Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1904)
- Date
- 1904-01-29
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
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58 sowie als Beihilfe zur Pflege der Jugenderziehung, ferner zur Unterstützung der sänrtlichen in der Gemeinde bestehenden Vereine und Institutionen, soweit sie Zwecke allgemeiner menschlicher Liebe und Fürsorge dienen, jährlich -30 000 Mark. Dir Majorität der Gemeindevertretung hat es für gut befunden, in Anbetracht dieser Zuwendung die bisher gezahlten Steuern wesentlich zu ermäßigen, so daß die Steüerpflicht, man könne sagen, nur der Form nach bestehen geblieben ist. Zweifellos ist das vom Standpunkte der Volkswohlfährt aus nicht zu billigen, weil harlptsächlich und fühlbar nur die Begüterten Vorteile von dieser Maßnahme haben. Immerhin ist verständlich, wenn die Gemeindevertretung im Besitze der reichen Einkünfte der Stiftung, indem sie die Lasten der Gemeinde auf die Stiftung äbwälzte, in ihrem Rechte zu fein glaubte, weil nach der Auffassung der Gemeindevertretung die..Aufgabe der Gemeinde in den Kreis der Stiftungszwecke fällt. Aus den 30 000 Mk. müssen also die Kosten des Gemeindelebens bestritten werden, in der Hauptsache die Honorierung des Rabbiners, der beiden Kantoren und der Unterbeamten, wobei zu bedenken ist, daß hoffentlich recht bald zur Anstellung eines geprüften Lehrers geschritten werden wird. Immerhin könnte noch die Summe von 15 0O0 Mark für allgemeine Zwecke verfügbar bleiben, wenn nicht demnächst mit einem Neubau der namentlich vom Standpunkt der Feuersicherheit aus ganz unbrauchbaren Synagoge vorgegangen werden sollte. Dadurch macht sich die Aufnahme einer Anleihe nötig, deren Verzinsung und Amortisation von den 15 000 Mark nichts übrig lassen dürste. Man hat deshalb zur Förderung derselben Zwecke in den übrigen unterstützungsbedürftigen Gemeinden Anhalts sowie für Zuwendungen zu einer zu begründenden Pensions- und Reliktenkasse für die Kultusbeamten aller Gemeinden Anhalts die jährliche Verwendung von 15 000 Mark aus den Stiftungseinnahmen vorgesehen. Dagegen nmßte inan auf Verlangen des zur Zeit gerade nicht im Gelde schwimmenden anhältischen Staates die bisher von diesem jährlich den Gemeinden mit etwas über 2700 Mark gezahlten Beitrüge auf diesen Fond übernehmen. Der Staat wollte mich, daß der von ihn: gezählte Gehalt des Landesräbbiners auf die Stiftungskaffe übernommen würde; die Gemeinde hat sich aber dessen geweigert, weil dadurch die Stellung des Landesräbbiners eine Herabsetzung erfahren würde, und ist auch mit ihrer Weigerung bei der Negierung durchgekonunen. Beabsichtigt wird, eine von der Stiftung möglichst unabhängige Pensions- und Reliktenkasse der anhältischen Kultusbeamten unter deren. eigener Verwaltung zu schaffen. Doch steht die Begründung derselben iuuuer noch weit im Felde. Weitere 30 000 Mark gibt die Stiftung jährlich zur Unterstützung Armer und Hilfsbedürftiger ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses sowie zur Förderung von Vereinen und Veranstaltungen, die der moralischen sozialen und wirtschaftlichen Hebung der Armen und sonstigen Werken der Nächstenliebe gewidmet sind. Zwei Drittel der Summe müssen in Anhalt bleiben. Solche Armen und Hilfsbedürftigen aber, welche in Anhalt ihren Wohnsitz haben, dürfen nur unterstützt werden, wenn sie feit inindestens fünf Jahren in Anhalt wohnen. Mit letzterer Bestinunung wollte man sich dagegen wehren, daß Arme eigens nach Anhalt ziehen, um aus der Stiftung bedacht zu werden. Im übrigen wäre das auf jeden Fall nicht anzuraten gewesen, da jetzt schon zu übersehen ist, daß, von einzelnen Füllen abgesehen, die 30 000 Mark für eine Reihe armer Verwandter der Stisterin und anhaltischer Armer, die der Verwaltung aus ihrer sonstigen Tätigkeit bekannt sind und Unterstützung verdienen, werden aufgebraucht werden. Nicht ganz das gleiche trifft bei einem Posten von 20 000 Mark zu, der alljährlich für Krankenpflege ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses, insbesondere Zuwendungen an Krankenhäuser, Heilstätten?c. mit der Maßgabe ausgegeben werden soll, daß die Hälfte davon in Anhalt zur Verwendung kommen soll. Hier liegen noch nicht allzu viele Meldungen vor. Es steht zu erwarten, daß ein Teil der Summe dazu verwandt wird, um den Sanitätsdienst in Dessau, der schon von der Stadt mit Vorliebe gepflegt wird, wiederum auf eine höhere Stufe zu bringen. Die gleiche Summe von 20 000 Mark ist alljährlich ausgeworsen, uni ein Altersheim vorwiegend für Personen aus dem Bürgerstande zu gründen, für dessen dereinstige Benutzungs- und Aufnahmebedingungen das Glaubensbekenntnis nicht maßgebend sein soll. Indessen ist die Verwaltung zu Beginn ihrer Tätigkeit derart mit Aufgaben überhäuft, daß jedenfalls in den ersten Jahren mit der Gründung des Altersheim noch innegehalten werden wird. Wichtig ist, daß ein Betrag von 15 000 Mark jährlich zur Förderung der Wissenschaft des Judentums sowie zur Unterstützung solcher Vereine und Anstalten, welche der Erforschung und Pflege dieser Wissenschaft sowie der sozialen und moralischen Hebung des Judentums dienen, ausgeworfen ist. Zwar ist die Summe keine allzu erhebliche, aber nach Lage der Sache war ein Mehr nicht angängig. Immerhin wird auch so das Rüstzeug gegen den Antisemitismus verstärkt und erweitert werden, indem vor allem an der Hebung der Glaubensgenossen in sozialer und moralischer Beziehung gearbeitet wird. Ein für allemal ist festgelegt, daß 20000 Mark jährlich für eine in Dessau zu gründende Handelsschule ausgegeben werden. Es wird dadurch die Tradition der Franzschule erneut. Die Handelsschule soll etwa auf der Höhe einer Realschule, vielleicht auch auf der eines Technikums mit besonderer Betonung der Händelswissenschasten stehen. Der Lehrplan selbst ist noch nicht festgelegt, wohl aber hat sich unter Leitung des Dessauer Oberbürgermeisters Dr. Ebeling, der übrigens dem Stiftungswerke der Gemeinde von Anfang an wohlwollend gegenübergestanden hat, ein Komitee zur Errichtung der Handelsschule gebildet, das auch bereits die erforderlichen Grundstücke angekauft hat. Die Stadt hat ihre Sympathie dadurch bewiesen, daß sie ein Grundstück besonders billig hergäb, und auch weiteres Entgegenkommen in Aussicht stellt. Es steht zu erwarten, daß die neue Schule ein neuer Anziehungspunkt für Deffau werden wird. Dem Kuratorium der Schule werden Vertreter der Regierung, der Stadt und der Stiftung angehören. Damit ist der Etat, soweit er direkte Aufwendungen für Schulen betrifft, erschöpft. Weitere 10 000 Mark werden alljährlich noch an begabte Schüler und würdige junge Leute ohne Unterschied des Religionsbekenntnisses, jedoch in erster Linie an solche, die aus denr Herzogtum Anhalt stammen, als Stipendien vergeben. Auch hier liegt schon eine genügende Anzahl von Gesuchen vor. Damit endlich ein lebendiger Zusammenhang zwischen dem Herrscherhause und der Stiftung gewährleistet sei, hat man in dankbarer Erinnerung der Fürsorge des Herrscherhauses sür die Dessauer Gemeinde der regierenden Herzogin und der Erbprinzessin zusammen jährlich den Betrag von 5000 Mark zur Versügung gestellt, um dieselben für Zwecke der Stiftung verwenden zu können. Es steht zu erwarten, daß durch die Ausgaben der somit etatsuläßig festgelegten 165 000 Mark zusätzlich der weiter zu deckenden Steuer und Verwaltungskosten die Einkünfte aus der Stiftung allsgebraucht werden. Man wende nicht ein, daß die Stiftung sich zu viele 'Ausgaben gestellt hat, denn sie will eben in erster Linie im Anhaltlande tätig sein und hier wieder nach möglichst vielen Richtungen. Für die Erfüllung ihrer Aufgaben in Anhalt reichen aber ihre Mittel völlig aus, ja es steht zu erwarten, daß sie sich auf den Gebieten der Krankenpflege, der Förderung