeit, wo die religiöse Neigung überaus gering ist und vielleicht gerade deshalb die religiösen Gegensätze starke sind, muß sehr darauf geachtet werden, daß die religiösen Empfindungen nicht verletzt werden. Ich glaube Ihre Anfrage so aufzufassen, daß Sie keine religionsgesetzliche Auseinandersetzung über j den doch seit Jahrzehnten in der hiesigen Gemeinde eingeführten; neuen Ritus und die Orgel wünschen, sondern nur die Meinung j darüber hören wollen, welche religiöse Einrichtungen den rings u:u j die Rykestraße ivohnenden Glaubensgenossen am meisten entsprechen.! Nach den: Eindrücke, den ich durch meine hier geinachten Erfahrungen; gewonnen habe, erscheint mir der Ritus der Kaiserstraße ohne - Orgel als der religiösenAnschauung der ineistenBewohner dieserGegend i am ehesten entsprechend. Dieser Eindruck wird durch die Tatsache! bestätigt, daß alle in dieser Gegend befindlichen kleinen Synagogen j sogar den Ritus unserer ältesten Synagoge beibehalten haben. Es ist! vielleicht auch schon deshalb angemessen, den genannten Ritus einzuführen, da die Anhänger der Orgel keine religiösen Bedenken haben, ’ eine Synagoge, in der die Orgel fehlt, zu besuchen, während die j prinzipiellen Gegner der Orgel gegen die Einführung religiöse Bedenken erheben, bie sie vom Besuch eines mit diesem Instrument aüsgestatteten Bethauses fernhalten würde. Es ist nicht zu verkennen, daß viele Vertreter dieser letzteren Auffassung zu den regelmäßige:: üiid treuesten Besuchern des Gottesdienstes gehören, und daß ihre! Anschauung besonders auch für die neue Synagoge Berücksichtigung! verdient. Schließlich möchte ich die Beinerkung nicht unterdrücken, - daß die Orgel im Judentum nicht die Bedeutung verdient, die ihr! rechts und links beigelegt wird. Sie ist ein äußeres Mittel zur! Hebung des Gottesdienstes, das die einen für überaus wichtig und wirksam halten, während die anderen es aus religiösen und geschichtlichen Gründen ablehnen zu müssen glauben. Das Niveau der religiösen und liberalen Gesinnung kann keineswegs nach der Neigung oder Abneigung der Einrichtung der Orgel gegenüber beurteilt werden." — Herr Rabbiner Dr. Eschelbacher befürwortet auf Grund eigener religiöser Ueberzeugung den Ritus der Kaiserstraße. „Das daselbst eingeführte Gebetbuch ist dasjenige, das seit vielen Ge-! schlechter:: in den deutschen und polnischen Gemeinden im allgemeinen Gebrauche ist, insbesondere auch derjenigen, auf welche die : Synagoge, als aus ihren festen Stau::::, wird zu rechnen haben.