Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1904)
- Date
- 1904-02-05
- Page
- Seite 65 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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65 noch so ' emporflackern, int Westen wird er die vollständige Assimilierung der Juden nicht mehr zu hindern vermögen: die Zeit, wo man nicht mehr von deutschen, englischen oder französischen Juden, sondern jüdischen Deutschen, Engländern und Franzosen sprechen wird, wie man von katholischen und evangelischen Deutschen spricht, und genau nur in demselben Sinne, wie von diesen, wird kommen. 'Und gleich unerschütterlich ist meine Ueberzeugung, daß auch im Osten aus dem nationalen Juden dereinst ein gleichberechtigter und treuer Sohn jenes Volkes werden wird, unter dem er lebt und dem er sich anschließt. Welche Hindernisse sich diesem Endziel entgegentürmen, verkenne ich nicht; es wird Jahrhunderte währen, bis. es erreicht ist, aber erreicht wird es werden. Denn die Judenfrage ist lediglich eine Kulturfrage; sie hört auf eine Frage zu sein, sobald die Kultur zum vollen Siege gelangt ist. Jedes Land hat die Juden, die es verdient; solange der Jude wie ein Paria behandelt wird, müssen in seinem Wesen einige Züge hervortreten, wie sie eine unterdrückte und mißhandelte Rasse im Kampfe ums Dasein entwickelt; aus den Juden gute und nützliche Staatsbürger zu machen, ist nicht etwa bloß ein Gebot der Menschlichkeit oder der Gerechtigkeit, sondern noch weit mehr ein Gebot der Staatsklugheit; menschlich, gerecht, staatsklug können Barbaren oder Halbbarbaren nicht handeln. Aber noch in anderem Sinne muß jenes Wort als ein Mahnwort gelten; der Jude ist bildungsfähig und kann bis zu einem gewissen Grade au§ eigener Kraft sortschreiten; die rechte Kraft und der rechte Fortschritt kommen ihm nur aus der Kultur der Völker, unter denen er lebt. Die Zustände des östlichen Jirdentums lassen sich nur dann recht begreifen und gerecht beurteilen, wenn man sie im Zusammenhänge mit der gesamte!: Kultnreutwicklung Halbasiens betrachtet." Sei:: Bekenntnis zum Judentum aber hat er nnzähligemal offen und entschieden ausgesprochen. Am besten ebenfalls in dem genannten Buche in dem Aufsatz über Abraham Geiger, der ihm als das Ideal eines deutschen Juden erschien und von dem er sagte: „Dreifach ist sein Verdienst: erkannt zu haben, daß die Macht, die über uns allen waltet und deren Hand wir alle empflnden, ob wir sie nun Vorsehung oder Schicksal oder zielbewußten Willen der Menschheit nennen mögen, das Judentum der Entnationalisierung zutreibt; verkündet zu haben, daß das talmudische Judentum nur eben eine Form dieser Religion ist, und daß-ihr, ohne das Wesen zu schädigen, eine neue Form gegeben werden kann, die jene notlveudige Wandlung fördert; drittens aber: diese neue Form herrscht Wahrheit, Einfachheit und jene Wärme der Teilnahme, die von der gleichgestimmten Enchflndung des Erzählers immer auf seinen Gegenstand übergeht. Wer Unterhaltung suchte, konnte sie bei ihm sinden, aber auch wer sich nach Belehrung sehnt, wird durch das Studium seiner Werke immer belohnt werden. Darüber hinaus hat aber sein Lebenswerk eine große kulturgeschichtliche Bedeutung. In dem Kampf zwischen Licht:md Finsternis, der in Halbasien tobt, wird sich nicht leicht jemand zurecht finden ohne die Führerschaft dieses Mannes. Karl Emil Franzos beherrschte die >,große Ebene" mit.souveräner Machtvollkommenheit, und er glich darin jenem Helden der alten Sage, der aus der Berührung mit dem Mutterboden immer neue Kraft schöpft. Sein Leben war kein leichtes. Von den Mühen, Sorgen und Beschwerden, die an das menschliche Dasein geknüpft sind, hat er ein voll gerüttelt Maß erhalten. Er hat viele Feinde gefunden — aber noch viel mehr Freunde und ergebene Anhänger. Und nun, da er aus der Reihe der Känrpser getreten, wird ihm wohl niemand mehr den Kranz des Ruhmes schmälern. Der Haß wird schweigen, Liebe und Treue werden bleiben. Sie geleiten den Freund zum Grabe; sie werden für ihn zeugen noch in späten Tagen, denn sein Name wird fortleben in der Reihe der Besten unseres Schrifttums für alle Zeit. 6. K. Die Gutachten des Berliner Labdinsts über die Orgel. Berlin, 1. Februar. Unserem Versprechen gemäß geben wir heute die Gutachten des Berliner Rabbinats über die Einführung der Orgel und des Ritus der Kaiserstraßen-Synagvge in der neuen Synagoge in der Rykestraße im Wortlaut. Herr Rabbiner Professor Dr. Maybaum schreibt: „Auf Ihre Aufforderung zu einem schriftlichen Gutachten darüber, ob sich für die zur Zeit im Bau begriffene Synagoge in der Rykestraße die Einführung des Ritus der neuen Synagoge oder desjenigen der Synagoge Kaiserstraße empfiehlt, und in letzterem Falle, ob mit oder ohne Orgel, beehre ich mich in nachfolgendem zu erwidern. Ich schicke voraus, daß es sich bei diesem Gutachten unmöglich darum handeln kann, festzustellen, vb einer der in Ihrer Anfrage genannter: Riten religiös zulässig sei oder nicht; denn da diese Riten in den Synaglaubhaft und deutlich genug angedeutet und sich doch wieder weise mit dieser Andeutung begnügt zu haben, so daß es künftigen Geschlechtern in die Hand gelegt ist, den Bau so! aufzuführen, wie er ihren Bedürfnissen entspricht. In diesem j Sinne gilt von ihn: Auerbachs schönes Wort: „Geiger glaubte an die Zukunft der Religion und arbeitete für die Religion der Zukunft." Wenn jemals im Laufe der letzten Jahrzehnte, so könnte in unsere:: Tagen dem Mutlosen und Kurzsichtigen die Lebensarbeit der Mendelssohn, Rießer und Geiger zwecklos, die Parole, die sie ausgegeben, als ein Ruf in der Wüste erscheinen. Wir aber :vollen tapfer bleiben: auch unser Schiff lvird den Hasen erreichen." Ach, sein Schiff hat den Hafen früher erreicht, als er gehofft oder gefürchtet hat. Er war einer der tapfersten Streiter für unser gutes Recht nach außen, und in der inneren Bewegung des Judentums hat er mannhaft für den Fortschritt gekäinpft.. Franzos hat die Kulturgeschichte des östlichen Judentums geschrieben; er hat uns gezeigt, wieviel Idealismus und Begeisterung in diesen traurigen, niedergedrückten Gestalten lebt, und dennoch waren seine Werke objektiv gehalten. Ueberall zogen der hiesigen Gemeinde tatsächlich eingesührt sind, und da ferner die Orgel selbst von dem konservativen Mitgliede unseres Rabbinatskollegiums in seiner früheren Gemeinde nicht verpönt worden ist, so kann die religiöse Zulässigkeit des einen wie - des anderen für unsere Verwaltung nicht mehr zweifelhaft sein. Ich fasse Ihre Ansrage lediglich als eine Frage der Opportunität auf, und indem Sie von mir ein Gutachten einfordern, setzen Sie offenbar voraus, daß ich infolge meiner 23jährigen Erfahrung in hiesiger Gemeinde am besten wissen müsse, was dem innersten Bedürfen des in Frage stehenden Teiles unserer Gemeinde entspricht. Und darin haben Sie recht. Der Rabbiner, der mindestens ällsabbatlich mit der Gemeinde in Berührung tritt und zu vielen Mitgliedern derselben unzählige seelsorgerische Beziehungen unterhält, hat hierin ein zutpeffenderes Urteil, als der auch von den besten Absichten beseelte Laie, der das religiöse Leben der Gemeinde nur aus der einseitigen Parteibewegnng kennt. Aus dieser meiner intimeren Kenntnis der Gemeinde heraus glaube ich für die Synagoge in der Rykestraße die Einführung des Ritus der Kaiserstraße empfehlen zu sollen. Der Ritus der neuen Synagoge wäre für diesen Teil unserer Gemeinde ein zu großer Sprung, während der Ritus der Kaiserstraße, der nicht bloß die Struktur der Gebete nicht ändert — das tun ja auch die Riten in den neuen Synagogen nich