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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-01-22 · Heft 4 (22.1.1904) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 4 (22.1.1904)
Date
1904-01-22
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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Liebenswürdigkeit. /sympathisch. Er hatte ein tiefes und warmes' Interesse für alle jüdischen Bestrebungen. Den Angelegenheiterd. unserer Gemeinde widmete -er seine besondere Teilnahme. Seijt mehreren Jahren gehörte er dem Repräsentantenkollegium an. Außerdem war . er im Vorstand verschiedener Kommissionen und, Wohltätigkeitsvereine. Sein Eifer, sein Fleiß und seine Umsicht werden überall schwer vermißt werden. Sein Andenken aber wirdsortleben in dem Kreise, den er durch seine rastlose Arbeit und hin-> gebende Treue so ehrenvoll ausgesüllt hat im Leben! Könitz, 18. Januar. Vor dem hiesigen Schwurgericht gelangte am Montag eine Totschlagsangelegenheit zur Ver- : Handlung, die man vielfach mit der unter der hiesigen Bevölkerung noch immer nicht ganz verschwundenen Erregung über die an dem Gymnasiasten Ernst Winter vor jetzt beinahe vier Jahren, am 11. März 1900, verübte grauenhafte Bluttat in Zusammenhang bringt. Am Abend des 28. Septembers vorigen Jahres war in dem Gasthos von Schulte in dem im Kreise Schlochau gelegenen Dorfe Stegers ein älterer jüdischer Schriftsetzer Le vH aus Warschau eingekehrt, .um dort zu übernachten. In der Gaststube befanden sich eine Anzahl Ortseingesessener als Gäste, die ihn zu hänseln ansingen. Besonders gab das jüdische Versöhnungsfest, daß an diesem Tage gerade gefeiert wurde, Anlaß zu Sticheleien. Eswurde auch die Konitzer Mordangelegenheit ihm vorgehalten. Man hatte allgemein ziemlich viel getrunken und die Stimmung war sehr erregt. Die Erregung stieg noch, als sich Levh weigerte, einzugestehen, daß Ernst Winter das Opfer eines von den Konitzer Juden verübten Ritualmordes geworden sei, und als Erwiderung aus die Antisemiten schimpfte^ . lieber die weiteren Vorgänge weichen die Angaben der Beteiligten, erheblich ab. Man soll Levh gezwungen haben niederzuknien und. das Vaterunser zu beten. Schließlich wurde auf ihn von allen. Seiten eingeschlagen, bis er tot liegen blieb. Als die Hauptbeteiligten an dieser Geschichte wurden der Schlossermeister Max Hahn und der' Nachtwächter Johann Vergin aus Stegers, letzterer der Vater von., acht Kindern verhaftet, und in das Untersuchungsgefängnis des Landgerichts Könitz geführt. Beide hatten sich jetzt vor dem Schwurgericht wegen Körperverletzung mit nachfolgendem Tode zu verantworten. — Das Urteil ist, wie wir kurz vor Schluß des Blattes erfahren, dahin gefällt worden, daß der Schlosser Hahn unter Zu-r billigung mildernder Umstände mit einem Jahr Gefängnis bestraft, der' Nachtwächter Vergin sreigesprochen wurde. Das Urteil, aus das wir noch ausführlich zurückkommen, wird. nicht verfehlen, Aufsehen zu erregen. o. Nawitsch, 18. Januar. Unser Rabbiner, Herr Dr. I. Cohn, hat sich unter Bezugnahme auf einen im vergangenen Jahre an den Regierungspräsidenten zu Marienwerder gerichteten Erlaß des Herrn Ministers für Handel und Gewerbe, welcher durch eine Eingabe des „Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", betreffend die Dispensierung jüdischer Lehrlinge von dem Fortbildungs-Schulunterricht an den Sabbathen und Feiertagen veranlaßt worden ist, an den Vorstand der hiesigen Fortbildungsschule gewandt und um die gleiche Vergünstigung für die jüdischen Zöglinge gebeten. Das Gesuch wurde mit der Begründung abgelehnt, daß der betreffende Erlaß nur für den Regierungsbezirk Marienwerder Giltigkeit habe. Aus eine an die königliche Regierung - zu Posen gerichtete Beschwerde ist nun Herrn Dr. Cohn durch den Bürgermeister der nachstehende Bescheid geworden, den wir hier des allgemeinen Interesses wegen im Wortlaut mitteilen: „Aus Ihren am 24. Juni d. I. an den Herrn Regierungspräsidenten zu Posen gerichteten Antrag auf Befreiung jüdischer Schüler vom Fortbildungs- - unterricht teile ich im Austrage des Herrn Regierungspräsidenten mit, daß nach dem Erlaß des Herrn Ministers für Handel und Gewerbe vom 14. November 1902 bezw. 26. November 1903 jüdische Schüler auf Antrag der Eltern oder deren Stellvertreter an den Sonnabenden und an den hohen Feiertagen von dem Schulbesuch zu , dispensieren sind. Sofern der Unterricht in den Abendstunden erteilt wird, ist mit Rücksicht darauf, daß der religiöse Ruhetag am Abend . mit Sonnenuntergang beginnt und am Abend mit Sonnenuntergang endet, in der Zeit vom 15. September bis 14. März ble Dispensation der jüdischen Schüler nur für den Vorabend, in der übrigen Zeit aber für den Ruhetag selbst zu genehmigen." e.'Lissa (Posen), 10. Januar. Am 7. d. M. beging .de>: hiesige Israelitische Kranken-Unterstützungs-Verein das Fest seines 50jährigen Bestehens, durch eine Feier mit sich daranschließendem Festmahle im Saale des Kaiserhossi Nach einem einleitenden Gesänge hielt Herr Rabbiner Dr. Bäck die Festrede; im Anschluß hieran verlas er die Namen der in den 50 Jahren verstorbenen, sich um den Verein verdient' gemachten Mitglieder, hierauf folgte ein Schlußgesang. An dem Festmahle beteiligten sich ca. 100 Mitglieder, darunter auch einer von den drei hier noch lebenden Begründern des Vereins. Zur Erhöhung der Festesstimmung trugen verschiedene Toaste ernsten und heiteren Inhalts, sowie ein sehr gelungener Tafellied bei. Eröffnet wurde der Neigen der Trinksprüche durch ein van dem derzeitigen Vorsitzenden des Vereins, Herrn Baginskh, ausgebrachtes Kaiserhoch. Aus dem vor dem Festmahle vorgetragenen Rechenschaftsbericht sei hervorgehoben, daß der Verein über ein Vermögen von. 20 000 Mark verfügt, ca. 300 Mitglieder zählt und jährlich über 200 Mark an Unterstützungen gewährt. o. Breslau, 14. Januar. Wie ich Ihnen schon kurz gemeldet, ist am 6. d. M. Frau Dr. Flora Joel geb. Löwenheim, die Wittwe unseres unvergeßlichen Gemeinderabbiners, im 69. Lebensjahre gestorben. Die Beerdigung fand am 6. d. M. hier statt. Aus dem alten Friedhofe an der,Lohestraße hatte sich eine zahlreiche Trauergemeinde eingefunden, um der Heimgegangenen den letzten Liebesdienst zu erweisen. In der Leichenhalle ergriff zuerst der älteste Schwiegersohn, Rabbiner Dr. Ziemlich-Nürnberg, das Wort, um in ergreifender Rede seiner Schwiegermutter namens der Familie für all das Gute zu danken, das sie im Leben gestiftet. Ihm folgte Rabbiner Dr. Guttmaun, denr sich Rabbiner, Dr. Eckstein-Bamberg, ebenfalls ein Schwiegersohn der Verblichenen, anschloß. Frau Rabbiner Dr. Ioöl hat sich insbesondere um die Begründung und Leitung unseres Schwesternheims. Verdienste erworben und läßt in diesen Kreisen eine schmerzliche Lücke zurück. Ehre ihrem Andenken! Br. Beutheu O.-S., 11. Januar. Die Jahresfeste derChewra Kadischa mit ihrer demokratischen. Feier gehörten wie überall zum eisernen Bestand jeder größeren und kleineren Gemeinde, und die jüdischen Zeitschriften nehmen bei der Gleichartigkeit dieser Feierlichkeiten mit Recht keine Notiz davon. Wenn aber bei demselben in ernsten und heiteren Reden originelle und nachahmenswerte Anregungen gegeben werden, so dürsen diese mit Recht einem größeren Interessentenkreise zur Kenntnis gegeben werden. Herr Rabbiner Dr. Kopfstein führte gelegentlich des hier am 7. d. M. abgehaltenen Iahresfestes mit Geist und Humor folgendes aus: Gelegenheit zur Betätigung von Werken echter, wahrer jüdischer Menschenliebe böte sich den seingebildeten, unabhängigen jüngeren Damen in einem Kinderhort, der, ehrenamtlich geleitet, eine dauernd segensreiche Institution werden könne. Nicht jede junge Dame besitze das Talent der Klaviervirtnosin, deren Uebungen bisweilen die Nachbarschaft belästige, und die unter großen Opfern an Zeit und Geld erlangte Fertigkeit im Bepinseln der Leinwand bringe, ganz vereinzelte Fälle ausgenommen, wohl niemals eine Künstlerschaft. Aber das in jeder gebildeten Dame schlummernde natürliche Erziehungs- und Bildungstalent müsse, wenn liebevoll und anregend geweckt, segenbringend wirken. Es sei eine feststehende Tatsache, daß die liebevolle Versenkung in Kinderherzen, die Beschäftigung mit der hingebenden Erziehung von Kindern der ärmeren Bevölkerung besonders segensreich sei. Nicht nur das Bewußtsein, zur Lösung eines Teils der sozialen Frage mitgewirkt zu haben, müßte für die jüngere Damenwelt ein Ansporn sein, im Dienste der Menschenliebe zu wirken, sondern auch die dauernde Dankbarkeit derjenigen, denen diese früher oder später im Leben zn gute käme. Nicht gering sei auch der Gewinn anzuschlagen, der sich für diese Damen in ihrem späteren Berufe als Mutter ergäbe. Diese mit lebhaftem Beifall aufgenommene Anregung dürfte, wenn auch für einzelne. Großgemeinden nicht neu, so doch für weitere Kreise dazu angetan seinder jugendlichen Damenwelt ein Wirkungsfeld zu bieten, auf welchem sie ihren Ueberfluß an freier Zeit in hohen und idealen Zielen verwerten könnte. 8. Zabrze, 15. Januar. Unsere Gemeinde hat einen schweren Verlust erlitten. Herr Max Böhm ist plötzlich im 69. Jahre seines Lebens gestorben. Derselbe war seit vielen Jahren hier der Ver-

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