Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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68. Jahrgang. No. 4. Der Gemeindevote. Berlin, 22. Januar 1904. Vellage zur „Allgemeinen Leitung des Judentums" Korrelponden-rn und Kschrichten. Deutschland. S. Berlin, 15. Januar. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur hielt gestern Herr Rabbiner Dr. Ziegler-Karlsbad einen Vortrag über das Thema: „Jüdische Ketzer in alter Zeit." In fesselnder und lebendiger Darstellung schilderte der Redner den Gegensatz zwischen jüdischer und griechischer Weltanschauung, ans denen in zwei verschiedenen Perioden tiefe Konflikte hervorgehen mußten. Die Sedim, die Frevler, von denen die späteren Psalmen berichten, waren die Jünger Epikurs, die dessen Weltanschauung und Lebensweise gegen die jüdische Gottesidee und gegen das einfache, streng-jüdische Lebensprinzip ins Feld führten. Dasselbe versuchten etwa zwei Jahrhunderte später die Minim, gegen die die Rabbinen der talmudischen Zeit einen harten und erfolgreichen Vernichtungskampf führten. Der Vortrag bot ein interessantes, farbenprächtiges Bild jener bewegten Zeit, die uns heute wieder so lebhaft in ihren Bann zieht, und fand deshalb lebhaften, atlseitigeu Beifall seitens des zahlreich versammelten Publikums aus den besten Kreisen unserer Gemeinde. — Aus den auswärtigen Literaturvereinen: In Tilsit sprach Rabbiner Dr. Ehrlich über das Thema „Was haben wir Renchlin zu verdanken?"; Fräulein Dr. Samt er hielt dort und in Königsberg Vorträge über „Jüdische Gestalten der neueren Literatur". In letzterer Stadt sprach auch der städtische Lehrer Lev i-Berlin über das Thema: „Aus der Urzeit des Volkes Israel". In Kulmsee und Ostrowo sprach HerrJacob Zucker: „Was warJesaia, was könnte er uns heute sein?"; in Kempen und Jnowrazlaw: Herr Dr. C. Pinn über „Die Bedeutung des Judentums für die Erhaltung der Wissenschaften"; in Samter: Lehrer Speher-Gosthn über „den Patriotismus der Juden"; in Bromberg: Redakteur M. A. Klausner-Berlin über „Fünfzig Jahre Gesetzgebung und Verwaltung"; in Er ätz: Rabbiner Dr. Friedrnann über „Altjüdische Speisegesetze und Tischgebräuche"; in Pinne: Rabbiner Dr. Joseph-Stolp über „Schopenhauer und die Juden"; in Kattowitz: Archivar Dr. Zivier über „Russentum und Judentum". In Breslau: Professor Dr. Geiger über „Börne"; in Magdeburg: Rabbiner Dr. Manheimer-Oldenburg über „Das Judentum und die Kultur der Menschheit"; in Hamburg: Dr. Rosenberg -Thorn über „Die Makkabäer in der deutschen Dichtung"; Dr. Pick-Berlin über „Höckels Welträtsel"; in Brakel und Steinheim: Dr. Rosenthal-Stargard über „Bibel und Babel". In Höxter derselbe über „Psalmen in der Weltliteratur", in Detmold über „Herder und die Bibel", in Lage über „Die Naturdichtungen in der Bibel", in Lippstadt und Hamm über: „Die drei Rätselbücher der Menschheit"; in Dortmund: Dr. Hochfeld- Düsseldors über „Die innere Kräftigung des Judentums im neunzehnten Jahrhundert"; Herr S. Freund über „Jüdische Statistik"; in Essen: Dr. Samuel über „Die zionistische Bewegung unserer Tage"; Rechtsanwalt Dr. Herz selb über „Die Geschichte der Blutbeschuldigung"; Dr. Paul Nieger-Hamburg über „Jesus und Hillel"; in Elberfeld Dr. med. Singer über „Den allgemeinen Gesundheitszustand der jüdischen Bevölkerung"; in Köln: Professor Dr. Max Schmid-Aachen über „Die modernen Malereien und das Judentum"; in Beuel: Dr. Salomon-Jserlohn über „Moses Mendelssohn"; Dr. Kali sch er-Bonn über „Ein dänischer Ghettodichter"; in Hoppstetten: Landrabbiner Dr. Levit über „Uriel Acosta"; Lehrer Lasker-Oberstem über „Rabbi Akiba"; in Oberstein: Landrabbiner Dr. Levit über „Die Urteile von Chamberlain und Haeckel über Religion und Judentum"; in Gießen: Dr. Sülfeld-Mainz über „Welt und Haus der deutschen Juden im Mittelalter"; in Frankfurt a. M.: Dr. Eschelbacher-Berlin über „Die Verbreitung der Lehre des Judentums zur Zeit der Entstehung des Christentums". Dr. Lazarus-Kassel sprach in Würzburg über „Die zehn Stämme"; in Schweinfurt sprach Rechtsanwalt Dr. Hommel über „Lazarus' Ethik des Judentums"; in Mülhausen i. E.: Maurice Bloch-Paris über „Alexander Weilt"; Dr. Günzburger-Sulz über „Die Namen der Juden im Elsaß. — Neue Literaturvereine wurden begründet in Küstrin und Groß- Strehlitz. In Küstrin besteht der Vorstand aus den Herren I. D. Müller, Sigismund Hartwig, Religionslehrer Hase, Siegfried Schwartz und Adolf Herzog. In Groß-Strehlitz, wo der Verein bereits 60 Mitglieder zählt, bilden den Vorstand die Herren Geheimer Mediziualrat Dr. Graetzer, Justizrat Wo h lau er, Prediger Steiner, Dr. med. Wnchsuer, Kaufmann Samuel Nothmann. s. Berlin, 12. Januar. Der „Israelitische Frauen-Unterstützungsverein, der größte jüdische Frauenverein Berlins, will das Gebiet seiner sozialen Hilsstätigkeit um ein weiteres Feld vergrößern. In seiner letzter: Vorstandssitzung wurden zwei Beschlüsse gefaßt, durch deren Ausführung die Armenpflege planmäßiger organisiert wird. Der Verein, dessen Ausgabe es ist, jüdische Mädchen, Frauen und Kindern helfend zur Seite zu stehen, ergänzt die schon bestehende Hauspflege aufs glücklichste durch Einstellung einer geprüften Krankenschwester, die die Aufgabe hat, den Kranken, bei denen eine dauernde Pflegerin nicht nötig ist, krankenpflegerische Hilfe angedeihen zu lassen; sie geht tagsüber von Familie zu Familie, hier einem kranken Kinde einen Umschlag zu machen, dort eine ständig Sieche nmzubetten oder einer sonst normalen Wöchnerin beizustehen, in alle Häuser hygienische Gedanken und praktische Aniveisungen zur Ausführung tragend und zugleich als Bindeglied zwischen den Armen und ihren Wohltätern heilsam wirkend. Gleichzeitig wurde mit Aerzten in allen Stadteilen ein Abkommen getroffen, nach welchem! sie Faniilien, die keine ärztliche Behandlung sich zu leisten im stände sind und städtische ärztliche Hilfe nicht in Anspruch nehmen, aus Kosten des Vereins behandeln. Die großen Mehrkosten, die dem „Israelitischen Frauen-Unterstützuugsverein" (Vorsitzender: Herr Weinberg, Wasserthorstraße 50) dadurch entstehen, hofft er durch Gewinnung neuer.Mitglieder, und Freunde für seine hochgesteckten Ziele und durch ein für ' Ende März in Aussicht genommenes Konzert zu decken, j Schriftliche Gesuche um den Besuch der Schwester sind an Frau Henriette May, Wilhelmstraße 133 zu richten. Anmeldungen neuer! Mitglieder nimmt Frau Jordan, Porkskraße 73 entgegen. ' — Berlin, 18. Januar. Das jüdische Genesungsheim in! Lehnitz für Frauen und Mädchen soll in diesem Jahre bereits am 1. März wiedereröffnet werden. Mit Rücksicht darauf, daß in den Sommerrnonaten das Heim stets überfüllt ist, empfiehlt es sich für Erholungsbedürftige, ihre Gesuche um Ausnahme schleunigst an die Geschäftsstelle, Große Präsidentenstraße 3 zu richten. ■A. Berlin, 17. Januar. Sein sechzigjähriges Jubiläum als Berliner Bürger und Mitglied der jüdischen Gemeinde konnte aut 10. d. M. der Rentier Herr Wilhelm Weisstein feiern. Anfangs 1844 war Herr Weisstein aus seiner Heimatstadt Glogau nach Berlin gekommen und hatte hier ein in weitesten Kreisen bekanntes elegantes Geschäft mit Gardinen und Möbelstoffen errichtet, wobei er der Erste in Berlin geivesen ist, der aus diesem Zweige eine Spezialität machte. Vordem wurden diese Wohnungseinrichtungsartikel nur mit „Weißwaaren" zusammengeführt. Seit dieser: langen Jahren erfreut sich Herr Weisstein mit seiner Gattin, die eine Schwester des bekannten Zigarrenfabrikanten I. Neumann ist, allgemeiner Verehrung und Hochachtung, die auch in der Verleihung der Ehrenmedaille zur .goldenen Hochzeit durch den Kaiser ihren Arrsdruck fand. Eine Reihe von Ehrenämtern verwaltet rmser nunmehr 84 Jahre alter Mitbürger in vollkommener Frische und Rüstigkeit in Stadt und Gemeinde. Möge es ihm noch lange vergönnt sein, zu wirken und zu schaffen! s. Berlin, 18. Januar. Am 16. d. M. ist hier Herr Emanuel Sachs, der letzte Sohn unseres unvergeßlichen Predigers Dr. Michael Sachs, im 56. Lebensjahre nach kurzem Leiden gestorben. Der Dahingeschiedene war ältest, die ihn kannten, wegen seiner Güte und