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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-02-05 · Heft 6 (5.2.1904) · p. Seite 63

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 6 (5.2.1904)
Date
1904-02-05
Page
Seite 63 (sequence 3)
Language
German
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Zubilligung mildernder Umstände ein Jahr Gefängnis erhalten. Man muß über diese Milde staunen, wenn man bedenkt, mit welcher Strenge Konitzer Geschworene über einen anderen Träger dieses Namens geurteilt haben, der vier Jahre Zuchthaus wegen eines Meineids erhalten hat, von dem durchaus noch keineswegs feststeht, daß er ihn wirklich begangen hat. Wir halten es im allgemeinen nicht für angemessen, gerichtliche Urteile zu kritisieren, aber verschiedene Details der Verhandlung können sich doch unmöglich der öffentlichen Besprechung nicht entziehen. Die gotteslästerlichen Redensarten, psychologisch aufgesaßt, klingen etwas sehr unwahrscheinlich, auch wenn man bedenkt, daß Levi tatsächlich geistig nicht normal ist. Dasselbe gilt von seinen Aussagen über den Eid. Psychologisch klingen, wie gesagt, all diese Sachen sehr unwahrscheinlich, ja es gewinnt sogar den Anschein, daß es blöde Witze waren, die er sich mit seinen Kumpanen erlaubt habe, indem er auf dieselbe Frage zum zweiten Male antwortete: „Die Juden vom Stamme Levi brauchen Rotwein", und mehr als unwahrscheinlich ist es, daß er inmitten einer solchen Umgebung die christliche Religion und die Messe durch Gesänge verspottet haben soll. Der Vorsitzende selbst bemerkte, es „sei wunderbar, daß Levi, nachdem er schon so furchtbare Schläge bekommen habe, noch immer die Kraft gehabt haben soll, die christliche Religion zu verspotten und seine Zechgenossen zu ärgern." Obwohl nun die Sachverständigen erklärt hatten, daß die Verwundungen „in einer das Leben gefährdenden Weise" geschehen seien, und daß die beiden Angeklagten gesund und bei voller Willensbestimmung gewesen, obwohl der Staatsanwalt ausdrücklich erklärte, die Verhandlung habe ergeben, daß durch jene Mißhandlungen der Tod des Levi herbeigeführt, haben die Geschworenen die Schuldsrage, ob dadurch der Tod des Verletzten verursacht worden ist, doch verneint. Man wird auch dies Urteil von Könitz nicht verstehen, aber den ganzen Vorgang wird man begreiflich finden, wenn man sich in Erinnerung bringt, welch fruchtbarer Nährboden für derartige Bestialitäten die Konitzer Gegend durch die systematische Verhetzung geworden ist, die dort seit Jahren betrieben wird. Die Totschläger fühlten sich noch als Helden, die für ihren Glauben gekämpft haben. Der Antisemitismus hat einen Triumph erlebt, aber der Genius der Humanität verhüllt trauernd sein Haupt. * Aus Rußland ertönt wieder einmal zur Abwechslung die Friedensschalmei. Der Gouverneur von Beffarabien, Fürst S. D. Nrussow, ist - in Petersburg eingetroffen, um an den int Ministerium des Innern beginnenden Konferenzen über eine Erweiterung der Wohnrechte der Juden außerhalb des Ansiedlungsrayons und der eventuellen Erweiterung dieses Rayons selbst teilznnehmen. Wie verbreitet wird, vertritt der Gouverneur von Kischinew den Standpunkt, daß der Ansiedlungsrayon der Juden entschieden zu erweitern ist, um die Spannung in den Beziehungen zwischen Christen und Juden zu mildern, weil dieselbe ökonomischen Ursachen entspringt. Die Dichtigkeit der Bevölkerung spannt den Kamps ums Dasein aufs äußerste an, und es ist daher nichts Sonderbares, daß der Starke in diesem Kampf um das tägliche Brot den Schwachen niederzutreten sucht. Fürst Urussow beabsichtigt, in dieser Hinsicht an die Hmnanität des Ministers des Innern zu appellieren und daraus zu dringen, daß den Juden ausgedehntere Wohnrechte gewährt werden. Ob es ihm gelingen wird, ist freilich eine andere Frage. Die Grundtendenz der gegenwärtigen russischen Regierung ist heute noch genau dieselbe wie vor Kischinew. In der vorigen Woche hat in St. Petersburg der russische Aerztekongreß stattgefunden. Derselbe hat unter anderem eine Resolution angenommen, in der gleiches Recht für alle Konfessionen gefordert wurde. Was tut nun die Regierung? . Sie verbietet einfach die Vorlesung und Veröffentlichung der Resolution. So wird, heute in Rußland regiert. Die Auswanderung der Juden aus Rumänien nimmt solche Dimensionen an, daß selbst die . rumänische Regierung stutzig zu werden beginnt. Noch im Jahre 1898/99 betrug die Zahl der nach den Vereinigten Staaten ausgewanderten rumänischen Juden nur 1343. Sie ging aber infolge des famosen Handwerkergesetzes, das in diesem Jahre in Kraft getreten war, rasch in die Höhe und erreichte für das Berichtsjahr 1899/1900 die Ziffer von 6459. Im folgenden Jahre 1900,01 erfuhr sie eine weitere Steigerung aus 6827'. Das folgende Jahr brachte eine kleine Abnahme ans 6589, itnt int letzten Berichtsjahre 1902/03 wiederum rapid aus 8011 zu-steigen. Damit hat aber die Auswanderungslust der rumänischen Jttden allem Anscheine nach bei weitent noch nicht ihren Höhepunkt erreicht. Denn in den knapp zwei Monaten vom 24. Oktober bis 12. Dezember sind tmter Auspizien der 4. C. A. wiederum 1005 rumänische Juden nach den Vereinigten Staaten ausgewandert. Im ganzen sind in den letzten fünf Jahren nach den Vereinigten Staaten nicht weniger als 31 000 rumänische Jttden emigriert. Dazu kommt noch die Auswanderung nach Kanada, Südafrika, Frankreich und England. Endlich tverden gewiß viele Hunderte russische und österreichische Juden, die sich dauernd in Rumänien niederzülassen die Absicht hatten, dem barbarischen Lande inzwischen den Rücken gekehrt und die frühere Heimat wieder ausgesucht haben. Wir glauben mit Fug und Recht die Zahl der Juden, welche in den letzten Jahren Rumänien verlassen haben, aus 50 000 schätzen zu können. Es ist dies eine Ziffer, die geeignet ist, selbst einer rumänischen Regierung Besorgnis einzuflößen. Es ist zwar kann: zu erwarten, daß diese Besorgnis Runtänien zu irgend einer judenfreundlichen Gesetzgebung veranlassen werde, allein die Juden wandern doch nicht bloß zuur Zwecke aus, um die Regierung einzuschüchtern. Sie gehen eben, weil sie von den rumänischen Barbaren mißhandelt tverden rrnd sie sehr gern dent Lande ihrer Peiniger den Rücken kehren. * Die französischen Nationalisten fangen an, den Antisentitismus zu verleugnen. In ihrer Verlegenheit haben sie sich nämlich jetzt dem Bonapartismus in die Arme geworfen und stecken die Kokarde des Prinzen Viktor Napoleon an. Es muß der Wahrheit gemäß festgestellt werden, daß dem Thronford erer in Brüssel dieser neue Zuzug keine ungemischte Freude macht. Er war von jeher Gegner der Bewegung, die der Herzog von Orleans durch seinen blindwütigen Antisemitismus dagegen protegiert hat. Man erlebt nun das sonderbare tmd einer gewissen Drolligkeit nicht entbehrende Schauspiel, daß die Nationalisten, tun -nicht von den Bonapartisten in demütigendster Weise zurückgestoßen zu werden, in verlegenen, Halbdunkeln Wendungen den Antisemitismus zu verleugnen beginnen, den Antisemitismus, der ihre Lebensbedingung, ihr Daseinszweck, ihr Wesen, und ihre Kraft war. Der Abgeordnete Lasies, der verstiegenste Judenfresser der Kammer, hatte den Cynismus, in einer zahlreichen Versammlung der Volksabstimmungspartei — so nennen bekanntlich die Bonaffartisten sich selbst— im Wagramsaale

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