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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-01-29 · Heft 5 (29.1.1904) · p. Seite 50

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 5 (29.1.1904)
Date
1904-01-29
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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zusammengeschmiedet, die sie dazu gebracht hat und die sie 'immer wieder dazu zwingt, sich selbst eine' gewisse Ausnahmestellung zu vindizieren. Bedarf — sv können wir jetzt fragen — das jüdische Bewußtsein heute und in Zukunft einer Kräftigung und Wiederbelebung? Gegenüber dieser Frage möchte ich die Gegenfrage stellen:' Haben die Juden etwa ausgehört, eine Leidensgemeinschaft, der Allerwelts-Sündenbock zu fein, dem die Verantwortlichkeit für alle wirklichen und vermeintlichen Schäden der Zeit, für alle Auswüchse des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens' ausgeladen wird? ttud ist iw absehbarer Zeit eine Besserung der Verhältnisse, unter denen sie leiden, zu erwarten? " In besorgniserregender Weise steigert sich von Jahr zu Jahr die Abneigung gegen die Juden und Judentum. Die Parlamente, die Presse, Vereine und Versammlungen, der tägliche Umgang geben hiervon traurige Kunde, selbst die der Wissenschaft geweihten Stätten, bleiben von Reibungen und Feindseligkeiten nicht verschont. Das Gift des Hasses, den eine systematisch betriebene und von den Juden anfangs in der Hoffnung, daß es sich nur um eine vorübergehende Infektion handele, stillschweigend ertragene Hetze gezeitigt, zeigt seine Wirkung überall in der Oeffentlichkeit und im: privaten Verkehr. Offen und geheim wird in unserein Vaterlande an der Beseitigung des Nesnltates hundertjähriger Kultur-, arbeit und mühsamer Entwicklung unseres öffentlichen Lebens, an der Aushebung der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung der Juden gearbeitet, und was man durch die Gesetzgebung zur Zeit wenigstens noch nicht erreichen kann, sucht man auf dem Wege der Verwaltung durchzusetzeu — eine Arbeit, die, Gott sei es geklagt,'von ungeahntem Erfolge begleitet ist. Haben wir es doch erleben müssen, daß die obersten Hüter des Rechtes und der Gerechtigkeit in den beiden größten deutschen Bundesstaaten die dein Wortlaut und dem Geiste der Verfassung gleich schnurstracks zuwiderlanfende ungleichmäßige Behänd-' lung der christlichen uud jüdischeil Justizbeamten zugestanden und daß der preußische Justizminister offen erklärt hat, daß es in arideren. Ressorts noch schlimmer sei. Mit dieser Behandlung der beschworenen Verfassung geht überall Hand in Hand eine geschäftliche und gesellschaftliche Aechtung der Juden: ja selbst der verwitterte Schutt und Moder alter Vorurteile und Verfolgungen wird aus der mittelalterlichen Rumpelkamrner arrs Tageslicht gefördert rrnd findet Einlaß auch in die obersten Schichten der Bevölkerung. Au das längst vergessen gewöhnte Märchen vom Ritualmord glaubt heute nicht etwa ■nur der geistige Pöbel, nein, glauben leider auch Kreise, die ehemals Träger deutscher Freiheit des deutschen Idealismus gewesen sind: Ob diese moderne Zeitkrankheit noch lange die Volksseele umnachten .wird? Allein der Blick ans jene Jugend, die berufen ist, einst die führenden Stellungen im Lande einzunehmen, die akademische, lehrt uns, daß wir die Hoffnung auf den baldigen Eintritt besserer Zeiten schwinden lassen müssen. Angesichts dieser traurigen Lage, in der wir Juden uns befinden, noch weiter schweigend zuzusehen und es, wie zu Beginn der judenfeindlichen Bewegung, den freiheitlichen Parteien zu überlassen, für unser Recht zu kämpfen, wäre Torheit, ja wäre geradezu ein an Selbstmord streifendes Verbrechen! Endlich ist die Erkenntnis durchgedrungen, daß es in erster Linie den von der Not Betroffenen selbst obliegt, sich zu wehren und unentwegt zu kämpfen, bis Recht und Gerechtigkeit zur Wahrheit geworden. In diesem Kampfe um unser Recht und unsere Ehre darf keiner zurückstehen, ans keines Mitwirkung kann verzichtet werden. Jedes Juden Pflicht ist es. bei der Fahne zu bleiben, und je höher er im Leben steht, um so größer ist seine Verpflichtung, auszuharren. Und mit diesem Kampfe sind die Aufgaben, die die Tatsache der Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft stellt, nicht etwa erschöpft. Neben der Abwehr judenfeindlicher Bestrebungen obliegt den Juden die ungleich größere und wichtigere Aufgabe der Hebung des geistigen, sittlichen und sozialen Niveaus der Gemeinschaft, ungleich größer und wichtiger, weil ihre Lösung die Lösung der Judenfrage von Grund aus bedeutet. Zwar haben sich, seit unsere großen Männer im vorigen Jahrhundert die Emanzipation ihrer Leidensgenossen erstritten, die Juden auf allen Gebieten menschlicher Betätigung, auch aus denjenigen, die ihnen bis dahin verschlossen gewesen, bewährt und zum Teil Hervorragendes geleistet; aber Schäden und Mängel, die Jahrhunderte lange Bedrückung verschuldet-haben, sind nicht in einigen Jahrzehnten zu beseitigen: die Wunden, die dre Zeit geschlagen, kann nur die Zeit heilen'. Bedürfte es nun schon in Zeiten ruhiger Entwicklung zuu Durchführung dieser inneren Emanzipation der Mitwirkung, der auf einer höheren Stufe Angelangten, so ist heute, wo die antisemitische Bewegung dieser Entwicklung hindernd in den Weg . getreten, ja sie zurückgeschraubt hat, wo gegen uns Juden die sonderbare, aller Gerechtigkeit spottende; Logik angewandt wird, an die Stelle des einzelnen das allgemeine,! anstatt den oder einige Inden die Juden zu setzen, und bei einer! Arbeit, die-mehr als Recht und Ehre, die die schwer bedrohte Existenz i der Gemeinschaft sichern soll, die Mitwirkung aller-hierzu Fähigen j schon aus Gründen der Klugheit und der Selbsterhaltung auf das j dringendste geboten. Ja, der Männer und Charaktere bedarf es, i nicht der Schwächlinge und Streber, die Wahrheit, Recht, Gewissen; und Ueberzeugung jeden Augenblick zu verleugnen bereit sind um! eines persönlichen Vorteils oder um des besseren Fortkommens willen. | Und weil diese innere Arbeit wegen ihrer Größe und Schwierigkeit j von dieser Generation nicht gelöst werden kann, weil auch ein l Ende des Kampfes um Erhaltung der äußeren Emanzipation nicht j abzusehen ist und nur nicht wissen können, ob wir den endlichen Sieg; der Gerechtigkeit erleben werden, schon allein deshalb dürfen wir j Inden uns nicht damit begnügen, selber treu zur Gemeinschaft zu i halten, sondern müssen auch unsere Kinder zu Kämpfern für die! Sache der Gemeinschaft, zu Mitarbeitern an den Aufgaben der Gemeinschaft erziehen. Erfüllen müssen Nur sie, müssen wir uns mit möglichst viel von jenem Geiste, ans dem der Mut, die Opserfrendigkeit und die Ausdauer in btcfcm, Kampfe und in dieser Arbeit geschöpft werden. Dieser Geist heißt jüdisches Selbstbewnßtsein. Seine alleinige Quelle aber ist das jüdische Bewußtsein, aus ihm schöpft er seine Kraft und Würde. Und darum ergibt sich mit geradezu zwingender Logik für uns die unbedingte Notwendigkeit, dieses Bewußtsein in uns und in unseren Nachkommen nach Kräften zu stärken und, wo nötig, neu zu erwecken und neu zu beleben. Dir Woche. . Berlin, 26. Januar. ")^ei der Verhandlung im Reichstag über die sozialdemokratische Interpellation, betreffend die russische Polizeiagenten in Deutschland, kam natürlich auch die Lage der Juden zur Besprechung. Die Abgeordneten Schräder, Bebel und Müller-Sagan sprachen darüber. Der letztere kündigte an, daß er beim Etat des Auswärtigen Amtes die Plackereien zur Sprache bringen werde, denen in Rußland deutsche Reisende jüdischen Bekenntnisses ausgesetzt seien. Namentlich im Kosakengebiet, wo der Kosakengeneral selbstherrlich über Zulassung und Aufenthaltsdauer entscheidet, im Widerspruch mit Artikel 12 des Handelsvertrags, der allen Deutschen das Recht gibt, persönlich oder durch die in ihren Diensten stehenden Reisenden in dem Gebiete des anderen vertragsschließenden Teiles Wareneinkäufe zu machen oder Bestellungen auch unter Mitführung von Mustern zu suchen. Die „Vossische Zeitung" hat darüber in den letzten Tagen ausführlich berichtet. Dagegen hat die „Nowoje Wremjä" offiziös versucht, die Auffassung zurückzuweisen, daß die russischen Polizeimaßnahmen nichts mit dein Völkerrecht zu tun hätten. Das Blatt Ssuworins vertritt dabei die Ansicht, daß gerade die Polizeimaßnahmen eines Staates für alle das Staatsterritorium betretenden Ausländern in erster Linie bindend wären. Darin mache Deutschland keine Ausnahme und stehe auf dem gleichen Standpunkt wie Rußland. Die „Nowoje Wremja" schlägt vor, die Frage vom juridischen Standpunkt aus zu betrachten und ihr folgende Fassung zu geben: Nach welchem russischen oder deutschen Gesetz kann die Rechtsfähigkeit der in Rußland lebenden Deutschen entschieden werden?

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