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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-02-05 · Heft 6 (5.2.1904) · p. Seite 64

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 6 (5.2.1904)
Date
1904-02-05
Page
Seite 64 (sequence 4)
Language
German
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über den Antisemitismus folgende Erklärung abzugeben, die, wie er versicherte, vom Prinzen Viktor geprüft und gutgeheißen worden ist: „Wir legen dem Worte Antisemitismus dieselbe Bedeutung unter die dem Worte Antiklerikalismus zugeschrieben werden muß. Antiklerikalismus bedeutet: „Keine religiöse Sekte, die das Gebiet des Glaubens und Bewußtseins verläßt, aus das Gebiet der Politik übergreist und unter dem Deckmantel der Religion die Unabhängigkeit des Staates bedroht." Antisemitismus soll bedeuten: „Keine Finanz- Macht, die, ihre Kraft mißbrauchend, das Gebiet der Geschäfte verläßt, um auf das Gebiet der Politik überzugreifen, und entweder den Kredit oder die Unabhängigkeit des Staates bedroht." Die Finanzmacht den einen nehmen, um sie den anderen zu geben, würde die Macht nur die Hände wechseln lassen, ihre Gefahren jedoch nicht beseitigen. Die Finanzmacht ist in einer Gesellschaft eine materielle Kraft, wie die religiöse Macht eine moralische Kraft ist. Man kann weder die eine noch die andere leugnen oder unterdrücken. Wie Bonaparte den Gemütern unbeschränkte Glaubensfreiheit ließ, jedoch die Ausübung der religiösen Gewalt in deren eigenem Interesse regelte, so wollen wir eine Negierung, die stark genug ist, um die Ausübung der Finanzgewalt zu regeln. Bor allem: keinen Glaubenskrieg, denn er ist eine Quelle des Untergangs und der Verwüstung für ein Land." Das ist zwar der-reine Unsinn, soviel ist jedoch klar, daß Lasies dem Worte Antisemitismus eine ganz andere Bedeutung zu geben sucht, als die Nationalisten ihm bisher beilegten. Der Antisemitismus soll nicht mehr die Verfolgung und Beschimpfung aller Juden und Judenabkömmlinge, nicht mehr die Entrechtung' der jüdischen Staatsbürger, nicht mehr die Aechtung der jüdischen Geschäftsleute bedeuten, sondern die „Regelung der Ausübung der Finanzgewalt". Es wird nun abzuwarten sein, ob der Nationalismus nach seiner Häutung dem französischen Volke besser gefallen wird als vorher. r '- Der zu Gunsten der jüdischen Immigranten aus Rußland, Rumänien und Galizien für Amerika vom seligen Baron Hirsch gestiftete Fond von vier Millionen Dollars hat eben den Bericht über seine Tätigkeit im verflossenen Jahre veröffentlicht, Die Arbeiten zur Sprengung des großen Ghettos von Newhork und zur Zerstreuung der an der Ostseite dieser Riesenstadt sich angesammelten Hunderttaufende von östlichen Juden sind in diesem Jahre mit weit größeren: Erfolge als bisher betrieben worden. Mit einer Ausgabe von 80 000 Dollar ist es gelungen, 8000 Juden aus Newhork zu entfernen und in anderen Staaten unterzubringen. Der Erfolg kau: allerdings etwas teuer, aber in einen: Jahre etwa 8000 Ghettobewohner über die Vereinigten Staaten zu zerstreuen, ist .schon eine Leistung und der Baron Hirsch-Fond hat ein Einkonnnen von 160 000 Dollars... . . Ferner hat der Fond massenhaft Juden von der Eastside nach den: gesünderen Harten: in der oberen Stadt übersiedeln Helsen. Hartem ist nun ein zweites Ghetto geworden, das bereits weit über 100 000 Juden zählt, aber die Wohnungs- ::nd Gesundheitsverhültnisse sind da weit günstiger als in: Osten Newyorks. Ein drittes jüdisches Zentrum ist endlich mit Hilfe des Baron Hirsch-Fond in Brownsville, einen: zun: „Größeren Newhork" gehörenden Vorort entstanden. Hier wohnen bereits 25 000 Juden in eigenen Häuschen oder in Musterhäusern. Die Beteiligung des Fonds bei der Gründung der rein jüdischen Stadt Woodbine in New-Jerseh sowie bei der Etablierung von Hunderten von jüdischen Einzelfar:uern im Verein mit der jüdischen Hilfsgesellschaft für Ackerbau sind aus den Jahresberichten der 1. 6. A. zur Genüge bekannt. Die amerikanischen Juden geben sich große Mühe, die jüdischen Immigranten von Newhork sernzuhalten, um den amerikanischen Fremdenfeinden jeden Vorwand für ähre Agitation zu nehmen. Man hofft auch die neuste Attacke, des Senators Lodge, der im Kongresse eine neue fremdenseindliche Bill eingebracht hat, für diesmal noch siegreich abschlagen zu können. Zahlreiche Senatoren haben versprochen, im Kongresse gegen das Lvdgesche Gesetz zu stimmen und. dasselbe zu Falle zu bringen. Man zweifelt aber andrerseits nicht, daß, wenn die Einwanderung in die großen Städte so weiter dauern sollte, ein Gesetz dagegen eines Tages dennoch kommen wird. Lar! Lmi! jfran?as. > Berlin, 1. Februar, s gehört mit zu den Prüfungen, die uns auferlegt sind, daß so viele unserer Großen und Bedeutenden in voller Männeskrast von uns scheiden müssen. Nichthärter kann ein Volk gestraft werden, als wenn die Größe und die Großen von ihn: gehen und das Kleine und die Kleinen an deren Stelle fest sich setzen. In Karl Emil Franzos, der am 28. v. M. im 56. Lebensjahr einen: Herzleiden erlegen ist, hat das moderne Judentum seinen besten Schriftsteller verloren. Allerdings nicht in den: Sinne, als ob wir Franzos ausschließlich als einen jüdischen Schriftsteller reklamieren wollten; denn er ist auch einer der besten deutschen Schriftsteller. Und das ist unser Stolz. Er war Deutscher und Jude zugleich und beides :nit vollem Bewußtsein, mit tiefster Empfindung. Er war deutschnational, und trotzdem der beste Typus eines deutschen Juden. Und daß dieser Typus.aus dem Osten kam, ans Halbasten, das er für die Poesie zuerst erschlossen hat, ist die schlagendste Widerlegung aller Vorwürfe, die man den Juden im allgemeinen und denen des Ostens im besonderen zu machen geneigt ist. Keine Darstellung seines Lebenswerkes soll heute und hier gegeben werden. Alle Zeitungen Deutschlands berichten über Franzos und seine Lebensarbeit; auch das, was er für das Judentum geschaffen, wird noch in ruhiger Stunde zu würdigen sein. Nur den: tiefen Schmerz über das frühe Dahinscheiden des Freundes, des Genossen, des treuen Mitarbeiters soll hier und für heute Ausdruck gegeben werden. Die Juden, die seit Anfang des 18. Jahrhunderts an der deutschen Literatur sich beteiligten, haben nur selten den Akut gehabt, n:it voller Offenheit sich auch züm Judentum zu bekennen. Sie zogen es vielmehr vor, dies als einen überwundenen Standpunkt darzustellen. Seit. Heinrich Heine aus seinem Sterbebette sich wieder aus voller Ueberzeugung zu den Traditionen seines Stammes bekannte, hat kein Schriftsteller so offen und rückhaltlos sein Bekenntnis zum Judentum ausgesprochen' wie Karl Emil Franzos. Dies ist in unseren Augen sein höchster Ruhmestitel. Und nun hat ein finsteres Geschick den Mann von der Arbeit des Tages, aus der Fülle seines Schaffens hinweggerafft, und erschüttert schauen wir die weite Lücke, die sein Tod gerissen, erwägen wir tränenden Auges den Gewinn, welchen der Geschiedene unserem Leben wie den: der Nation gebracht hat. Es ist schon gesagt worden, daß Franzos in seinen Kulturbildern aus Halbasien das Leben der Juden im Osten zun: erstenmal wahrheitsgetreu, ohne jede Karikatur, dargestellt hat. Das ist ein unsterbliches Verdienst. In der Vorrede zur zweiten Auflage seines Buches „Aus der großen Ebene" hat er auch sein Bekenntnis über die Judensrage abgelegt. Dort sagt er: „Und mag der Antisemitismus zeitweise

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