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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-02-05 · Heft 6 (5.2.1904) · p. Seite 66

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 6 (5.2.1904)
Date
1904-02-05
Page
Seite 66 (sequence 6)
Language
German
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66 — sondern auch den Inhalt der Gebete unangetastet läßt, dem Standpunkte dieser Gemeindemitglieder am adäquatesten sein dürsten Was dieser Gottesdienst neues enthält, bezweckt lediglich die Kürzung und- Beseelung desselben, erstere durch die sofortige Nezitierung der Tefilla, letztere durch Einfügung einiger deutscher Gebete und Lieder; und das ist es gerade, was diese Mitglieder erhoffen und erwarten, wenn sie ans der Winkelsynagoge ausziehen, um sich an dem Gottesdienst zu erbauen, den ihnen die Verwaltung der „großer:" Gemeinde einrichtet. Dagegen glaube ich ans derselben Kenntnis der Gemeinde heraus unserer Verwaltung raten zu müssen, diesen Gottesdienst ja nicht ohne die Begleitung der Orgel einzuführen. Gegen die Orgel bestanden von vornherein nur sogenannte Imponderabilien, die heutzutage, wo unsere Gemeinde seit fast einem halben Jahrhundert die Orgel besitzt, und wo sie in den meisten größeren Gemeinden Deutschlands eingesührt ist, vollkommen überwunden sind. Ich verweise dafür nicht nur aus die Tatsache, die jeder meiner Kollegen bezeugen kann, daß viele Besucher der alten Synagoge und der Synagoge Kaiserstraße der Predigt zu liebe auch die Orgelsynagogen häufig besuchen, sondern auch auf die vielfach gemachte Beobachtung, daß selbst die konservativsten Mitglieder, regelmäßig den Sabbatgottesdienst der Orgelsynagogen besuchen wenn sie ihren Wohnsitz in der Nähe derselben aufgeschlagen haben. Und sollte selbst bei dem einen oder anderen eine abgünstige Stimmung gegen die Orgel noch vorhanden sein, die Rücksicht auf ihre Kinder, die von dieser Stimmung nichts wissen und die durch den musikalischen Gottesdienst angezogen und festgehalten werden, wird auch die dazu führen, sich mit der Orgel zu befreunden. Für die Verwaltung aber, die eine neue Synagoge ohne einen geregelten Gottesdienst in modernem Sinne nicht eröffnen kann, muß für die Einführung der Orgel schon die eine Erfahrung sprechen, daß in großen Synagogen ohne dieses gewaltige, die Massen beherrschende Instrument die Ordnung nicht herzustellen ist. Das wird mir jeder Besucher der alten und selbst der Kaiserstraßen-Synagoge bezeugen, sofern er die vorgeschriebene Ordnung der Refponsorien in unserem alten Gebetbuche kennt. Bei der Keduscha zum Beispiel, wo Vorbeter und Gemeinde nbwechseln sollen, werden von den Betern trotz wiederholter Vermahnung auch die nur für den Vorbeter bestimmten Stücke rezitiert, dasselbe geschieht cm den hohen Festtagen bei den Stücken TD und ähnlichen responforischen Stücken. Bei der Begleitung des Gesanges durch die Orgel ist das ausgeschlossen. Die Gemeinde merkt sehr bald, daß sie nur mit dem Chor mitzusingen hat, und die Orgel übertont und deckt damit jede Abweichung von der Ordnung. Aus diesem Grunde entschließen sich jetzt auch konservative Gemeinden/ wie die zu Beuthen in Oberschlesien, zur Einführung der Orgel, und es ist in dein letzten Jahrzehnt keine große Synagoge in Deutschland erbaut ivorden, wo nicht auch die Orgel eingeführt worden wäre. Der Hinweis der Gegner auf Wien, Hannover re. ist nicht stichhaltig, da diese Gemeinden nachweislich die Orgel einführen wollten und nur ans Rücksicht auf ihre verdienten Rabbiner, die sich mit ihr nicht befreunden konnten, von ihrer Einführung vorläufig Abstand nahmen. Die gottesdienstliche Ordnung in diesen Synagogen, soweit sie an Größe den unserigen gleichen, ist aber auch so primitiv, daß sie uns wahrhaftig nicht vorbildlich sein kann und uns im Gegenteil in dein Entschluß zur Einführung der Orgel bestärken muß. Ich empfehle daher für die zur Zeit irr: Bau begriffene Synagoge in der Rykestraße den Ritus der 'Kaiserstraßen-Synagoge mit Begleitung der Orgel. Ich bin mir bewußt, damit das Rechte zu empfehlen, nicht bloß in Hinblick auf die Jugend, sondern auch in steter Rücksicht auf das Alter. Volksversammlungen in ihrer unkontrollierbaren Zusammensetzung machen auf mich feinen Eindruck. Ich bin lange genug im hiesigen Lehramte, um die Stimmung meiner Gemeinde zu kennen, und irur meine Ileberzeugung bringe ich zum Ausdruck, unbekümmert nur der Parteien Gunst oder Abgunst." Herr Rabbiner Dr. Rosen zweig schreibt: „Auf Ihre geschätzte Aufforderung erlaube ich mir, nachfolgendes zu unterbreiten. Um meinen Standpnrrkt diesbezüglich genauer zn kennzeichnen und zu begründen, muß ich etwas weitläufiger fein, als• mir selbst lieb ist. Ich scheide die Frage und behandle 1. die Orgelfrage und 2. die Ritusfrage. 1. Wie alles, was in die Welt der Erscheinungen tritt, unterliegt auch der Kultus dem Gesetze der Umbildung und Entwicklung: mit zunehmender Kultur trat auch in Israel, wie bei allen anderen, Völkern, die Kunst in den Dienst des Heiligen und des Heiligtums. Der Mosaismus kennt für die Zeit der Wüsten Wanderung nur das Opfer allein als Ausdruck für das Verhältnis der Volksgemeinschaft mit ihrem religiösen Denken und Enrpfinden zu Gott. David und Salomo legten den Grund zu einheitlich nationalem Leber: durch Erhebung Jerusalems zum Mittelpunkt des Staates und des Kultus. In jene Zeit gehören wohl auch die ersten künstlerischen Anfänge im Dienste des Heiligtums. Auch in den Prophetenschulen fand die . Musik, weil ihr begeisternde Kraft innewohnt, rege Pflege. Vollständig entwickelt aber tritt die synagogale Musik erst nach dem babylonischen Exil, sicherlich angeregt von der mächtigen Kultur Babels und später Griechenlands,, auf. Die Leviten, geordnet nach musikalischen Abteilungen unter Sangmeistern, stehen in großen Massen im Dienste des Heiligturns, und die Bedeutung der Säuger mtfc» Musiker für das Heiligtum steigt so sehr, daß ihnen zuletzt geistliche Gewandung zuerkannt werden mußte. Mit der Zerstörung Jerusalems und des Heiligtums durch die Römer trat, wie für das politische so auch für das religiöse Leben, die bedeutsamste Wandlung ein: arm ist Israel geworden und kraftlos; alle Freuden waren ihm genommen und aller Jubel war verstumnrt — „freue dich nicht, wie sich die Völker freuen!" Das ist der Grundgedanke geworden, der altes öffentliche und private Leben beherrscht. Des Mittelpunktes beraubt, zerstreut in allen Landen, allenthalben eine schwache Minorität bildend, fehlten auch die materiellen Mittel, die die Pflege der Pflege der Musik und Kunst heischt. So.entwickelte sich jener eigenartige Zustand, der für das jüdische Gotteshaus während des Mittelalters charakteristisch wurde, der es zur „Iudenschule" machte. Das Bethaus ivar Lehrhaus und Versammlungsstätte zugleich für alle öffentlichen Gemeindeangelegenheiten; man beriet und stritt im Gotteshause, und betete man, dann klagte die Not und schrie der Schmerz. Das ist das Gepräge des mittelalterlichen Gottesdienstes in Israels Gotteshäusern. Länger als die Weltgeschichte die Grenzen des Mittelalters zieht, dauerte es für Israel. Erst mit der Mendelssohn'schen Zeit beginnen die mittelalterlichen Schatten zu schwinden. Mit dem Eintritte der Jugend in das Kulturleben erwachte auch naturgemäß der Wunsch, geordnetere Verhältnisse in die Synagoge hi neinzutragen und die Andacht durch gefälligere Formen zu fördern. Dieser Wunsch schuf die Orgelfrage. Man ist namentlich in streng orthodoxen Kreisen gern geneigt, die Einführung der Orgel auf das Streben der sogenannten Reformer zurückzuführeu, der Synagoge ein christlich-kirchliches Gepräge zu geben. Israel den Christen gleich zu machen — Irrtum ist's und völlige Verkennung des Sachverhaltes! Man mag sich zur Richtung des sel. Geiger stellen, wie man wolle; man mag sich noch so ablehnend geger: einzelnes, was er airgestrebt hat, verhalten — eine Vorliebe fürs Christentum tvird ihm keiner zuschreiben dürfen! Denn wie keiner hat er, ein rüstiger Kämpfer, mit seinem wissenfchaftlichen Rüstzeug der christlichen Theologie die tiefsten Wunden beigebracht, weswegen er auch der von christlicher Seite bestgehaßte jüdische Theologe war. Die Orgel kam in die Synagoge, weil in den Vertretern jener Zeit eurerseits das Streben erwachte, alles, was geeiglret erschien, in ben Augen der Nichtjuden Spott und Hohn, zu erwecken, ans dem Gotteshause zu bannen und dem Gottesdienste mehr Würde und Weihe zrr verleihen; andererseits aber sollte der Kultus znnr Mitträger der Kultur werden, der Lebensfülle und Lebenskraft der Zeit sollte die Erkenntnis und Schönheit des Heiligtums an die Seite gestellt werden, Leben und Gotteshaus sollten irr Israel sich nicht feindlich gegenüberstehen, sondern eürs sein! Und diese Gesichtspunkte sind für unsere Frage auch heute noch maßgebend! Von diesen Gesichtspunkten aus begreifen wir es, daß die Orgel in den Gotteshäusern der bedeutendsten Gemeinden unseres engeren und weiterer: Vaterlandes unentbehrlich geworden ist, sowie daß selbst streng konservative Gemeinden, wie Lissa und Krotoschin, Ratibor und Beuthen, die Orgel in ihrem Gotteshause einzuführer: planen; vor: diesen Gesichtspunkten aus verstehen wir es, wenn auch

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