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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-02-05 · Heft 6 (5.2.1904) · p. Seite 62

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 6 (5.2.1904)
Date
1904-02-05
Page
Seite 62 (sequence 2)
Language
German
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wenn sie sich auf die Maus stürzt, oder andere- -Raubtieres im Bestienreiche, wenn sie selbst ohne Hunger morden. Alle diejenigen Faktoren, die auf die Hebung des Menschengeschlechts bedacht sind, sie vom Tierstandpunkte zu dem sittlicher Menschen enrporbringen wollen, haben daher das größte Interesse daran, alles, was irgendwie den- Rassenhaß erwecken, beleben,-fördern kann, nach Menschenmöglichkeit zu vermeiden und als-das denkbar kulturfeindlichste zu bekämpfen. Denn in Wirklichkeit sind die Meisten von uns ja von jener niedrigsten Stufe bereits weit entfernt. Bei den Kulturvölkern schien der Rassenhaß sogar längst ausgestorben. Aber die Tatsachen lehren, daß in den Völkern, die bk-le humaine unter gewissen Umständen wieder erweckt und zu voller Raserei gebracht werden kann. In den Vereinigten Staaten hat der strenge gesellschaftliche Ostrazismus der Neger, in Rußland die gesetzliche und gesellschaftliche Absperrung den Rassenhaß zu kaum für möglich gehaltener Stärke sich entfalten lassen. Wie weit das Schüren und Hetzen selbst in Kulterländern wie Deutschland und Frankreich den Rassenhaß wieder angefacht hat, das haben wir ja zu unser aller größter Verwunderung und Betrübnis gesehen. Zu den allerersten und allerwichtigsten Kulturfaktoren gehört nun die christliche Kirche. Wie sehr . sie ein eigenes Interesse daran hat, die Nassenantisemiten zu bekämpfen, das hat sie bereits eingesehen. Denn diese stehen dem Christentum viel ferner-, als die Juden je gestanden haben. Niemals hat ein Jude es gewagt, so blasphemisch vom Christentum zu reden und zu schreiben, wie die deutschen Nassenantisemiten, so zwar, daß selbst des Philosemitismus gänzlich unverdächtige Blätter, wie die „Kreuzztg.", der „Reichsbote" u. a. m., entschieden gegen die rassenantisemitischen Blasphemien zu protestieren sich genötigt gesehen haben. Aber sie sind teils aus Mangel an Einsicht, teils aus Vorurteil .auf halbem Wege stehen geblieben. .Sie haben nicht eingesehen, daß, indem sie fortstlhren, aus christlichem Eifer ebenso gegen die Juden zu Hetzen wie die Rassenantisemiten aus arischem, sie diesen nur Vvrfpanndienste geleistet/haben. Die zweite Hauptursache des Antisemitismus ist die untergeordnete Sonderstellung, welche der Staat gesetzlich oder willkürlich den Juden zuweist. Es ist nur natürlich, daß das Volk Menschen, welche der Staat in gewisse Gebiete einpsercht, welche er durch Ausnahmegesetze in Zucht und Ordnung zu halten glaubt, Mißtrauen, Geringschätzung entgegenbringt und sie auch wie minderwertige Menschen behandeln zu dürfen glaubt. Wer vom Staate nicht aller Ehren- und Vertrauensposten würdig erachtet wird, den hält auch das Volk für wenig vertrauenswürdig und behandelt ihn demgemäß. Man kann sich leicht davon überzeugen, daß die Behandlung, die der Staat den Juden zu teil werden läßt, nicht Fehler, Eigentümlichkeiten und Gewohnheiten der Inden, die Ursache des Antisemitismus ist. Gewöhnlich heißt es ja, der große Reichtum der Juden sei die Ursache. Aber wo die Juden am reichsten sind, in England und Amerika, ist der Antisemitismus am wenigsten vertreten, dagegen am meisten, , wo die Armut der Juden selbst von den wildesten Antisemiten anerkannt wird: in Rußland. Dann sollte die Abneigung der Juden, ein Handwerk zu ergreifen, überhaupt schwere Arbeiten zu verrichten,. den Haß des arbeitenden Volkes Hervorrufen. Aber in Rußland sind ja die Hälfte der Juden Handwerker, verrichten sie ja schwere Arbeiten, und dennoch artet der Antisemitismus nirgends so aus wie gerade in Rußland. So könnten wir noch durch unzählige Beispiele praktisch beweisen, was theoretisch klar ist, nänllich daß die Behandlung, welche von Staats wegen den Juden zu teil wird, den Antisemitismus erzeugt.- und gleichzeitig weitere Ursachen, wie den Antisemitismus begünstigen. Die russische Regierung zwingt die Inden, sich von dem übrigen Volke abzusondern, und wenn in Deutschland die Juden auf dem. Verwaltungswege ausgesondert werden, so hat das ganz natürlich zur Folge, daß teils die Gesellschaft sie auch aussondert, teils die Juden gleichfalls eine .Neigung, sich gesellschaftlich abzusvndern, bekunden. Daß auch neben Kirche und Staat die Gesellschaft dazu beitragen, könnte, die Neubelebung und das wilde Aufflämmen des Rassenhasses zu verhüten, braucht kaum betont zu werden. Wie sehr die Gesellschaft sündigen kann, sieht man in den Vereinigten Staaten, wo sie allein die Schuld an wem Haß gegen die Neger trügt. Allerdings wird das soziale Vorurteil gegen die Neger unterstützt durch deren Farbe, noch kaum überwundene Sklaverei und ihre begreiflicherweise noch sehr niedrige Kultur. Diese Entschuldigungen fehlen der Gesellschaft bei uns. Die allerdings auch noch nicht lange emanzipierten Juden in Deutschland sind doch nie .wie die Neger Sklaven gewesen. Sie unterscheiden sich äußerlich auch nicht im allerentferntesten so von ihren Mitbürgern wie die Neger, und die Unterschiede fallen mit der zeitlichen Entfernung von dem Ghettojammer immer mehr, während in kultureller Hinsicht die Juden im Durchschnitt ihre Mitbürger eher übertreffen als hinter ihnen zurückstehen. Vor allem hätten die Träger der Kultur, die Gelehrten, die Akademiker, die Intellektuellen die Ehrenpflicht, nicht durch ihr Verhalten diejenigen absichtlich oder unabsichtlich zu unterstützen, die das Volk zu der ältesten Unkultur, zum Rassenhaß zurückzuführen streben und daraus kaum ein Hehl machend Noblesse oblige. Je höher ein Kulturvolk steht, desto mehr ist es verpflichtet, darauf zu sehen, daß seine Kultur nicht entehrt, sein Ruf nicht leidet. Und am meisten in jedem Kulturvolke müssen diejenigen darauf hätten, die sich zu den gebildeten Stünden zählen. Wir sehen denn auch in den Vereinigten Staaten ganz besonders den Präsidenten Roosevelt für die Neger eintreten. In Frankreich haben die Intellektuellen die Verteidigung des in Dreyfus angegriffenen Judentums übernommen. In Rußland hat ein Kreis der ersten Schriftsteller und Gelehrten nach den KischinewerVorfällen protestiert. Und bei uns waren es die Notablen, vor allem auch Kaiser Friedrich, die den Antisemitismus verurteilt haben. Aber ein einmaliger Protest, der sich obendrein auf die höchsten Spitzen der geistigen Welt beschränkt, genügt nicht. Alle Gebildeten, alle wahrhaft Frommen müssen fortwährend auf Posten stehen, um, wo sich ein Funken des Rassenhasses zeigt, ihn im Interesse der Kultur und der Ehre des Landes auszulöschen. Läßt man den Funken fortglimmen, dann entsteht gar bald einmal eine Feuersbrunst. Denn weder fehlt es bei den Massen an Zündstoff, noch in einem großen Lande an katilinarischen Existenzen und verruchten Gesellen, die gern ein Feuer anblasen. Dir Woche. Berlin, 2. Februar. Mitteilungen, welche durch die Presse über den Proz e ß in St eg ers gehen, haben nicht die Beachtung gefunden, welche sie . eigentlich verdienen. Es ist ja bekannt, daß der jüdische Schriftsetzer Abraham Levi aus Warschau am 28. September v. I. durch die Mißhandlungen der beiden Angeklagten den Tod erlitten hat. Von den beiden Beteiligten ist nur der eine frei gesprochen worden, der andere hat unter

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