Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1904)
- Date
- 1904-02-05
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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68; Jahrgang. ' No. 6. Berlin, 5. Februar 1904. Allgemeine eitung des Judentums Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bon nem en ts.p r eis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpeles. Begründet von Rabbiner D*- Ludwig Philipps»«. Terlags-Expedition: Berlin, Jemsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgein. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Ierusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlas von Rudolf rNoffe, Berlin. Der Nsllmhsh Berlin, 2. -Februar, u Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts nach bürgerlicher Zeitrechnung beschäftigt man sich in zwei der größten Reiche mit einem Problem, wie man es nur im Altertum gekannt hat: der Verpflanzung ganzer Volksstämme aus ihrer Heimat in ein anderes Land. Rußland strebt zugestandenermaßen die Fortschaffung der Juden an und will ein übriges tun, sie nach Uganda, Palästina oder der Mandschurei zu bringen. Fünf Millionen Menschen will Rußland so verpflanzen, und um die jüdische Bevölkerung hierzu geneigt zu machen, wendet es seit Jahren die perfidesten Maßregeln an. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika sinnen dagegen nicht wenige Staatsmänner. auf die Fortschaffung von zehn Millionen Negern und Negerabkömmlingen nach irgend einem noch ausfindig zu machenden Lande. In Rußland sehnen sich viele Juden, in den Vereinigten Staaten viele Neger fort, um endlich den Verfolgungen und Quälereien zu entgehen. Das zeitliche Zusammenfallen dieser beiden seltsainen Erscheinungen legt den Gedanken nahe, zu erforschen, ob nicht beide auf die gleiche Ursache zurückzuführen sind, ob nicht im Grunde der russische und der Antisemitismus in anderen Ländern genau dieselbe Ursache hat, wie die Abneigung der Amerikaner gegen die Neger. Da kann zunächst die Religion nicht die gemeinsame Ursache sein. Denn abgesehen davon, daß in den Vereinigten Staaten religiöse Toleranz, herrscht, sind die Neger Christen. Die Gesetzgebung kann auch nicht die Ursache sein, denn in den Vereinigten Staaten genießen die Neger volle bürgerliche Gleichberechtigung, wahrend sie in Rußland den Juden vorenthalten ist. Die Charaktereigenschaften können ebensowenig die gemeinsame Ursache sein; denn man kann sich kaum größere Gegensätze denken als den, namentlich geistig, sehr regen Juden und die trägen Neger. Man kann den Negern ferner nicht vorwerfen, was/ den Juden vorgeworfen wird, daß sie in dem Lande ihres Aufenthalts sich nicht heimisch fühlen, weil sie — nach bald zweitausend Jahren — immer an ihre.Rückkehr nach Palästina denken. Die Neger hatten kein gemeinsames Vaterland, kannten, als sie vor einigen hundert Jahren nach Amerika gebracht wurden, kaum den Begriff „Vaterland", und sind mindestens, ja weit eher Amerikaner als die meisten heutigen Amerikaner, von denen ein beträchtlicher Teil erst im Laufe des letzten Jahrhunderts den Staub Europas von ihren Füßen geschüttelt haben. Aus demselben Gründe kann es auch nicht die'bei vielen Kulturvölkern selbst noch vorhandene Abneigung gegen Fremde sein; denn die Amerikaner sind selbst Fremde in ihrem Lande, sind von jeher gewohnt gewesen. Fremde aufzunehmen und sich mit ihnen zu vermischen. Zum Schluß bemerken wir noch, daß weder die Juden in Rußland, noch die Neger in Amerika durch Reichtum und sozialen Einfluß den Neid herausfvrdern können. Die Amerikaner geben denn auch einfach zu, daß sie den Neger als solchen, weil er Neger ist, verabscheuen, und sie verabscheuen ihn in dem Maße, daß sie mit keinen:, der auch nur die geringste Spur Negerbluts in seinen Adern hat, dem kein Deutscher und kein Russe die Abstammung von Negern anmerken würde, auch nur in einem Eisenbahnwagen zusammenfahren, geschweige denn in demselben Hotel wohnen würden, und stände der Neger oder der Negerabkömmling auf der höchsten Bildungsstufe — und es gibt deren sehr viele, hochgebildete, gelehrte Männer, Universitätsprofessoren, Bischöfe sowie Gentlemen von feinstem Benehmen — und der jede gesellschaftliche Berührung mit ihm scheuende Weiße nicht nur ein Flegel ersten Ranges, sondern auch ein gänzlich ungebildeter Mensch. Ja, dieser verachtet jeden anderen mit dem Neger gesellschaftlich verkehrenden Weißen, und wäre dieser Weiße auch der Präsident der Republik selbst. Man hat es hier sonach mit dem instinktiven Rassenhaß zu tun, wie—thn^pie Menschen auf ihrer niedrigsten Stufe kannten, als sie nur noch wenig von ihren tierischen Verwandten abgerückt hatten und sich kaum von ihnen unterschieden, wie es sich noch mehr oder weniger bei wilden und halbwilden Völkerschaften zeigt, und bisweilen in den bestialischsten Orgien sich ergeht, die man in Amerika Lynchjustiz, in -Rußland Judenmassakres nennt. Daß die Amerikaner für ihr Lynchen mitunter triftige, die Russen für ihre Massakres keine oder geringfügige Gründe haben, ändert nichts an der Tatsache, daß hier wie dort die von Rassenhaß erfüllten Menschen auf die allerunterste bestialische Stufe herabsinken, daß sie hierdurch Lynchen, dort durch Massakres die Nation in - der - Achtung der Welt herabsetzen und schließlich dein Vaterlande das Problem nahe legen können, große und meist harmlose ’ Volksscharen mit' einem . kolossalen Kostenaufwands zu ex- . patriieren. Indessen wir haben es hier weder mit amerikanischen Negern, noch mit russischen Juden zu tun. Wir wollten an Rußland und an den Vereinigten Staaten nur zeigen, daß der Rassenhaß noch heute besteht und wie weit er es treiben kann. Wir in Deutschland haben auch Raffen-Antisemiten, die gründlichsten und die schlimmsten von allen, da im Vergleich mit ihnen die aus religiösem Fanatismus handelnden Judenfeinde noch Träger einer Idee sind, während jene nur etwa von demselben Instinkt sich-treiben lassen, wie die Katze,