Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1904)
- Date
- 1904-01-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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68. Jahrgang. No. 5. Berlin, 29. Jannar 1904. Allgemeine eitung desAudentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpeles. Begründet von Rabbiner D*« Ludwig Philippsoll. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgenr. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/^9, zu richten. Verlag von Rudolf rnofse, Berlin. Anker Gemrinlchgktsbewuhtlkln. Berlin, 27. Januar, ls vor einigen Monaten einer der trefflichsten Männer, die das moderne Judentum aufzuweisen hatte, als Julius Plotke eines frühzeitigen Todes starb, da horte man wohl hier und da die bewegliche Klage nur das verwaiste Geschlecht, dem es an Männern fehle, die es leiten könnten. Aber diese Klage ist nur scheinbar berechtigt. Am Grabe des Unvergeßlichen sprach ein nicht minder trefflicher Mann, der Landgerichtsrat Dr. Sommer, ein Studiengenosse des deutschen Kaisers, den bedeutungsvollen Satz aus: „Er war ein vollkommener Jude, wie wir es alle sein sollen, und er war ein vollkommener Deutscher, wie wir es alle sind " In diesem Satze liegt ein Bekenntnis und eine Mahnung, die Bände Predigten aufwiegen. Nein, Israel ist noch nicht verwaist. Und diese Ueberzeugung befestigt sich noch in uns, wenn wir in einer Rede folgen, die ein ebenso trefflicher Mann, der berufene Nachfolger Plotkes auf allen Gebieten unserer Arbeit, der Rechtsanwalt Dr. Blau, über das Thema vor einiger Zeit in der Loge zu Frankfurt am Main gehalten, das wir an die Spitze dieser Betrachtung gestellt haben. In dieser Rede, deren Grundgedanken gerade jetzt wieder in hervorragender Weise aktuell geworden sind, wird die Frage, ob die Erhaltung und Neübelebung des jüdischen Gemeinschaftsbewußtseins auch für unsere Zeit noch eine Notwendigkeit sei, in folgenden klaren, durch und durch jüdischen und doch wieder echt modernen Ausführungen beantwortet: Als das jüdische Staats- und Volksleben geschwunden war und der äußere Zusammenhang der in alle Welt zerstreuten Juden immer lockerer wurde, da war es die gemeinschaftliche Religion, welche ihre Anhänger in der Zerstreuung zusammenhielt und sie Tod und Martyrium, Haß und Verfolgung, Schmähung und Verachtung hat ertragen lassen. Aber — so müssen wir fragen — ift. es auch heute noch der starke Glaube der Väter, der alle ihre Nachkounnen miteinander verbindet? Zwar gibt es Glaubenssätze, auf die sich sämtliche Bekenner des Judentums trotz aller Verschiedenheit iln übrigen auch heute noch einigen; aber — wir mögen das auch noch sehr bedauern, das schafft jedoch die Tatsache nicht aus der Welt — nicht alle von jüdischen Eltern Geborenen sind auch Bekenner des Judentums. Gerade in gebildeten jüdischen ist, ebenso ivie in den christlichen Kreisen, der Unglaube, die Gegnerschaft gegen jeden Positivismus stark verbreitet, und selbst die Superiorität der jüdischen vor allen anderen monotheistischen Religionen ist eine keineswegs von allen Juden ausnahmslos anerkannte Tatsache. Auch die keineswegs unbestrittene Tatsache der allen Juden gemeinsamen Abstammung, auch sie ist es nicht, die allen Juden das Gefühl der Zusammengehörigkeit gewährt. Längst schon wird die Stimme des Blutes nicht mehr von jedem Sohne Israels vernommen. Man hat zum Beispiel keinen Anlaß, den Versicherungen gar vieler; Juden den Glauben zu versagen, daß sie für die galizischen,! russischen oder rumänischen Juden keinerlei irgendwie geartetes,! sei es Stammes-, sei es Nassenverwandtschaftsgefühl empfinden, : daß sie im Gegenteil a priori eher Abneigung gegen die Juden : Halbasiens hegen. Oder umschlingt die Juden gar auch heute noch ein nationales Band? Bilden wir heute, trotzdem fast zwei Jahrtausende vergangen . sind, seit der jüdische Staat zerstört worden ist, noch eine nationale ' Gemeinschaft? Einigt uns auch heute noch ein jüdisches National-- j gefühl? Ich meine, daß von der Existenz einer jüdischen j Nation in nuferen Tagen uur jemand reden kann, der den! Begriff der modernen Nation nicht erfaßt hat oder nicht erfassen will. Unter einer Nation versteht man heutzutage nicht mehr eine durch Blutsverwandtschaft geeinte Menge, eine genealogische Einheit. Die nationale Einheit im modernen Sinne beruht, wie der berühmte Hallenser Geograph, Professor Alfred Kirchhofs, in einer aus Anlaß der neulichen Polendebatten inr preußischen Landtag unter dem Titel: „Was ist national?" veröffentlichten Schrift unter Anrufung keiner geringeren als der Autorität Bismarcks klar dartnt, auf dem. natürlichen Zusammenschluß in einem zweckmäßig begrenzten geographischen Gebiete. . . . Doch der Begriff der modernen Nation führt zu einer scharfen i Trennung zwischen Nation und Nationalität. Letztere bezeichnet, ini dem sie eine in Wahrheit nicht existierende, „von einem nationalen! Adam und von einer solchen Eva herstammende große Familie, eine j Familiennation" unterstellt, Dinge, die bei jedem einzelnen Ange- : hörigen dieser großen Familie sich gleich vorfinden, wie Tracht, : Sprache, Sitte und Denkart, als national. In diesem Sinne spricht 1 man mit Recht von einer polnischen Nationalität, die ein Element sowohl der deutschen als der russischen und österreichischen Nation . bildet. Es wäre aber falsch, in gleicher Weise von einer jüdischen j Nationalität wenigstens innerhalb derjenigen Nationen zu reden, in! denen den Juden die Teilnahme an der nationalen Kulturarbeit i nicht versagt ist. Die Juden dieser Nationen haben sich in allen j diesen Dingen ihrer Umgebung akkomodiert und assimiliert. Unter- 1 schiede, die aus einer Zeit stammen, Ivo diese Teilnahme ihnen ver- . sagt war, sind in stetigem Schwinden begriffen. Das Unterscheidende! ist heute allein oder doch fast allein die Religion. Diese aber scheidet I auch die nichtjüdischen Staatsbürger: eine Staatsreligion kennt eben! der nroderne Staat nicht, soll er wenigstens nicht kennen. Welches ist also denn der Kitt, der alle Juden der Diaspora, ob sie wollen oder nicht, aneinanderfügt, der allen Juden immer und immer wieder zum Bewußtsein bringt, daß sie zusammengehören, daß sie alle eine Gemeinschaft bilden auch ohne ihnen allen gemeinsame reale oder ideale Güter? Aus diese Frage gibt es meines Erachtens nur die eine auch von Kirchhofs gegebene Antwort: Die bürgerliche Bedrückung, die Verachtung seitens der christlichen und mohammedanischen Völker, die gemeinsam getragenen Verfolgungen, die Absperrung in — ehemals reale, jetzt ideale — Ghettos, kurz, die spezifisch jüdische Not ist es, die die Juden zu einer Gemeinschaft