Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1904)
- Date
- 1904-01-29
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
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52 ein Herr Hirsch schlechte Schuhe nach überseeischen Ländern sendet. Es mag noch ein Zweifel gestattet sein, ob das richtig ist, denn wer da weiß, daß die Antisemiten in ihren Werkstätten schon ganz ausgewachsene Ritualblutmärchen fabriziert -haben^ der wird vorsichtig sein. Aber selbst zugegeben, daß es einen unreellen jüdischen Gewerbetreibenden gibt, kann das einen Volksvertreter berechtigen, allen jüdischen Arbeitern, Gewerbetreibenden, Kanfleuten einen Schlag ins Gesicht zu versetzen? Was würde jener Delegierte sagen, wenn aus dem jüngsten Fall, daß eilt antisemitischer Wechselstubeninhaber Depots und Kautionen veruntreut hat, geschlossen würde, die Antisemiten unterschlagen Depots und Kautionen? Wersen Sie übrigens einen Blick in die Kriminalstatiftik und Sie werden finden, daß die Juden relativ gewiß keine größere Zahl von Ilebeltätern aufweisen als die anderen Bekenntnisse. . Ich verwahre mich dagegen, daß der Ton vom „goldenen Luchsen" und von anderen antisemitischen Versammlungslokalen in die Delegation hineingetragen werde. Mit der geschmackvollen Distinktion zwischen Menschen und Juden will ich mich nicht des näheren befassen. Ich bin nur dem Präsidenten sehr dankbar, daß. er dieselbe nicht ungeahndet passieren ließ. Wir sind wahrlich in anderen parlamentarischen Körperschaften nicht verwöhnt, denn dort versagt leider in dieser Beziehung die Sitzungspolizei ganz. Die. Rede des Herrn Dr. Byk war ein würdiger Protest gegen die Anzapfungen des antisemitischen Delegierten. * Die antisemitische Lüge von den Inden, die die körperliche Arbeit scheuen, ist zwar so gründlich widerlegt worden, daß die Klügeren diese abgetane Phrase nicht mehr in den Mund nehmen. Aber selbst für die Juden ist es überraschend, wie sehr zahlreich das Handwerk unter den russischen Inden vertreten ist. Aus der von der «!. 6. A. gesammelten Privatstatistik über die russischen Juden geht die erstaunliche Tatsache hervor, daß von den 5 200 000 Juden Rußlands über 600 000 sich mit einem Handwerk befassen. Zieht man die Zahl der Kinder unter 14 Jahren von der Gesamtzahl der jüdischen Bevölkerung ab, so ergibt sich, daß nahezu 29 Prozent aller Juden im Alter von über 14 Jahren der ehrlichen Zunft der Handwerker angehören, von denen nicht weniger als 577 874 ---- 96,3 Prozent in den 25 Gouvernements des Ansiedlungsrayons leben. Diese erstaunliche Zahl vergrößert sich noch sehr wesentlich, wenn wir die weiblichen Handwerker mit 76 908 abziehen und den Prozentsatz der Handwerker unter den erwachsenen Männern allein berechnen wollen. Es ergibt sich, daß von allen jüdischen Männern in Rußland im Alter, von über 14 Jahren 48 Prozent Handwerker sind. Darunter sind 259 396 --- 77 Prozent Meister, 140 528 — 28,0.5 Prozent Gesellen und 101 042 — 20,16 Prozent Lehrlinge, Man sieht daraus, daß die Mehrzahl der jlidischen „Meister" so arm ist, daß sie nicht einmal Lehrlinge halten, geschweige denn Gesellen beschäftigen können. Wir hoffen daher, daß selbst die enragierten Antisemiten die Juden nicht gleich als „arbeitsscheu" verschreien werden, wenn wir diese Zustände als ungesund erklären. Am besten sind noch die 28 258 Handwerksmeister in Südrußland gestellt, die noch 20 000 Gesellen und rund 13 000 Lehrlinge beschäftigen können. Es kommen da auf je 100 Meister noch immerhin 71 Gesellen und 88 Lehrlinge. Ihnen am nächsten stehen die 69 583 Meister aus den Gouvernements Kiew, Wolhnien und Podolien mit 46 395 Gesellen und 24 871 Lehrlingen. Es kommen da auf je 100 Meister 66 Gesellen und 35 Lehrlinge. Sehr schlecht ist es mit den 63 654 jüdischen Handwerksmeistern des Königreichs Polen bestellt, welche nur 30 501 Gesellen und 25 216 Lehrlinge beschäftigen, und wo zwei Meister zusammen noch nicht einen Gesellen halten und schon drei Meister ihren Betrieb Zusammenlegen müssen, um gemein- - schaftlich einen Lehrling in die Lehre nehmen zu können. Am allerschlimmsten jedoch müssen die arrnen jüdischen Handwerker im Nordwestrußland daran sein/ wo 97 900-Meister nicht mehr als 18 400 Gehilfen und 20 200 Lehrlinge halten können. Uebrigens beweist die verhältnismäßig geringe Zahl der jüdischen Gesellen und Lehrlinge, daß die russischen Juden leider das Handwerk bereits an den Nagel zu hängen' beginnen. Es will niemand mehr so bereitwillig ein! Handwerk lernen, da es zuviel Handwerker gibt und diese Be- , schäftigung im Anfiedlungsrahon keinen goldenen Boden mehr hat. j Von den 76908 ein Handwerk treibenden Frauen befinden sich j 31 800 in Nordwestrußland, 21233 in Südrußland, 8581 in Südrußland und 15 294 in Polen. Der Prozentsatz der im Handwerk! tätigen Frauen, der für das gesamte Ansiedlungsrayon 13,3 beträgt,! variiert in den einzelnen Gebieten zwischen'15,05 in Nordwestrußland i und 11,35 in Polen. Die verschiedenen zur Hebung des Handwerks : in Rußland in Vorschlag gebrachten Mittel werden angesichts, der j augenscheinlich übergroßen Zahl der Handwerker^ wenig helfen. Das einzige Mittel, die Lage des jüdischen Handwerkers gründlich zu verbessern, ist und bleibt die Emigration. Nur darf sie nicht etwa nach - den Vereinigten Staaten, sondern nach den an Handwerkern.so armen; Provinzen des Innern von Rußland selbst gehen. Das Mittel ist * billig und um so leichter anwendbar, als die jüdischen Handwerker; in Rußland sich ja gesetzlich der vollen Freizügigkeit erfreuen. Leider wollen die Führer des russischen Judentums aus uns! völlig unerklärlichen Gründen gerade von diesem Radikalmittel I keinen Gebrauch machen. Es wäre sehr wünschenswert, wenn nmßj gebende jüdische Kreise in Rußland sich darüber äußern würden! weshalb sie gerade diesen so naheliegenden Weg nicht, einschlagen! wollen. Dus drr Orrlmer Gemeinde. 8. Berlin, 14. Januar, ie Machtprobe der konservativen Mitglieder der Repräsentanten- Versammlung ist gelungen, die Parteidisziplin hat nicht versagt: die Orgel ist für die im Ban begriffene Syna-! goge Rykestraße mit acht konservativen gegen acht liberale > Stimmen abgelehnt worden! Dies das Ergebnis der Vorlage l betreffend den Kultus in der Rykestraßen-Shnagoge, welche in der j heutigen sehr interessanten und stürmisch bewegten Sitzung verhandelt j wurde, und ein sehr zahlreiches Publikum auf die Tribüne gelockt'; hatte. Wir heben diese Vorlage aus dem Rahmen der übrigen. Be-! ratungsgegenstände der heutigen Sitzung heraus und gewähren ihr j gern, ihrer Wichtigkeit entsprechend, einen breiteren Raum; wir hoffen i uns damit nicht nur den Dank unserer jetzigen Leser zu erwerben, sondern! auch der späteren Generationen, welche der Geschichte unserer Gemeinde; Interesse entgegenbringeu und hierbei die jeweiligen Anschauungen der! Gemeindevertreter nicht unbeachtet lassen dürfen. Zur Geschichte der Vor-! läge haben wir nur Weniges vorauszuschicken. Die bereits vor einigen; Wochen stattgehabte Plenarversammlung in der gleichen Angelegenheit; hatte nach längerer Debatte das Resultat gezeitigt, daß eine vorj beratende gemischte Deputation, bestehend aus zwei Aeltesten (Julius - Jacoby und Martin Simon) und vier Repräsentanten (Dr. Ignaz j Cohn, Aron Hirsch, Joseph Fraenkel und Louis Sachs) unter Zn-! ziehung von zwei Mitgliedern des Rabbinats (Dr. Mahbaum und! Dr. Eschelbacher), eingesetzt wurde. Diesem Beschlüsse ist der Gemeinde-! Vorstand beigetreten. Die Sitzungen der gemischten Kommission haben! am 7. und 14. d. M. stattgesunden und haben zu folgendem Abstimmungsergebnis geführt. Es wurden abgegeben: für die Einführung des Ritus der alten Synagoge in die Synagoge Rykestraße i keine Stimme, für die Einführung des Ritus der Synagoge Kaiser-! straße ohne Orgel drei Stimmen, dagegen drei Stimmen^ für die Einführung des Ritus der Synagoge Kaiserstraße mit Orgel! drei Stimmen, dagegen drei Stimmen. Im weiteren Verfolg der! Angelegenheit hat alsdann der Gemeindevorstand seinen statutarischen ' Verpflichtungen gemäß die schriftlichen Gutachten der Vertreter des Rabbinats eingeholt, welche wir Raummangels wegen in der nächsten Nummer im Wortlaut wiedergeben. Für heute wollen wir nur bemerken, daß die Herren Dr. Mahbaum, Rosenzweig, Stier, Blumeni thal für die Orgel, Herr Dr. Weiße — aber nur aus Opportunitätsgründen — und Herr Dr. Eschelbacher aus religiösen Gründen gegen dieselbe sind. Die Gutachten werden sicher allgemeines Interesse erregen. Auch die Gutachten von vier musikalischen Sachverständigen und zwar der Herren Chordirigenten der zwei orgelfreien Synagogen, i Georg Bloch und Friedemann Baruch, sowie der Herren