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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-01-29 · Heft 5 (29.1.1904) · p. Seite 60

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 5 (29.1.1904)
Date
1904-01-29
Page
Seite 60 (sequence 12)
Language
German
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60 * „Erft reisen wir zu den Eltern nach Frankfurt und dann an die See, wir haben den Ort noch nicht gewählt. - Erna sucht eine Insel, wo es langweilig ist, um meine Nerven in der Ruhe zu stärken." „Das ist recht," meinte Frau Rode mit billigendem Kopf-! nicken. „Ihr könntet aber auch zu uns nach Borkum kommen, j wohin wir mit der Pastorsfamilie Langstadt zu reisen beab-! sichtigen." „Sollen wir auf acht Tage, Schatz?" fragte Hugo zögernd, \ „Nein Hugo, dazu wirst Du mich nicht veranlassen wollen, z Nach Borkum, wo der Antisemitismus seine Orgien feiert, gehe l ich nicht." „Ja, das kann doch Dich nicht berühren?" „Wie, wenn die Inden verhöhnt werden, wenn das Gesindel I das Borkumlied johlt, das soll mich nicht berühren? Das gilt! doch auch mir!" . i „Nun, dann reisen wir eben nicht hin." i Liska sagte: „Wir dachten in der Tat nicht an die Tendenz Borkums, i. sondern es zieht uns nur die Gesellschaft der uns eng befreundeten Familie Langstadt, der Wellenschlag und das billige Leben an. Jetzt können ivir es nicht mehr rückgängig machen.; Ich finde es aber doch zu empfindlich von Dir, Erna, wenn j Du Hugo abhalten willst, seine Mutter und Schwester zu bei suchen." „Ich hindere Hugo durchaus nicht, Euch zu besuchen, nur werde ich so lange bei meinen Eltern bleiben." Hugo legte seine Stirn in Falten und sagte: „Erörtert doch keine Angelegenheiten, die ich allein zu be-! stimmen habe. Es wird nichts geschehen, Erna, was Dein; Empfinden verletzen könnte."! Frau Rode stand auf und wandte sich an Erna: ' j „Komm mit mir, Kind, ich will Dir alte Spitzen schenken." j Kaum hatten die Damen das Zimmer verlassen, begann j Liska: - '! „Hugo, wenn Du Deine Frau nicht besser unserer Zeit! entsprechend bilden kannst, wirst Du wohl auf jeden Verkehr! — außer mit Juden — verzichten müssen." Hugo sagte finster: „Lasset meine Frau in Ruhe. Ihr habt sie mit Eurer; Taktlosigkeit sehr verletzt." „Hugo, es muß einmal ausgesprochen werden, derartige Verstöße, absichtliche oder unabsichtliche, werden immer mehr Vorkommen,. vor uns und von anderen Leuten. Wenn Erna nicht Christin wird, kann sie aus dem Zustand des Beleidigtseins nicht herauskvmmen, und dann stelle Dir erst Deine Vereinsamung in der Gesellschaft vor." „Ich finde einen wahren Kern in dem, was Du sagst; ich habe jedoch meiner Frau versprochen, keinen Glaubenswechsel von ihr zu verlangen." „Hat Erna Dich so fest mit den Schlingen ihrer dunkeln Locken gefesselt, daß Du keinen Willen mehr hast? Du verlangst es zu ihrem eigenen Besten. Und Hugo — wir wollen Dich nicht verjuden lassen. Wenn ich nicht für Dich dächte und handelte, würdest Du wohl später mit dem Gelde Deiner Frau ein Getreidegeschäft im Osten kaufen und den Tempel besuchen." * „Nun, Du hast doch das Geld meiner Frau bis jetzt noch nicht verachtet. Nun laß' mich jetzt in Ruhe, Du hast mich um illeine gute Laune gebracht." - Liska schwieg, zufrieden mit den: Eindruck, den ihre Worte j auf ihren Bruder gemacht. i Auf dem Heimweg begann Hugo: „Na Erna, Du hättest in der Tat nicht so sehr empfindlich zu sein brauchen. Du hast ja eine förmliche Entrüstungsrdde vom Stapel gelassen." . . „Da Du mich nicht verteidigt hast, mußte ich selbst für mich reden. Oder soll ich mich noch für . die haarsträubende Taktlosigkeit der Deinen bedanken?" - „Aber Erna, welche Worte! Du lebst bei uns in der christlichen, nicht mehr in der jüdischen Welt, und die Meinen vergessen eben immer, daß Du Jüdin bist. Das ist ja ein unangenehmer Zustand, wir werden in Gesellschaft stets zittern müssen, ob und was über Deine Glaubensgenossen gesprochen wird." „Es wäre doch tieftraurig, wenn Deine Gesellschaften immer über Inden schimpfen würden. Früher schildertest Du sie anständiger, vorläufig glaube ich auch noch besser von ihnen." „Das find Spitzfindigkeiten. Doch verlassen wir jetzt dieses Thema. Wir wollen verreisen und uns erholen, und da soll alle theologische Erörterungen der Teufel holen." Erna lachte unwillkürlich. Die Laune war ihnen doch verdorben, und sie gingen, zum ersten Male in ihrer Ehe, verstimmt und einsilbig heim; beide fühlten etwas fremdes zwischen sich treten. (Forts, folgt.) Sprechsaal. Geehrter Herr Redakteur! der letzten Nummer Ihres Blattes steht die Nachricht: Eduard V Lassen hätte später das Judentum verlassen. Das beruht aber auf einem Irrtum und verweise ich auch auf den Bericht über Lassens Beisetzung. Es heißt in demselben- „Lassen sei auf dem protestantischen Kirchhofe in Weiniar beerdigt (notabene, es gibt keine jüdische Gemeinde in Weimar und keinen jüdischen Friedhof), doch hätte kein Pastor gesprochen, sondern zwei seiner Freunde, da Lassen Jude gewesen sei." — Eine Nachfrage hierüber würde das bestätigen. Frankfurt a. M., 23. Januar. Mit vorzügl. Hochachtung Ein alter Freund Lassens. H. Sehr geehrter Herr Redakteur! ie angeblichen „Richtigstellungen" des Herrn T. veranlassen mich zu folgenden tatsächlichen Feststellungen: 1. Herr Dr. Bielschowskh ist, wie Herr T. leicht an zuständiger Stelle erkunden konnte, erst in einem der letzten Jahre des vorigen Jahrhunderts, lange Zeit nach dem Erscheinen des ersten Bandes seiner Goethe- .biographie, aus der jüdischen Gemeinde zu Berlin ausgetreten. 2. Dr. Bielschowskh hat als jüdischer Oberlehrer, wie wir bestimmt wissen, alle Miseren bei seinen Bemühungen um Beschäftigung und Anstellung, die ein jüdischer Oberlehrer durchkosten muß, überstehen müssen, bis er endlich eine Anstellung an der Gewerbeschule seines Heimatsortes fand. 3) Bon einem Normalbesoldungsetat war in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre keine Rede; bei dem damals herrschenden Mangel an vollgualifizierten, akademisch gebildeten Lehrern waren Lehrkräfte für eine Gewerbeschule, die viel niedrigere Gehaltssätze aufwies, kaum zn erlangen. 4. Dr. Bielschowskh war, wie Herr T. leicht aus den Programmen des Philanthropins seststellen konnte, 1872—1874 außerordentlicher. Lehrer (Hilfslehrer) am Philanthropin. Hochachtungsvoll Ein deutscher Oberlehrer jüdischen Glaubens. Druck und. Berlaq von Rndols Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin. .

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